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Der Mensch, ein Rätsel

Ein neues Buch über Dostojewski zeichnet das Leben eines der größten russischen Schriftsteller nach – und stellt dabei besonders seinen Glauben heraus. Und was gutes Schreiben mit Leiden zu tun hat. Eine Rezension.
Von Jörn Schumacher

Foto: Wassili Grigorjewitsch Perow | Public Domain Mark 1.0

Dostojewski 1872 in einem Porträt von Wassili Perow

Fjodor Dostojewski war kein einfacher Mensch. Auch sein Leben war kein einfaches. Und so sind seine Werke, Weltliteratur wie „Schuld und Sühne“, „Der Idiot“ und „Die Brüder Karamasow“, nur zu verstehen als die Versuche, das Komplexe an Menschen in Worte zu fassen. Schon als 17-Jähriger schrieb Dostojewski: „Der Mensch ist ein Geheimnis. Man muss es enträtseln.“ Der ARD-Journalist Markus Spieker hat sich an einer Biografie dieses vielleicht größten russischen Schriftstellers versucht. Er gibt sich alle Mühe, aber auch dieses Buch ist, wie könnte es anders sein, nicht einfach.

Auf fast 540 Seiten versucht der TV-Journalist Markus Spieker alles, um seine überbordende Begeisterung für den russischen Schriftsteller Fjodor Dostojewski auf den Leser zu übertragen. „Er war noch keine 18 Jahre alt, da hatte er schon beide Eltern verloren“, schreibt Spieker im Vorwort. „Mit 36 befand er sich in der Verbannung, hinter ihm lagen eine Scheinhinrichtung und vier Jahre in einem Straflager. Im Alter von 46 hat er bereits seinen geliebten Bruder, seine erste Frau und eine Tochter begraben.“ Gefeiertes Schriftsteller-Wunderkind, Möchtegern-Revolutionär, Hinrichtungskandidat, Sibirien-Sträfling, Epileptiker, Spielsüchtiger, Bankrotteur, Womanizer und schließlich Familienvater und Moral-Influencer… Spieker fasst zusammen: „Was Dostojewski in seinen 59 Jahren erlebte, reicht nicht nur für mehrere Folgen einer Fernsehserie, sondern für viele Staffeln.“

Dabei ist das Buch „Rock Me, Dostojewski!“ schwer als Biografie zu bezeichnen. Dafür fehlt dem Autoren vielleicht die objektive Distanz. Vielmehr schreibt hier ein Dostojewski-Fan, der seine Begeisterung kaum zügeln kann. Es wimmelt so von Superlativen. „Kein anderer der großen russischen Schriftsteller seiner Zeit musste so hart für sein tägliches Brot arbeiten, keiner erlebte so viele Abstürze und feierte so umjubelte Comebacks“, schreibt Spieker, und: „Über ihn wurden mehr Biographien verfasst als über die allermeisten anderen Schriftsteller.“ Daher sei sein Buch eher eine „Gesamtschau der Weisheiten, die Dostojewski uns mitzuteilen hat“. Schon das Cover, das Dostojewski in einer Art grellbunter Pop-Art zeigt, soll unmissverständlich klar machen: Hier werden nicht einfach nur Lebensdaten heruntergerasselt. Den großen russischen Autoren in einem Bücherregal eines Bildungsbürgertumshaushaltes neben Goethe verstauben zu lassen, wäre viel zu schade. „Poet. Prophet. Psychologe. Punk.“, heißt es im Untertitel des Buches.

Im Vorwort schreibt, nein, rappt Spieker geradezu die Bedeutung Dostojewskis für unsere heutige Zeit herbei und macht gleich weiter mit den Alliterationen: „Was hat ein toter, tief aus dem 19. Jahrhundert kommender Russe uns im 21. Jahrhundert zu bieten? Wie wär’s mit: Wahrheit? Wirklichkeit? Weisheit?“ Für Spieker gilt: „ Dostojewski rockt!“ Und anlehnend an den Werbespruch für scharfe Pastillen: „Wenn er zu tief ist, sind wir zu flach.“

Es wimmelt von Superlativen

Ja, Dostojewskis Bücher handeln vor allem von den dunklen Seiten des Lebens, gibt Spieker zu, spaßfrei seien sie deswegen aber keineswegs. In gerade einmal 25 Jahren beruflicher Aktivität veröffentlichte er um die 20 Romane und Novellen, dazu rund 20 Kurzgeschichten, über 200 Aufsätze, hinterließ mehr als 700 Briefe. „Er gilt als ein großer Schriftsteller“, stellt Spieker fest und fügt hinzu: „Zu Unrecht, finden wir. Er ist aus unserer Sicht noch mehr. Er ist der Größte.“ Es ist dieser Überschwang und der inflationäre Gebrauch von Superlativen, der zunächst in das Buch hineinzieht und, ja, große Neugier weckt, dann aber immer skeptischer werden lässt. Schlechtes hatte dieser Mensch offenbar nicht an sich? Vorwürfe, die es durchaus gegenüber dem Schriftsteller gab und gibt, etwa dass er sehr antisemitisch eingestellt war oder einen starken Hang zur Darstellung von sexuellem Missbrauch junger Mädchen hatte, wischt Spieker eher nebenbei weg, wenn auch mit stichhaltigen Argumenten.

Spieker, der promovierter Historiker ist, war ARD-Korrespondent in Berlin, zwischen 2014 und 2018 leitete er das ARD-Studio in Neu-Delhi und war als Korrespondent für Südasien zuständig. Er berichtete aus Kabul über die Machtübernahme der Taliban, seit seiner Rückkehr nach Deutschland ist er beim MDR in Leipzig tätig. „Rock Me, Dostojewski!“ schrieb er zusammen mit dem Co-Autoren David Bühne, seinem Schwager. Das Buch erscheint pünktlich zum Dostojewski-Jubiläum: Er wurde vor 200 Jahren, am 11.11.1821, geboren.

Spieker gelingt es, vor allem in den hinteren Kapiteln seines Buches, die große Bedeutung des christlichen Glaubens für Dostojewski herauszuarbeiten. Die Stärke des Schriftstellers sei es, den Leser „nicht in weit entfernte Welten“ zu entführen, „sondern tief ins eigene Ich“. „Liebe, Glaube und Hoffnung“ seien „die Dimensionen seines Denkens.“ Vor allem in seinen Essays und Briefen wiederholte er mit beinahe obsessiver Penetranz sein Credo: Wenn Christus nicht Gott ist und das Leben nicht in die Ewigkeit hinüberreicht, dann ist alles sinnlos. Spieker selbst gibt an einer Stelle zu verstehen: Das Buch sei im Gespräch mit zwei Freunden entstanden, und: „Wir teilen unter anderem Dostojewskis christliches Bekenntnis.“

Ikonographisch-poppig: Das Cover von „Rock Me, Dostojewski!“.

Dostojewski sog den christlichen Glauben quasi mit der Muttermilch ein. Die Eltern waren sehr religiös, an jedem Sonn- und Feiertag ging es zum Frühgottesdienst und zur Abendmesse. Spieker: „Unter den berühmten Schriftstellern seiner Zeit ist Dostojewski mit seiner christlichen Erziehung die Ausnahme. Weder Tolstoi noch Turgenjew, Balzac, Flaubert, Dickens oder Thackeray hatten besonders geistlich ausgerichtete Eltern.“ Als Student bekam Dostojewski von den Kommilitonen den Spitznamen „der Mönch“, denn er las viel in der Bibel und in christlicher Literatur und ging viel in die Kirche.

Es ist vor allem das Buch Hiob, das einen besonders starken Eindruck auf Dostojewski ausübte. Kein Wunder: Wer Spiekers Buch ganz liest, erfährt viel über den Leidensweg dieses Autors. Der Schriftsteller interessierte sich dabei nicht für die Theologie der Geistlichkeit, sondern eher für den naiven Glauben des einfachen Volkes, der Ungebildeten und Armen. Eine Frage, die ihn mit zunehmendem Alter beschäftigte, war, welche Konsequenzen der Abfall von Gott hat, für den einzelnen Menschen und für die Gesellschaft. Denn der Atheismus, damals noch eine vereinzelte neue Erscheinung unter Intellektuellen, verbreitete sich auf besorgniserregende Weise immer mehr im Volk.

„Um gut zu schreiben, musst du leiden“

Dostojewski, der zunächst militärischer Zeichner wird, feiert als 22-Jähriger mit seinem ersten Roman „Arme Leute“ einen großen Erfolg. Er genoss das Leben in der Großstadt, hatte viele Liebschaften. Dann wurde er festgenommen wegen seiner Verbindungen zum revolutionären „Petraschewski-Kreis“. Dostojewski wird zum Tode durch Erschießen verurteilt, doch das Erschießungskommando wird kurz vor Vollstreckung gestoppt. Er kommt in ein Arbeitslager in Sibirien. Hier entschließt er sich ernsthaft für den Glauben an Jesus. Es grenzt an ein Wunder, dass Dostojewski die nächsten Jahre bei harter Arbeit in Ketten, teilweise bei minus 40 Grad, überlebt, so Spieker. Viele seiner Genossen sterben.

Beeindruckend seien seine späteren Schilderungen dieser Zeit, nachzulesen in „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“. Spieker: „Geblieben ist ihm die Kraft, die er aus der Lektüre des Neuen Testaments bezieht. Die tröstende Botschaft vom Leben nach dem Tod.“ 15 Jahre nach seiner Verhaftung (Dostojewski war 38 Jahre alt) gelang ihm „mehr als nur ein bescheidener Wiederaufstieg“, schreibt Spieker, „nämlich das grandioseste Comeback der Literaturgeschichte.“ Den Lebenslauf von Dostojewski könne man genauso gut Leidenslauf nennen, schreibt der Journalist. „Witwer mit 42. Im selben Jahr, 1864, stirbt sein engster Angehöriger und bester Freund, sein Bruder. Später muss er zwei seiner vier Kinder begraben, jeweils diejenigen, an denen er am meisten hängt. Dann sind da noch Depressionen, Epilepsie, Unterleibserkrankungen, Lungenleiden, Spielsucht, Geldsorgen, Geschäftsflops, Bankrotte, Zensurverbote. (…) Dostojewski trägt nicht nur einen Stachel im Fleisch, sondern Dutzende. Sein Leben gleicht einem Marsch durch ein Kaktusfeld.“

Das Buch „Rock Me, Dostojewski!“ zeichnet, so umfangreich es sein mag, auf unterhaltsame Weise den Lebenslauf eines Schriftstellers nach, dessen Leben so vielfältig war, und dessen Werk eine unermessliche Quelle von Lebensweisheit ist. „Mit ‚Schuld und Sühne‘ gibt Dostojewski endgültig Vollgas“, schreibt Spieker und macht mit einem Zitat des Schriftstellers deutlich, worin Dostojewskis Erfolg vielleicht begründet sein mag: „Um gut zu schreiben, musst du leiden! Du musst leiden!“ Der Autor nimmt den Leser mit auf die Mission des großen, ja, vielleicht des größten russischen Schriftstellers: „Der Mensch ist ein Geheimnis. Man muss es enträtseln.“ Wie unerlässlich hier der christliche Glaube für den Schriftsteller war, dürfte vielleicht für den einen oder anderen noch unbekannt gewesen sein.

Markus Spieker & David Bühne: „Rock Me, Dostojewski!“, Fontis-Verlag, 560 Seiten, 25 Euro, ISBN: 978-3-03848-224-6

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2 Antworten

  1. „sondern tief ins eigene Ich“ Als Jugendlicher hab ich die “Russen” verschlungen, Dostojewski hatte dabei eine Sonderrolle. Ihm gelang es mich als Leser mit den Protagonisten leben und leiden zu lassen.
    War die eigene Seele bis dahin noch ein unbekanntes Wesen, Dostojewski machte einen mit sich selbst bekannt, es blieb nicht aus, dass mit zunehmender Wahrnehmung auch auch ein gewisser Narzissmus einherging. Selbstbespiegelung kann eben auch blind machen für den Anderen.
    In der Retroperspektive aber Gott alleine die Ehre, letztlich ist er es der einen Hunger nach Wahrheit und Tiefe in den Menschen legt !

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