Im Vorfeld ausgerechnet der 70. Ausgabe des Eurovision Song Contests sah es so aus, als würde die eigentlich als versöhnlich-friedliches Musikfest gedachte Veranstaltung zum Desaster werden. Fünf Rundfunkanstalten hatten aus Protest gegen den Teilnehmer Israel und dessen Sender KAN ihre Mitwirkung abgesagt: Irland, Island, die Niederlande, Slowenien und Spanien. Der Sieger aus 2024, Nemo aus der Schweiz, hatte seine Trophäe aus denselben Gründen öffentlichkeitswirksam zurückgegeben.
Grund für den Widerstand war für die Protestierenden das Vorgehen Israels in Gaza als Reaktion auf den Terror des 7. Oktober. Wie auch schon in den beiden Vorjahren stand der israelische Teilnehmer, in diesem Jahr der Sänger Noam Bettan, unter besonderer öffentlicher Beobachtung und nicht nur das. Bei seinem Auftritt im Halbfinale wurde er in der Wiener Stadthalle ausgebuht, palästinensische Flaggen wurden geschwenkt, ein Mann rief laut „Genozid!“. Außerdem gab es rund um den ESC pro-palästinensische Demonstrationen in Wien.
Nicht nur das dürfen Beobachter angesichts eines Musikwettbewerbs, der Nationen und Menschen ausdrücklich durch Musik zusammenbringen will, befremdlich finden. Auch einige der Auftritte der vergangenen Jahre sorgten für erhebliches Augenbrauenheben. Etwa jener der Künstlerin „Bambie Thug“, die 2024 als Hexe auftrat und in ihrer Show eine Satansanbetung zeigte. Christen protestierten anschließend gegen die Austragung des nächsten ESC in der Schweiz, scheiterten aber mit ihrem Anliegen.
Nicht nur deshalb ist der Contest in den vergangenen Jahren teils kritisch beäugt worden. Viele Auftritte waren weniger familientauglich als noch vor Jahren, zeigten stark erotische Tanzaktionen oder ausnehmend gruselige Kostüme.
Soweit die Ausgangslage des größten internationalen Musikevents mit 180 Millionen Zuschauern. Es kam dann aber doch weniger konfliktreich als viele dachten. Das hat verschiedene Gründe. Drei Erkenntnisse der PRO-Redaktion zum diesjährigen ESC:
1. Eine Gewinnerin, über die man sich freuen kann
Gewonnen hat in diesem Jahr eine Sängerin, für die man sich einfach nur freuen kann. Dara aus Bulgarien machte das Rennen im letzten Moment vor Israels Noam Bettan, der zweiter wurde. Bulgarien gehört zu den ärmsten Ländern Europas. Da kann man den mit teils harten Beats unterlegten Song „Bangaranga“ mögen oder nicht, aber wohl jeder wird dieser Gewinnerin den Sieg gönnen.
Noch dazu hatten die Wettbüros Bulgarien im Vorfeld kaum auf dem Schirm, als möglicher Gewinner wurden der dramatisch daherkommende finnische Teilnehmer (mit Elektrogeigenbegleitung und brennendem Beichtstuhl) oder der etwas verrückte griechische (mit Tigermütze und orangen Fellstulpen) gehandelt. Ein Grund zur Freude, denn auch das ist der ESC: Es gibt noch Überraschungen, die Underdogs können siegen und immer wieder kommt es anders als gedacht.
Dass Israel den zweiten Platz holte, darf ebenfalls fröhlich stimmen und zwar nicht nur wegen des wirklich hochklassigen Songs „Michelle“. Von Deutschland gab es 12 Zuschauerpunkte, die Israelfans haben nicht nur hierzulande kräftig angerufen. Doch auch von den Jurys gab es dieses Mal mehr Punkte als noch im Vorjahr – angesichts der öffentlichen Debatte haben viele anderes erwartet.
Zur Erklärung: Jury und Zuschauervoting fließen zu gleichen Teilen in die Endbewertung ein. Auch in diesem Jahr waren es vor allem die Anrufer, die Israel gepusht haben. Der Schatten, der anfänglich über Israels Teilnahme lag, schien am Ende zumindest weitgehend verflogen, auch wenn hier und da Buh-Rufe bei der Bewertung zu hören waren. Alles in allem blieb es – soweit vor dem TV-Bildschirm zu verfolgen – politisch gesehen ruhig in der Wiener Stadthalle.
2. Ein religiöser Song überraschte
Noch etwas hatten viele nicht auf dem Schirm: Polen! Sängerin Alicja trat mit einer Gospel-HipHop-Nummer auf die Bühne, die an den amerikanischen Blackmusic-Sound der 2000er erinnerte. Im Song „Pray“ – also zu Deutsch „Beten“, singt sie in Mary J. Blidge-Manier darüber, wie sie ihre Hoffnung auf das Gespräch mit Gott setzt, damit der ihre Sünden vergibt.
Der Refrain besteht nur aus einem Wort und ist eine Aufforderung zu eben jenem: „Beten!“. Insgesamt reichte es für die polnische Sängerin nur für Platz 12, aber sie sorgte für eine ordentliche Überraschung und hat vielleicht einige Christen wieder mit dem ESC versöhnt.
3. Provokation in Maßen
Skandal wie der von „Bambie Thug“ oder allzu explizite Auftritte blieben in diesem Jahr aus. Das dürfte vor allem die gefreut haben, die gemeinsam mit ihren Kindern den ESC verfolgt haben. Im Vorfeld gab es zwar einigen Aufruhr wegen eines Songs aus Rumänien mit dem Titel „Choke me“, also „Erwürg mich“. Die Sängerin Alexandra Căpitănescu erklärte aber umgehend, der Text sei im übertragenen Sinne gemeint und sei keine Aufforderung zur Gewalt. Sie holte damit den 3. Platz.
Außerdem hieß es, beim Auftritt der finnischen Combo Linda Lampenius und Pete Parkkonen werde ein Beichtstuhl in Flammen stehen. Was dann auch stimmte, nur dass der Auftritt ansonsten ohne religiöse Provokation auskam und der Beichtstuhl kaum als solcher zu erkennen war. Alles halb so wild also, es wird vermutlich nicht mal die Teilnehmer des zeitgleich in Würzburg stattfindenden Katholikentages geärgert haben.
Der Titel holte Platz 7. Und man darf sich, egal ob Christ oder nicht, ob Israelkritiker oder -fan, auf den ESC im Jahr 2027 in Sofia freuen. Deutschlands Sarah Engels belegte in diesem Jahr übrigens Platz 23. Aber deutsche ESC-Fans sind Kummer gewöhnt und das schlechte Abschneiden zumindest ist schon lange kein Aufreger mehr.