Das leichte Wort Gottes

Für Menschen, die geistig beeinträchtigt sind, kann es schwer sein, biblische Texte zu verstehen. Damit sie einen besseren Zugang dazu bekommen, übersetzen zahllose Ehrenamtliche die Bibel in Leichte Sprache.
Von Jörn Schumacher
Sonja Hillebrand

Die Bibelstelle von der Fußwaschung Jesu (Johannes 13,1–15) liest sich in Leichter Sprache so: „Als Jesus lebte, feierten die Menschen manchmal ein Fest. Bei dem Fest dankten die Menschen Gott. Weil Gott immer gut ist. Ein solches Dank·fest heißt Pas·cha·fest. (…) Damals mussten sich die Menschen oft die Füße waschen. Weil die Menschen keine Strümpfe hatten. Und keine festen Schuhe. Die Menschen gingen barfuß. Oder in Sandalen. Die Menschen mussten die Füße nicht selber waschen. Dafür gab es extra einen Diener. Der Diener musste die Füße waschen.“

Der Luthertext holt hier inhaltlich weiter aus. Eines wird aber klar: Der Bibeltext in Leichter Sprache ist nicht unbedingt kürzer als das Original. Aber er formuliert um, setzt andere Akzente, erklärt Dinge, die Menschen mit Behinderungen nicht sofort einleuchten, weil sie unbekannte Sachverhalte beschreiben.

Leichte Sprache ist eine Varietät des Deutschen, die ursprünglich entwickelt wurde, um Menschen mit einer geistigen Beeinträchtigung die Teilhabe am öffentlichen Leben zu ermöglichen. Inzwischen wird diese Sprachform jedoch auch überall dort verwendet, wo die Adressaten geringe Deutschkenntnisse oder Schwierigkeiten mit dem Lese- oder Hörverstehen haben.

Seit dem 1. Mai 2002 gilt das Behinderten-Gleichstellungs-Gesetz (BGG), demzufolge alle Ämter eine Pflicht zur Barrierefreiheit haben, sie müssen auf Nachfrage Informationen auch in Leichter Sprache anbieten. Wie steht es da um die Kirchen, die ja die wichtigste Botschaft der Welt an alle Menschen vermitteln sollen? Seit Kurzem tut sich hier sehr viel. Immer mehr Bibeltexte werden in Leichte Sprache übersetzt, und zwar meistens von Ehrenamtlichen. Die „Bibel in Leichter Sprache“ ist ein Projekt des Katholischen Bibelwerks.

Anlässlich des Internationalen Tags der Menschen mit Behinderung am 3. Dezember 2025 präsentierte das Bibelwerk das Buch Genesis in Leichter Sprache. Der Text ist Teil eines größeren Projektes zur Übertragung des Alten Testaments in Leichte Sprache, das vor drei Jahren begann. Neben den seit 2013 vorhandenen Sonntagsevangelien in Leichter Sprache könnten Menschen mit kognitiven Einschränkungen ihren Glauben jetzt auch durch alttestamentliche Texte vertiefen, an der Liturgie, an Gesprächskreisen und in der persönlichen Lektüre an der ganzen Heiligen Schrift teilhaben, sagte Katrin Brockmöller, Direktorin des Katholischen Bibelwerks. Auf der Webseite bibel-leichte-sprache.de werden die Texte nach und nach veröffentlicht, aber auch als Buch sind bereits viele Texte in Leichter Sprache erschienen.

Prüfgruppe testet übersetzte Texte auf Verständlichkeit

Die Theologin Sonja Hillebrand im Bischöflichen Offizialat Vechta hat bereits etwa 100 Texte in Leichte Sprache übersetzt, zum größten Teil aus der Bibel. Sie schrieb ihre Dissertation über das Thema Psalmen in Leichter Sprache, ihre Arbeit erschien vor kurzem unter dem Titel „Ist Gott größer als der Himmel? Die Herausforderung einer Psalmenübersetzung in Leichte Sprache am Beispiel von Psalm 113“. Das Besondere an biblischen Texten sei, dass sie meistens keine narrativen oder rein informationstragenden Inhalte hätten, sondern eher poetischer Natur seien.

„Ich darf bei Menschen mit Beeinträchtigung nicht davon ausgehen, dass sie Metaphern verstehen“, sagt die 44-Jährige Hillebrand gegenüber PRO. „Die Erfahrungen mit Gott werden in der Bibel oft in Bildern ausgedrückt, weil sie sonst gar nicht fassbar wären.“ Bei der Übersetzung in Leichte Sprache müsse der Übersetzer die Aussage des Textes herausfinden und dafür eigene Bilder finden, die die Zielgruppe versteht. Alle drei Wochen trifft sich Hillebrand mit einer Prüfgruppe, die die Texte auf ihre Tauglichkeit hin untersuchen.

Neben dem Psalm 113 sind in das Projekt „Altes Testament in Leichter Sprache“ Hillebrands Übersetzungen von Genesis 1 und 2, das Buch Hosea, Teile aus dem Buch Exodus sowie rund 30 weitere Psalmen eingeflossen. Statt „Erhaben ist der HERR über alle Völker, über den Himmeln ist seine Herrlichkeit“ heißt es in ihrem Psalm 113 dann übersetzt: „Gott ist groß. Gott ist größer als die Erde. Gott ist größer als der Himmel. Niemand ist so groß wie Gott.“

„Leichte Sprache ist für diejenigen da, die sonst gar keinen Zugang zu den Texten hätten!“

Sonja Hillebrand

Die Schwierigkeit, diesen Vers zu übersetzen, führte zum Titel von Hillebrands Buch. Die drei Prüfer hatten nämlich große Schwierigkeiten mit der Formulierung „Gott ist größer als der Himmel“, berichtet die Theologin. Sie wollten konkrete Größenangaben, um letztlich einen Vergleich mit Gott herstellen zu können.

Auf Fremd- und Fachwörter sollte man bei Leichter Sprache ebenso verzichten wie auf Ironie und Sarkasmus, erklärt Hillebrand in ihrem Buch. Auch schwierige syntaktische Strukturen sollten getilgt werden. Stattdessen müssen kurze, klar strukturierte Sätze ohne Genitiv, Passiv oder Konjunktiv vorkommen. Äußerlich kommt Leichte Sprache meistens in großer Schrift daher, jeder Satz steht in einer neuen Zeile, es gibt keine Worttrennung am Zeilenende, komplexe Wörter sollten durch Bindestriche getrennt werden. Abkürzungen und Negation gibt es nicht.

Führt Leichte Sprache nicht zu einer Verdummung der Gesellschaft insgesamt, wie manche Kritiker behaupten? Hillebrand erwidert: „Leichte Sprache soll ja nicht die Deutsche Sprache ersetzen. Die Leichte Sprache ist für diejenigen da, die sonst gar keinen Zugang zu den Texten hätten!“

Auch Pfarrer lesen die Bibel in Leichter Sprache

Kann man jeden Text in Leichte Sprache übersetzen? Auch den Römerbrief? Hillebrand: „Ich behaupte: Ja. Allerdings ist dann mehr Aufwand nötig. Auch hier geht es um die Frage, was der Text im Kern ausdrücken möchte.“ Die Theologin nennt als besonders schwieriges Beispiel das Ende von Psalm 137. Dort wünscht sich der Beter, dass die Kinder von Babel „an den Felsen zerschmettert werden“.

„Ich habe damals mit einem Kollegen gewettet, dass man auch diesen schwierigen Satz übersetzen kann“, sagt Hillebrand. „Es war schwierig, aber es ging! Der Text entstand im Babylonischen Exil und drückt den Frust der Israeliten darüber aus. Ich wollte dieses Gefühl der Ohnmacht aufgreifen und habe übersetzt: ‚Gott, bestrafe die bösen Menschen, er räche sich an den bösen Menschen. Alle bösen Menschen sollen verschwinden, alle‘.“

Hier sei der Wunsch ausgedrückt, dass das Volk der Babylonier keine Zukunft haben soll. Sie selbst verwendet als Vorlage für ihre Übertragungen immer eine deutsche Bibel, sagt Hillebrand. „Leichte Sprache ist per Definition eine intralinguale Übersetzung“, also eine, die innerhalb einer Sprache stattfindet.

Die Theologin berichtet: „Ein Pfarrer hat mir einmal gesagt, er lese bei seiner Predigtvorbereitung neben dem Bibeltext immer auch die Version in Leichter Sprache, weil hier bereits viel Interpretationsarbeit geleistet wurde und ihm neue Ideen für die Predigt kommen.“

Auch in der Evangelischen Kirche gibt es viele Ehrenamtliche, die auf dem Gebiet aktiv sind. Die Theologin Anne Gidion hat zur Liturgie in Leichter Sprache ebenfalls promoviert, ihr Buch dazu erschien vor zwei Jahren unter dem Titel „Leicht gesagt! Biblische Lesungen und Gebete zum Kirchenjahr in Leichter Sprache“. Gidion, die die Evangelische Kirche in Deutschland im politischen Berlin vertritt und Autorin von NDR-Rundfunkandachten ist, sieht in der radikal vereinfachenden Sprachform eine Chance, Gottesdienst und kirchliches Leben wieder für all jene zu öffnen, die die „verklausulierte und schwer verstehbare, weil voraussetzungsreiche und von Worthülsen gehaltene Sprache“ fernhält.

Leichte Sprache ist schon Auslegung

Hillebrand selbst sieht unter anderem in den verbesserten Fähigkeiten der Künstlichen Intelligenz (KI) Potenzial, die biblische Botschaft auch Menschen mit geistiger Beeinträchtigung zugänglich zu machen. Die beiden populärsten Tools, die helfen, automatisiert Übersetzungen in Leichte Sprache anzufertigen, heißen „Summ AI“ und „capito digital“. Doch qualitativ seien diese Übersetzungen längst nicht so gut wie die Übersetzungsarbeit der vielen Mitarbeiter, die den tatsächlichen Kern eines Bibeltextes herausarbeiten.

Die Deutsche Bibelgesellschaft hat die „Einfach Bibel“ auf dem Kirchentag 2025 vorgestellt. Sie enthält 180 Bibeltexte, die allerdings für Jugendliche ab zwölf Jahren gedacht sind. Die Texte basieren auf der BasisBibel, der „Bibel in Leichter Sprache“ sowie Nacherzählungen von Hellmut Haug aus dem „Bibelbilderbuch“ (mit Illustrationen von Kees de Kort). Auch die Schriftart („Grace“) ist speziell dazu gedacht, einen barrierefreien Lesezugang zu ermöglichen, teilt die Deutsche Bibelgesellschaft mit. Auch bei diesem Buch hat die Evangelische Kirche unter anderem auf die Expertise der katholischen Kollegen zurückgegriffen.

„In der inklusiven Arbeit mit jungen Menschen in Schule und Kirche fehlten geeignete Bibeln bisher“, sagt Michael Jahnke, Leiter des Bibelprogramms der Deutschen Bibelgesellschaft, gegenüber PRO. Oft sei mit Kinderbibeln gearbeitet worden, aber das sei ebenso unpassend gewesen wie die „Vollbibeln“. Bei der Erarbeitung der „Einfach Bibel“ habe man sehr von den Texten in Leichter Sprache profitiert.

Jahnke lobt daher das Engagement des Katholischen Bibelwerks für Bibeltexte in Leichter Sprache als „bemerkenswert“. „Dieses Engagement hat wesentlich dazu beigetragen, dass Menschen einen leichten Zugang zu Bibeltexten finden, vor allem Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen, darüber hinaus aber auch alle Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen einen Bedarf an einem solchen Zugang haben“, sagte Jahnke.

Der evangelische Pfarrer Wolf Clüver ist für Inklusive Gemeindearbeit des Kirchenkreises Gladbach-Neuss zuständig, und er arbeitet viel mit der Evangelischen Stiftung Hephata in Mönchengladbach zusammen, in der Menschen mit Behinderungen leben. Clüver setzt Leichte Sprache regelmäßig in „Snoezelen-Andachten“ für Menschen mit Behinderung ein. (Das Kunstwort setzt sich aus den beiden niederländischen Worten „snuffelen“ – Schnüffeln – und „doezelen“ – Dösen – zusammen.) „In diesen Andachten werden alle Sinne angesprochen; die Wortanteile sind hier sehr reduziert. Aber es kommt ein kurzer Textbeitrag vor, und der fußt auf Leichter Sprache.“

„Wir haben den Eindruck, dass es die einzige Chance ist, auch komplizierte Zusammenhänge zu vermitteln.“

Diakon Klaus Wessel

Häufig greift er auf das „Evangelium in Leichter Sprache“ des Katholischen Bibelwerks zurück. Auch Clüver betont, dass die „Übersetzung“ in Leichte Sprache immer bereits Auslegung des Bibeltextes ist. Deswegen behält er sich vor, Texte in der Praxis abzuändern.

Die Diakonische Stiftung Wittekindshof, eine Einrichtung für Menschen mit Behinderung in Bad Oeynhausen, hat sogar ein eigenes „Büro für Leichte Sprache“ eingerichtet. Es übersetzt Webseiten, Broschüren und Geschäftspapiere in Leichte Sprache und bietet Fortbildungen zum Thema an. Diakon Klaus Wessel sagt gegenüber PRO, die Bibel in Leichter Sprache werde auf dem Wittekindshof in Gottesdiensten genutzt, gemeinsam mit Bildern und Piktogrammen. „Mehrere Mitarbeitende haben Fortbildungen zum Thema Leichte Sprache absolviert“, sagt Wessel. „Wir haben den Eindruck, dass es die einzige Chance ist, auch komplizierte Zusammenhänge zu vermitteln.“

Die Theologin Anke Marholdt ergänzt: Leichte Sprache käme auch in Trauerbriefen zur Anwendung, wenn Bewohner verstorben sind. „Wir übertragen den Bibelvers in Leichte Sprache selbst, wenn noch keine Übersetzung vorliegt.“ Sie selbst nutzt seit vielen Jahren das Buch „Gott ist nah. Bibeltexte in Leichter Sprache vom Kirchentag“. Sie nennt ein Beispiel: Das Wort „Krippe„ werde von vielen Menschen sicher nicht so gut verstanden wir die Übersetzung „Kiste für Futter“.

Ein Schlüsselerlebnis sei für sie auf dem Kirchentag 2011 in Hamburg gewesen, als der Eröffnungsgottesdienst in Leichter Sprache live im Fernsehen übertragen wurde. „Ein Gast an unserem Stand fragte: ‚Was ist Leichte Sprache eigentlich?‘ Er habe es im Gottesdienst zum ersten Mal gehört und zum ersten Mal etwas verstanden.“

Dieser Text erschien in der Ausgabe 2/2026 des Christlichen Medienmagazins PRO. Hier können Sie das Heft kostenlos bestellen oder herunterladen.

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