Die Sportberichterstattung über die Fußball-Weltmeisterschaft hat einmal mehr die Frage aufgeworfen, wie sichtbar Religion im Sport und damit in den Medien sein darf. Darf ein Spieler auf dem Platz und vor laufenden TV-Kameras auf die Knie gehen? Darf er sich live vor einem Millionenpublikum bekreuzigen? Darf er nach dem Schlusspfiff gemeinsam mit Mitspielern und Gegnern am Mittelkreis des Feldes beten, während die Welt am Fernsehgerät zusieht? Die einen freuen sich und sehen darin ein mutiges Bekenntnis, andere empfinden das als peinlich und wünschen sich mehr Zurückhaltung. Die Frage ist: Wie viel Religion wird im öffentlichen Raum akzeptiert?
Beim kommenden Spiel der Schweizer Nationalmannschaft wird ein weißes Kreuz allgegenwärtig sein. Es prangt auf Trikots, Fahnen, Schals, Mützen und Bannern der eidgenössischen Fans. Tausende Fans der schweizerischen Fußballnationalmannschaft werden es schwenken. Dabei ist das Kreuz das Symbol christlichen Ursprungs.
Das Kreuz gehört zur Schweiz
Das weiße Kreuz auf rotem Grund der Schweizer Nationalflagge entstand im Mittelalter als Feldzeichen der alten Eidgenossen. Bereits in der Schlacht bei Laupen im Jahr 1339 trugen die Kämpfer weiße Stoffstreifen in Form eines Kreuzes auf ihrer Kleidung, um sich im Getümmel der Schlacht gegenseitig erkennen zu können. Zugleich war das Kreuz selbstverständlich ein christliches Symbol – und Indiz dafür, dass zu jener Zeit Glaube, Politik und Gemeinwesen untrennbar miteinander verwoben waren.
Wenn die Schweizer Fußballnationalmannschaft am Sonntagmorgen um 3 Uhr mitteleuropäischer Zeit gegen den amtierenden Weltmeister Argentinien um den Einzug ins WM-Halbfinale antritt, werden Tausende eidgenössischer Fans im Stadion und Millionen vor den Bildschirmen das weiße Kreuz auf rotem Grund feiern – ohne darin eine religiöse Botschaft zu sehen. Für sie steht es schlicht für die Schweiz. Die Bedeutung von Symbolen mag sich ändern, ihr historischer Ursprung nicht. Dass wir dieses Kreuz kaum noch als religiöses Zeichen wahrnehmen, sagt womöglich weniger über das Kreuz aus als über unseren Blick darauf.
Das Kreuz der Eidgenossen steht heute für den Zusammenhalt eines freiheitlichen Gemeinwesens. Dazu gehört die Freiheit, den eigenen Glauben öffentlich zu zeigen – oder eben nicht. Wer als Fan das Schweizer Kreuz auf der Brust trägt, muss deshalb das Gebet eines Fußballspielers nicht teilen. Es genügt, die Freiheit der Spieler, die es tun, zu respektieren.
Wenn sogar die Nationalhymne zum Gebet aufruft
Und noch eine Frage sei erlaubt: Was geschieht eigentlich unmittelbar vor dem Anpfiff? Die Schweizer Nationalspieler und Fans werden dann den „Schweizerpsalm“ – die Nationalhymne des Landes – schmettern. Darin die Aufforderung: „Betet, freie Schweizer, betet!“ Und weiter: „Eure fromme Seele ahnt Gott im hehren Vaterland, Gott, den Herrn, im hehren Vaterland.“
Kaum jemand empfindet das als Zumutung. Die Hymne gehört selbstverständlich zur nationalen Identität. Wenn wir im öffentlichen Raum eine Nationalhymne akzeptieren, deren Text zutiefst christlich geprägt ist, wäre es widersprüchlich, einem Fußballspieler das stille Gebet nach dem Schlusspfiff als unangemessene öffentliche Religionsausübung vorzuwerfen. Freiheit zeigt sich nicht darin, religiöse Bezüge aus dem öffentlichen Raum zu verbannen. Freiheit zeigt sich darin, sie auszuhalten – solange sie niemandem aufgezwungen werden.