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Bundestagung „Christ und Jurist“: Toleranz ist nicht Akzeptanz

„Europa hat der Evangelischen Allianz in Sachen Religionsfreiheit viel zu verdanken.“ Das sagte der Theologe Thomas Schirrmacher, Stellvertretender Generalsekretär der Weltweiten Evangelischen Allianz, am Samstag auf der Bundestagung der Initiative „Christ und Jurist“ in Wiesbaden. Christoph Raedel, Professor für Systematische Theologie und Theologiegeschichte an der FTH Gießen, sprach über den Zusammenhang von Toleranz und Akzeptanz.
Von Jörn Schumacher
Thomas Schirrmacher, Stellvertretender Generalsekretär der Weltweiten Evangelischen Allianz, am Samstag auf der Bundestagung der Initiative „Christ und Jurist“ in Wiesbaden

Foto: pro/Jörn Schumacher

Thomas Schirrmacher, Stellvertretender Generalsekretär der Weltweiten Evangelischen Allianz, am Samstag auf der Bundestagung der Initiative „Christ und Jurist“ in Wiesbaden

Die Bundestagung der Initiative „Christ und Jurist“, die von Freitag bis Sonntag in Wiesbaden stattfindet, steht unter dem Motto „Rede frei! Bekenne frei!“. Im Zentrum der Tagung steht die Frage, wie es um die grundgesetzlich garantierte Rede- und Bekenntnisfreiheit tatsächlich bestellt ist. „Dabei wollen wir den Fokus auf das Eintreten für den Glauben legen“, erklärten die Veranstalter. In bestimmten Bereichen wie zum Beispiel Universitäten oder bei der Auswahl von Kandidaten für politische Mandate gebe es zunehmend Redeverbote. „Müssen wir uns damit abfinden?“, lautete eine der Impuls-Fragen der Tagung.

Thomas Schirrmacher, Stellvertretender Generalsekretär der Weltweiten Evangelischen Allianz, sagte, das Gründungsdokument der Evangelischen Allianz von 1864 sei ein „offizielles Schlusserklärung für das Konstantinische Zeitalter“. Es habe sich glücklicherweise die Überzeugung durchgesetzt, dass es eine „Irrweg“ sei, anzunehmen, mit Hilfe des Staates Menschen für Jesus gewinnen zu wollen.

Dabei sei Mission das Ur-Thema von Kirche schlechthin. „Nehmt die Mission aus der Kirche, dann bleibt nichts mehr übrig“, so Schirrmacher. Dabei sei Gott selbst im Grunde „der erste Missionar“, weil er schon Adam und Eva auf das Jüngste Gericht hingewiesen habe. Der erfolgreichste Missionar der Geschichte sei der Heilige Geist, so der Theologe. „Nicht Paulus, nicht Billy Graham, auch nicht Papst Franziskus.“ Zudem sei jeder Christ geradezu dazu verpflichtet, die Botschaft von Jesus weiterzugeben, fügte Schirrmacher hinzu. Für ihn sei eines der schönsten Bilder für Mission: Ein Bettler sagt dem anderen, wo es was zu Essen gibt. Dabei stünden beide Bettler auf derselben Stufe, und keiner greife die Würde des anderen an.

Die Evangelische Allianz habe bei ihrer Gründung zum Ziel gehabt, dass das Evangelium einheitlich verkündet werde. Die Kehrseite sei damals die Akzeptanz der Religionsfreiheit gewesen. Schirrmacher betont, bis heute gelte: „Man muss dem anderen die völlige Freiheit lassen, sich dafür oder dagegen zu entscheiden.“ Dieses Eintreten für Religionsfreiheit sei 1846 noch kein politisches Konzept gewesen, und für viele noch etwas Unerhörtes. „Die Katholische Kirche war damals auf dem Höhepunkt der Ablehnung der Religionsfreiheit.“ In gewisser Weise schulde Europa der Evangelischen Allianz bis heute Dank.

Apostelgeschichte ein „juristisches Buch“

Paulus sei vor seiner Bekehrung das klassische Beispiel eines religiösen Extremisten gewesen. „Er war davon überzeugt, dass er das Recht hat, im Namen seiner Religion Menschen, die damit nicht übereinstimmen, umzubringen.“ Und das habe zunächst einmal vor allem seine eigenen Leute betroffen, so Schirrmacher. „Extremisten bringen immer zunächst einmal ihre eigenen Leute um.“ Religionsfreiheit hingegen gebe die Möglichkeit, den Streit über den rechten Glauben mit Worten auszufechten, nicht mit Waffen.

Die Apostelgeschichte sei durch und durch ein „juristisches Buch“, so Schirrmacher, ein Lob des Rechtsstaates gegen Christenverfolgung. Als Beispiel nannte er die Situation, in der Paulus verhaftet werden sollte, er aber betonte, dass er römischer Staatsbürger sei und nach dessen Recht behandelt werden müsse. Schirrmacher: „Paulus wusste: Es ist keine Sünde, sich auf den Rechtsstaat zu berufen.“

Schirrmacher: „Je gläubiger wir sind, je besser wir verstanden habe, was in der Bibel steht, umso mehr treten wir für Religionsfreiheit ein. Gott hat die Welt geradezu so erschaffen, dass man ihm widersprechen darf. Er hätte auch eine ganz andere Welt erschaffen können. Aber dann hätte er keine Ebenbilder erschaffen.“

„Autonomie und Authentizität sind der Schlüssel für das Verstehen des Menschen”

Christoph Raedel, Professor für Systematische Theologie und Theologiegeschichte an der Freien Theologischen Hochschule Gießen, widmete sich in seinem Referat dem Unterschied zwischen Toleranz und Akzeptanz. Aufgewachsen in der DDR, habe er früh gelernt zu unterscheiden zwischen der Meinung, die er öffentlich äußern durfte und jener, die er nur zu Hause sagen konnte. Als die Mauer fiel, war er zunächst davon überzeugt, dass private und öffentliche Meinung identisch sein müssten. „Kommen wir wieder dahin zurück, dass man dazwischen unterscheiden muss?“, fragte Raedel.

In der Aufklärung sei klar geworden, dass Machtfragen und Wahrheitsfragen getrennt werden müssten. „Der Staat muss dafür sorgen, dass die Bürger ihre Überzeugungen gewaltfrei vertreten können, und die anderen ihn in seiner Meinung akzeptieren“, sagte Raedel. „Im Rückblick betrachtet ein großer Segen für Europa, weil er die Ausübung von Religion entschärft hat.“ Bis dies auch Praxis wurde, habe noch eine gewisse Zeit vergehen müssen. Zunehmend sei Religion aber ethisch funktionalisiert worden – gemäß der Ring-Parabel von Lessing. „Dabei wird aber Abschied genommen vom Wahrheitsbegriff“, so Raedel. Der Wahrheitsanspruch von Religion werde immer mehr zurückgenommen, und das passiere bis in unsere Tage immer stärker. Dabei sei der christliche Glaube in der Tat in gewisser Weise „imperial, denn wir glauben, dass jeder Mensch in Gottes Ebenbild erschaffen ist, und wir glauben, dass Jesus Christus für alle Menschen gestorben ist“.

Es komme aber immer mehr zu einer Toleranz aus einer Gleichgültigkeit heraus, so Raedel. „Doch ein Dialog setzt immer voraus, dass man einen Standpunkt hat. Wenn keiner einen Standpunkt hat, kann man sich den Dialog sparen“, sagte Raedel. Heutzutage träten Toleranz und Akzeptanz immer nur noch gemeinsam auf, so der Theologe. Dabei bedeute Akzeptanz die Annahme der anderen Person so wie sie ist, mit den Überzeugungen, die sie vertritt und der Lebensweise, die sie lebt. Und sie bedeutet den Verzicht jeder Form der Kritik. „Was wir hier erleben ist die Unfähigkeit, zwischen dem Dasein und dem Sosein des Menschen zu unterscheiden.“

„Wir werden zu einem Volk von Diskriminierungsopfern“

Im Zuge der Aufklärung sei jedoch auch die Romantik und damit ein Menschenbild entstanden, das die persönliche Empfindung in den Vordergrund stelle. Das Credo der Romantik laute: „Du bist ein Lebenskünstler, nun gestalte dein Leben wie ein Kunstwerk.“ Dadurch werde die Identität bestimmt, sie sei das Resultat der Selbstverwirklichung. Sie sei zur ultimativen Instanz für das Leben geworden, so Raedel. Als Beispiel nannte er die sexuelle Identität von Menschen, die etwa dazu führe, dass jemand seinen Körper seinem inneren Empfinden gemäß anpassen will.

Die Originalität sei seit der Neuzeit wichtiger als Moralität geworden, so der Theologe. „Autonomie und Authentizität sind der Schlüssel für das Verstehen des Menschen in der Gegenwart.“ Somit komme Kritik an einem Lebensstil geradezu einer Kränkung der Identität gleich. Das bringe mit sich, dass der Vorwurf der Diskriminierung mittlerweile überall sei. „Wir werden zu einem Volk der Diskriminierungsopfer“, so Raedel. Die Folge davon sei aber, dass man „echte“ Diskriminierung kaum noch wahrnehme. Raedel stellte dem entgegen: „Identität wird nicht gemacht, sondern sie wird gefunden.“ Die Identität der Person sei als Heimat zu interpretieren, die man finden könne. „Wer ich bin, darüber kann nur der kompetent entscheiden, dem ich das Leben verdanke: Gott.“

„Christ und Jurist“ ist eine Initiative von Christen verschiedener Konfessionen, die einen juristischen Beruf erlernen, ausüben oder ausgeübt haben, und die ihr Christsein und Juristsein enger miteinander verbinden möchten. Die ehrenamtlich getragene Initiative wurde 1997 gegründet.

Von: Jörn Schumacher

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