Kommentar

Bibelarbeit: Tilo Jung macht (leider) Tilo-Jung-Sachen

Der Journalist Tilo Jung hat auf dem Katholikentag eine Bibelarbeit gehalten. 50 Minuten schaffte er es, nicht über den angeblichen Völkermord im Gazastreifen zu reden. Doch in den letzten Minuten sprach der doch noch über sein „Lieblingsthema“.
Von Martin Schlorke
Tilo Jung

Katholikentage und evangelische Kirchentage haben einige Gemeinsamkeiten. Posaunenchöre in der Stadt, Teilnehmer mit bunten Schals vergangener Treffen und die morgendliche dialogische Bibelarbeit – häufig auch von Laien gestaltet. Dass diese Formate einen gewissen Reiz und einen Mehrwert haben, berichtete PRO schon häufiger von vergangenen Christentagen. Die Bibelarbeit beim diesjährigen Katholikentag mit dem Journalisten Tilo Jung und Schwester Maria Scholastika Jurt gehört leider nicht in diese Reihe positiver Bibelarbeiten.

Am Donnerstag stand der Text aus Jesaja 44 (1–5) auf dem Programm. Jung, bekannt aus seiner Interview-Reihe „Jung & Naiv“, bezeichnete sich als Jesus-Fan und selbigen als „tollen Typ“. Zudem „beichtete“ er gleich zu Beginn, dass er noch nie das Alte oder Neue Testament gelesen habe. Dennoch kenne er die prägenden Figuren der Bibel – und auch in Vorbereitung auf die Bibelarbeit habe er sich „ein bisschen“ damit beschäftigt. Wie die Zuhörer erst am Ende der Bibelarbeit erfuhren, haben sich beide Protagonisten im Vorfeld nicht abgesprochen. Jungs fehlende Bibelkenntnisse sind an sich kein Drama und wirken sympathischer als der frühere Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), der beim Kirchentag in Nürnberg tönte, als einer der wenigen Deutschen die Bibel komplett gelesen zu haben.

Dennoch sorgte Jungs Unwissen bei Schwester Scholastika Jurt und auch im Publikum für einige Lacher – etwa wenn er fragte, ob „Israel“ und „Jakob“ das Gleiche seien. Mit der Ruhe einer Ordensschwester erklärte Scholastika Jurt dem Journalisten, woher die Namen kommen. Ebenfalls ein Lachen konnte sich die Ordensschwester nicht verkneifen, als Jung „interpretierte“, dass das Volk Israel nach der Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten nun Sklave Gottes sei. Erneut erklärte sie seelenruhig, was Knechtschaft gegenüber Gott bedeute.

Jungs politische Thesen

Mit fortschreitender Dauer des Dialogs schlüpfte Jung immer mehr von der Rolle des Fragestellers in die Rolle der Thesen-Schleuder. Jesus (der „tolle Typ“) würde heute vom Verfassungsschutz beobachtet werden – wegen Linksextremismus. Oder etwa, dass Jesus ein Problem mit Reichen habe, jene Reiche enteignet werden müssten (beispielsweise Bundeskanzler Friedrich Merz mit seinem Privatflugzeug) und der Kapitalismus insgesamt abgeschafft werden müsse.

Schließlich sprach Jung über doppelte Standards deutscher Politiker mit Blick auf Kriege in dieser Welt. Merklich schwer tat sich Jung dabei, Israel nicht zu erwähnen. Stattdessen sprach er über den Ukraine-Krieg und den amerikanischen Angriff auf den Iran. Dabei ist der Krieg Israels gegen die Hamas seit Wochen ein Thema, das Jung auf seinen eigenen Kanälen oder auf Pressekonferenzen in Berlin stets zum Thema macht: immer mit dem Vorwurf, Israel verübe einen Genozid an den Palästinensern. Zuletzt hatte er die Berlinale gekapert, indem er unzählige Filmschaffende zu ihrer Haltung hinsichtlich des „Genozids“ in Gaza befragte – auch wenn deren Film nichts damit zu tun hatte (PRO berichtete).

Jung und der Genozid

Schwester Scholastika Jurt versuchte, Jung häufiger einzufangen, stimmte ihm bei Aussagen über den Klimawandel zu, lächelte charmant einige Thesen weg oder wechselte elegant das Thema, indem sie einen neuen Aspekt des Bibeltextes ansprach.

Nicht verhindern konnte sie aber, dass Jung schließlich – nach 50 Minuten – doch noch auf sein Lieblingsthema zu sprechen kam. Deutschland stünde häufig auf der Seite von Töten und Sterben, begann Jung. Deswegen müsse man jungen Menschen, die dagegen auf die Straße gehen, Mut machen. Ganz nach dem Motto des Katholikentages: „Hab Mut, steh auf!“

Junge Menschen lernten heute zwar in der Schule, dass die Parole „Nie wieder“ gelte, aber für deutsche Politiker mit Blick auf Israels Vorgehen im Gazastreifen nicht, behauptete er. Jung verglich damit das Vorgehen Israels im Gazastreifen nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 mit dem Holocaust der Nazis. Statt dass der Staat dagegen vorgehe, würden Demonstrationen, die den Völkermord Israels im Gazastreifen anprangern, unterdrückt werden. Schwester Scholastika Jurt vermied es, eine Diskussion darüber zu eröffnen, ob Israel tatsächlich einen Genozid an den Palästinensern verübe (das ist, gelinde gesagt, umstritten und wurde ebenso wenig von internationalen Gerichten festgestellt), sondern erwiderte darauf nur ein geräuschvolles und leicht genervtes „Ja“. Und der Spuk hatte kurze Zeit später ein Ende.

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