Analyse

Berlinale: Politik, Gefühl und irgendwas dazwischen

Am Samstag verkündet die Berlinale ihre diesjährigen Sieger. Im Wettbewerb ging es um Demenz, die Suche nach einer ostdeutschen Identität und weibliche Selbstbestimmung. Ein Film holte türkische Verhältnisse nach Deutschland. Unsere Highlights.
Von Anna Lutz

Rose

An Schauspielerin Sandra Hüller („Anatomie eines Falls“, „The Zone of Interest“) geht spätestens seit ihrer Oscar-Nominierung im vorvergangenen Jahr kein Weg mehr vorbei. Das gilt auch für diese Berlinale. In „Rose“ spielt Hüller eine Frau im 17. Jahrhundert, die als Mann verkleidet eine neue Heimat in einem abgelegenen Dorf sucht. In Wams und Hosen kämpfte sie bereits im Krieg. Denn trotz des lebensgefährlichen Einsatzes als Soldat bietet das Leben als Mann Rose Selbstbestimmung, während Frauen ganz und gar von ihren Männern abhängig sind.

Sandra Hüller als Rose

Rose bestellt also ihr Land, stellt Arbeiter an, erschießt zum Wohl der Dorfgemeinschaft einen Bären und baut sich eine neue Existenz auf. Bis einer der Männer aus dem Dorf auf die Idee kommt, sie mit seiner Tochter zu verheiraten und ein Geschäft vorschlägt, das Rose nicht ablehnen kann. 

„Rose“ ist auf den ersten Blick eine allzu verrückte Geschichte, ist aber so zurückhaltend erzählt und so großartig gespielt, dass alles auf der Leinwand hervorragend Sinn ergibt. Regisseur Markus Schleinzer erzählt hier nicht einfach eine der vielen gender-queeren Geschichten, die es auf der Berlinale ohnehin zuhauf gibt. Er zeigt die echte Not der Frauen in Roses Zeit, ihre Sehnsucht nach echtem Leben und was sie bereit sind, dafür zu riskieren. Ihr Leben nämlich, wenn sie auffliegen.

Gelbe Briefe

İlker Çataks Film „Gelbe Briefe“ ist der vielleicht ausdrücklich politischste in diesem Berlinale-Wettbewerb. Ein Ehepaar inszeniert darin gemeinsam ein regierungskritisches Theaterstück. Vom Publikum und der Presse gefeiert, sonnen sie sich aber nur einen kurzen Moment in ihrem Ruhm. Denn der Staatsführung gefällt das, was sie tun keineswegs. Beide verlieren ihre Jobs und stehen binnen weniger Monate vor den Trümmern ihrer Existenz. Sie können ihre Miete nicht mehr bezahlen, sind gezwungen, umzuziehen, und kämpfen vor Gericht um ihr Recht und die künstlerische Freiheit. Am Ende müssen sie entscheiden, was ihnen wichtiger ist: Für die Wahrheit zu kämpfen oder ein halbwegs normales Leben zu führen. 

Özgü Namal und Tansu Biçer in „Gelbe Briefe“

Das Besondere an diesem Film ist ein mit minimalem Aufwand eingebauter Witz: Zwar ist der Film auf Türkisch und die Orte des Geschehens Ankara und Istanbul. Gedreht ist er aber in Berlin und Hamburg. Das soll der Zuschauer ausdrücklich bemerken, es wird sogar eingeblendet mit der Zeile „Berlin als Ankara“. Und es macht etwas ganz Erstaunliches mit dem deutschen Kinobesucher. Unentwegt ist er mit der Frage konfrontiert: Könnte das in Deutschland auch geschehen? Oder auch mit der Erkenntnis: Undenkbar, dass wir hier so lebten!

Das bringt den Druck unerwartet nah, unter dem Künstler, Journalisten oder auch Andersgläubige wie etwa christliche Missionare in der Türkei stehen. Ein meistervoller Kunstkniff, der noch etwas mehr Beachtung in der Handlung verdient hätte. Auch Tansu Biçer und Özgü Namal sind erwähnenswert, sie spielen das sich immer weiter von einander entfernende Künstlerehepaar toll. 

Etwas ganz Besonderes

„Etwas ganz Besonderes“ ist nicht nur Titel, sondern auch Programm eines Wettbewerbsfilms mit Max Riemelt in der männlichen Hauptrolle. Denn lange Zeit versteht der Zuschauer nicht recht, wohin Regisseurin Eva Trobisch mit ihm will. Sie erzählt von einem getrennten Paar im Osten Deutschlands mit dem gemeinsamen Teenager-Kind Lea (Frida Hornemann). Außerdem gibt es da die Eltern, Besitzer einer heruntergewirtschafteten Pension. Leas Mutter (Eva Löbau) erwartet derweil wieder ein Kind, diesmal aber mit ihrem neuen Partner, kann aber auch nicht ganz von ihrem Ex (Riemelt) lassen. 

Frida Hornemann spielt die musikalische Lea

Als die musikalische Lea Teilnehmerin einer Casting-Show wird und vor laufender Kamera erzählen soll, was ihr Leben so besonders macht, kommt sie ins Rudern und der Kinobesucher merkt: Hier geht es um die Suche nach Identität nicht nur der Tochter, sondern der ganzen Familie in drei Generationen. „Etwas ganz Besonderes“ ist eine Geschichte, die von Ostdeutschland und der bestehenden Ost-West-Schere erzählt. Sie lebt mehr von ihren Darstellern als von ihrer Geschichte, wobei die Idee, alles im Rahmen einer Castingshow zu inszenieren, wunderbar funktioniert. Schöne Idee, tolle Darsteller und das echte Leben eben.

Queen at Sea

Dieser Film beginnt mit Sex. Nur anders, als man sich das zunächst denken mag. Amanda (Juliette Binoche) erwischt ihre in die Jahre gekommenen Eltern bei eben diesem und ruft die Polizei. Denn ihre Mutter Leslie (Anna Calder-Marshall) ist dement und Amanda fest davon überzeugt, dass sie den Verkehr eigentlich nicht will. Stiefvater Martin (Tom Courtenay) aber ist sich sicher: Er kennt seine Frau nach all den Jahren und weiß, was sie möchte. 

Tom Courtenay und Anna Calder-Marshall als gealtertes Liebespaar in „Queen at Sea“

Von hier an entspinnt sich ein eindrucksvolles Drama, das fragt: Wer bestimmt eigentlich über das Leben dementer Menschen? Wer kann wissen, was sie glücklich macht? Und wie kann Liebe funktionieren, wenn der Intellekt und die Erinnerungskraft schwinden? „Queen at Sea“ von Lance Hammer bewegt wie kaum ein anderer Film in diesem Wettbewerb. Vor allem deshalb, weil nach und nach klar wird: Es ist gar nicht die demente Leslie, die von ihrem Mann abhängig ist. Sondern er kann nicht ohne sie sein. Dabei steht fest: Er verliert sie. Stück für Stück. 

Everybody digs Bill Evans

„Everybody digs Bill Evans“ ist ein Biopic über den legendären Jazz-Pianisten (Anders Danielsen Lie) und erzählt davon, wie der Musiker der Drogensucht verfiel und schließlich auch an ihr zugrunde ging. Grant Gee nutzt Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die chronologisch erzählen: vom Tod eines Musikerkollegen und der daraus resultierenden Heroinsucht, aber auch davon, wie Evans Hilfe bei seinen Eltern fand und zeitweise clean wurde. Die ruhigen zurückhaltenden Bilder wechseln sich ab mit quietschbunten und schrillen Blicken in die Zukunft, in die Abgründe in Evans Leben und die Konsequenzen seines Handelns. 

Jazzpianist Bill Evans, hier gespielt von Anders Danielsen Lie

So wurde eine Lebensgeschichte selten inszeniert. Man muss kein Jazz-Fan sein, um diesen Film zu mögen. Besonders zu Herzen gehen die Szenen, in denen Evans sich bei seinen Eltern (Bill Pullman, Laurie Metcalf) aufhält und dieses in die Jahre gekommene, ständig streitende Ehepaar deutlich macht: Das Leben ist selten perfekt, aber das ist kein Grund, es wegzuschmeißen. 


Josephine

Im Film, benannt nach der achtjährigen Hauptfigur dreht sich alles um ein Verbrechen. Als das Mädchen (Mason Reeves) morgens mit ihrem Vater (Channing Tatum) im Park unterwegs ist, wird sie Zeugin einer Vergewaltigung. Weil sie die einzige ist, die das Verbrechen beobachtet, soll sie vor Gericht aussagen. Nicht nur deshalb lassen sie die grausamen Ereignisse nicht mehr los. Die Eltern ihrerseits tun sich schwer, mit ihrer traumatisierten Tochter umzugehen. 

Fast war man geneigt zu glauben, dieser Film wäre vor allem wegen des Starappeals von Tatum in den Wettbewerb aufgenommen worden, doch das ist weit gefehlt. Tatsächlich liefert „Josephine“ ein ziemlich akkurates und auch angsteinflößendes Bild davon, was Trauma bedeutet. Denn ab dem Tag des Verbrechens taucht der Vergewaltiger immer wieder unerwartet in Josephines Leben auf. Er sitzt neben ihr am Kinderbett. Er macht mit ihr eine Kissenschlacht. Er isst ihr die Kekse weg. Das ist alles Fantasie, aber irgendwie auch nicht, denn wer traumatisiert ist, den verfolgt das Erlebte genau auf diese Art und Weise. „Ich sehe ihn überall“, antwortet Josephine, als sie von Behörden gefragt wird, ob sie den Täter schon einmal gesehen habe. Soll heißen: Das Erlebte bestimmt ihr Leben. 

Foto: Josephine Film Holdings LLC
(v.l.) Gemma Chan, Mason Reeves und Channing Tatum in „Josephine“

Doch nicht nur Josephine, auch die Eltern kämpfen mit ihren Dämonen. Vater Damien gibt an seine Tochter weiter, was er von seinem Vater gelernt hat: Sei stark. Weine nicht. Niemand kommt, um dich zu retten. Während Mutter Claire (Gemma Chan) versucht, ihr Kind vor allem zu schützen, vielleicht, weil sie selbst einst Opfer wurde, das deutet der Film nur an. „Josephine“ ist ein bewegendes Werk von Beth de Araújo, das vielleicht keinen Preis gewinnen wird, aber nachdenklich auf das eigene Leben blicken lässt. Und Channing Tatum, der einst als strippender „Magic Mike“ bekannt wurde, überrascht: Der Mann kann nicht nur tanzen und modeln, sondern auch produzieren und Charakter spielen. Ein toller Berlinale-Abschluss für 2026!

Was bleibt von dieser Berlinale?

Der Berlinale ist in diesem Jahr trotz auffälliger Abwesenheit großer Stars ein vielseitiger Wettbewerb gelungen. Dieser wurde überschattet von einer Debatte über den Israel-Gaza-Konflikt. Und der Frage, ob und wie Filme politisch sein sollen. Die hier aufgelisteten Beispiele machen deutlich: Viele Filme sind auch dann politisch, wenn sie nicht direkt Krieg und Terror thematisieren. Sie weisen auf Defizite in Gesellschaft und Gesundheitssystem hin, wenn sie von Demenzkranken erzählen. Sie erklären, wie viel Nachholbedarf es noch im Miteinander zwischen Ost und West gibt. Sie zeigen Kunst in der Autokratie und wie Künstler an den eigenen Ansprüchen scheitern können. Sie erzählen vom Selbsbestimmungskampf vieler Frauen. Das alles ist nicht weniger politisch oder weniger wertvoll als eine Dokumentation über den 7. Oktober oder den Krieg in Gaza. Leider wurde in diesem Jahr zu wenig darüber gesprochen.  

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