Bach lebt

Der Dokumentarfilm „Living Bach“ macht klar: Johann Sebastian Bach schuf Musik, die Hoffnung macht und auf etwas Größeres verweist. Vom Glauben des frommen Komponisten handelt der Film weniger. Aber eins wird klar: Bach verbindet Menschen weltweit.
Von Jörn Schumacher
Ein großer Bibel-Liebhaber: Johann Sebastian Bach

Die Leipziger Filmemacherin Anna Schmidt ist für ihren Dokumentarfilm „Living Bach“ um die Welt gereist, um Fans des deutschen Barockkomponisten Johann Sebastian Bach (1685–1750) zu treffen. Sie alle eint eine Leidenschaft: Die Musik Bachs spendet ihnen Trost, gibt ihnen Hoffnung, und ist weit mehr als irgendeine schöne Musik. Dass Bach der vielleicht frömmste aller Komponisten war, vor allem für Protestanten der wohl wichtigste Kirchenmusiker, wird in „Living Bach“ zwar angesprochen. Dennoch kommt der Glaube in diesem Film, der am 30. November 2023 in den deutschen Kinos startet, nur am Rande vor.

Weltweit gibt es über 300 Bachchöre und -ensembles. Amateure, die in ihrer Freizeit Bachs Musik in sich aufsaugen, sie einüben, aufführen und aus ihr Kraft ziehen. Die Diplom-Journalistin und Diplom-Musikwissenschaftlerin Schmidt hat einige von ihnen getroffen und sie begleitet: in Paraguay, Malaysia, Australien, Japan, Südafrika, in den USA und in der Schweiz. Und diese persönlichen Begegnungen machen diesen Film so bunt, unterhaltsam und abwechslungsreich.



Da ist der Singer-Songwriter David Portillo aus Paraguay, der kaum von etwas anderem reden mag als Bach. Seine eigene Musik sei von dem großen Meister aus dem fernen Leipzig beeinflusst, er zeigt sich fasziniert von dessen „Handhabung der Stimmen und die Ausführung von Kontrapunkt und Harmonie“. Er bringt es so auf den Punkt: „Bachs Musik ist zeitlos. Deshalb studieren sie Menschen noch immer überall.“

Lee Hai Lin aus Kuala Lumpur in Malaysia ist so bachverrückt, dass sie mit einem Kollegen zusammen sogar ein Cembalo selbst zusammengebaut hat, um dessen Musik aufführen zu können. „Als ich Bachs Musik entdeckte, gab mir das einen Sinn, und ich fand in ihr meinen Platz“, sagt die junge Frau. Sie fühlt Bach, sie braucht Bach. „Er war schon mein ganzes Leben lang irgendwie für mich da.“ Und sie fügt hinzu „Bach ist wie die Beatles. Es ist unmöglich, ihn nicht zu lieben.“ So ganz einfach sei es in dem muslimischen Land nicht, Bachs Musik aufzuführen. „Wenn man erwischt wird, kann man ins Gefängnis kommen“, sagt Hai Lin. So beweisen die Muslime Malaysias indirekt und ohne es zu wollen, dass in dieser Musik auch nach 280 Jahren wohl noch eine gewisse Kraft stecken muss.

Kein Rassismus bei Bach

In Australien spürte Schmidt eine kleine Kirche auf, welche deutsche Missionare 1877 aufbauten. Sie brachten damals auch Bach ins australische Outback und lehrten den Indigenen dessen Musik. Eine Plakette erinnert daran noch heute. „Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren“ (Lukas 11,28) steht in drei Sprachen darauf und erinnert daran: Wer Bach mitbringt, bringt auch Gottes Wort. Eine Sängerin des kleinen örtlichen Frauenchores sagt: „Musik und Gesang sind Teil der Heilung. Es macht uns stärker, öffnet uns Ohren und Herzen, und es stärkt unseren Geist.“

Auch der IT-Techniker Thabang Modise aus Südafrika kann leidenschaftlich über Bach und seine Musik sprechen. Er singt im Johannesburger Bach-Chor und weiß: „Bachs Musik ist beruhigend und kraftvoll zugleich. Sie überwindet die Grenzen zwischen verschiedenen Hautfarben.“ Er selbst sieht sich geradezu als „Bach-Botschafter“: Auch wenn der große Komponist weiß war und aus Deutschland stammte, stehe er nicht für das, was Weiße den Schwarzen angetan haben. Bei Bach gebe es keinen Rassismus. „Selbst aus dem Grab heraus kämpft Bach dafür, uns durch seine Musik zu vereinen.“
Schade, dass in dem Bach-Chor, in dem er singt, dann doch hauptsächlich Weiße sind.

Anders als Pop: „Unglaubliche Tiefe“ in Bachs Musik

In der Stadt Bethlehem im US-Bundesstaat Pennsylvania hilft die Bachsche Musik der Palliativkrankenschwester Jesse Gehman über so manches Tief hinweg. „Für mich ist Bach Therapie“, sagt sie, und die wendet sie auch in ihrer täglichen Arbeit mit Sterbenskranken an. Eine alte Dame, die von ihr betreut wird, sagt, dass ihr Lieblings-Werk Bachs die H-Moll-Messe sei. Als Gehman diese von ihrem Handy über die Stereoanlage abspielt, kommen beiden die Tränen. „Bach kannte selbst Freude, Verlust und Frustration“, weiß die Pflegerin, die in einem Bach-Chor singt. „Das alles kann man in seiner Musik hören.“ Im Vergleich zu Popsongs hätten die Werke Bachs „eine unglaubliche Tiefe“.

Auch in Japan wird das Erbe Bachs gehegt und gepflegt. Der Abt des örtlichen Buddhisten-Tempels singt erst im Tempel, dann die Matthäus-Passion. „Bach war Protestant“, weiß er. „Bach ist eine Lebenseinstellung“, und seine Musik weise auf etwas Göttliches hin. „Bach ist etwas, was über den Verstand hinaus geht“, weiß auch Kinuyo Hashimoto, die Gründerin der Bach-Gesellschaft in Yamaguchi. Bach stehe für „etwas Göttliches“, sagt sie. „In Bachs Musik spürt man das ewige Leben.“

Für den Leiter der Bach-Gesellschaft in Paraguay ist der berühmte Thomaskantor aus Deutschland ein „Geschenk an die Menschheit“. Und das nicht nur, weil er als Komponist perfekt war, sondern auch „wegen seiner Botschaft der Hoffnung und des Glaubens“. Und diese Botschaft brauche sein Land, ja: ganz Lateinamerika.

Am Ende treffen sich alle Protagonisten in Leipzig beim großen Bachfest. Dieser große Spannungsbogen funktioniert sehr gut, der Film führt mit den international verstreuten Bach-Süchtigen exemplarisch in Leipzig eine weltweite Familie zusammen. Wo auch immer sie herkommen, ob gläubig oder nicht, unzählige Menschen auf der ganzen Welt spüren, dass Bach mit seiner Musik Trost aussprechen kann.

Natürlich hat Bach zum größten Teil Kirchenmusik komponiert, und natürlich hat er unter sein Lebenswerk die unmissverständliche Botschaft gesetzt: „Soli deo gloria“ (Gott allein die Ehre) – was der Film übrigens übergeht. Wie im Film auch, wird seine Musik weiter hauptsächlich in Kirchen aufgeführt. Schade ist allemal, dass alle Bach-Fans in diesem Film nur vage von einem Gefühl der Hoffnung sprechen, welches die Musik vermittele. Aber schon allein aufgrund der Werkauswahl und der Texte wird klar: Wo Bach ist, ist automatisch auch der Glaube. David Portillo aus Paraguay: „Menschen haben ein ganz natürliches Bedürfnis danach, unabhängig von ihrem Glauben oder Nicht-Glauben, eine Verbindung zu etwas Höherem zu suchen. Bachs Musik schafft diese Verbindung. Das macht sie so universell.“

„Living Bach“, Dokumentation in Zusammenarbeit mit MDR und ARTE, Regie: Anna Schmidt, 114 Minuten, ab 30. November 2023 im Kino

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