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Meinung

Afghanistan zeigt unsere Ohnmacht

Chaotische Szenen am Kabuler Flughafen, Geheimdienstversagen, Ignoranz – die Empörung ist groß. Doch die Wut überdeckt eine bittere Erkenntnis: Die Taliban hätten so oder so gewonnen.
Von Nicolai Franz
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Foto: Michael Foley

Der Abzug aus Afghanistan war lange geplant – er ging trotzdem gründlich schief

Der Eroberungsfeldzug der Taliban war mehr ein Roadtrip als ein Krieg. Eine afghanische Stadt nach der anderen fiel, Soldaten desertierten in Scharen, die Motorräder der Islamisten knatterten weitgehend ohne Behinderung Richtung Kabul.

Der lange geplante Abzug geriet zum historischen Desaster für die mutigen Afghanen, die nun um ihr Leben fürchten – und den kompletten Westen. Die deutsche Öffentlichkeit reagierte erschüttert, als hätte das Desaster niemand vorhersehen können. Tatsächlich hatten Regierung und auch Medien, von wenigen Ausnahmen abgesehen, den Durchmarsch der Terroristen nicht erwartet. Deutschland in Schockstarre.

Natürlich hat die Suche nach den Verantwortlichen längst begonnen. Dass es nach der Bundestagswahl einen Untersuchungsausschuss geben wird, ist Formsache. Wut entlädt sich in Sozialen Medien und Kommentarspalten. Über wen? Trump? Biden? George W. Bush? AKK? Maas? Merkel? Die afghanische Armee? Die Auswahl ist groß. Auf Schock folgt Empörung, das gehört zum menschlichen Wesen.

Christliche und humanistische Werte lassen sich nicht aufzwingen

Dabei überdeckt die Entrüstung ein noch viel stärker quälendes Gefühl: die Ohnmacht. Die subtile Ahnung, nichts ausrichten zu können.

Denn selbst wenn die Evakuierung reibungslos funktioniert hätte, hätten die Taliban die Macht übernommen. Und selbst wenn die Taliban komplett vernichtet worden wären, wäre Afghanistan keine demokratische Nation geworden. Die einzige Alternative neben dem Abzug, so sehr er nun auch missriet, wäre eine dauerhafte Besatzung des Landes gewesen – womöglich ohne Aussicht auf ein Ende. 

Westliche Werte aus dem Christentum und der Aufklärung kann man keinem Land mit völlig anderen Kulturen, Mentalitäten und Historie aufzwingen, weder mit Waffengewalt noch mit Abermilliarden Dollar. Auch deswegen ist das Scheitern in Afghanistan eine bittere Zäsur.

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3 Antworten

  1. Wir werden hier zweifelsohne Zeugen eines kolossalen Politikversagens und das hat eine lange Geschichte, die nicht erst bei der Aufrüstung der Taliban und einer islamischen Söldnerarme gegen die damaligen sowjetischen Besatzer durch die USA beginnt.
    Und dieses Politikversagen hat sicher auch mit einer kulturellen Blindheit des Westens zu tun.
    Aber daraus in einem werterelativistischen Umkehrschluss die universelle Gültigkeit dieser Werte in Zweifel zu ziehen und sie auf den Westen, das Christentum oder die Aufklärung zu regionalisieren, wäre eine völlig falsche Konsequenz.
    Die Werte, die einer liberalen Demokratie zugrunde liegen, sind solche, die für alle Menschen gültig sind und wenn man die Opfer der Taliban – oder die Opfer aus syrischen Folterkellern oder chinesischer Umerziehunglager – fragen würde, würden sie dieser Forderung nach universal gültigen Menschenrechten ganz sicher zustimmen. Es gibt massive kulturelle Unterschiede und es gibt einen enormen kulturellen Wandel – der uns übrigens auch von den Zeiten und Vorstellungen der Bibel trennt -, aber es gibt moralische Tatsachen, die mit guten philosophischen Gründen universelle Gültigkeit beanspruchen!

    1. P.S. Es waren freilich die Mutschahid, die von den USA gegen die Sowjetunion instrumentalisiert wurden, die Taliban kamen erst Mitte der 90er Jahre…

  2. Der Hinweis von Carvalho auf die universellen Menschenrechte ist absolut richtig. Nur muss der Westen zuerst den Istzustand anerkennen, dass diese nicht von allen Menschen dieser Welt als richtig angesehen werden und dass es dafür viel Engagement braucht sowie die richtigen Wege um die Menschen davon zu überzeugen. Die letzten 20 Jahre haben in Afghanistan in der Form wie es gemacht wurde auf jeden Fall nicht gereicht

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