Am Mittwochabend ist Hubert Aiwanger tot in seinem Hotelzimmer in Berlin aufgefunden worden. Die Todesursache ist noch nicht bekannt. Der bayerische Wirtschaftsminister und Politiker der Freien Wähler hinterlässt eine Partnerin und zwei Kinder.
Normalerweise bereiten Medien Nachrufe vor, wenn einflussreiche Personen schon sehr alt sind. Wenn die Person dann stirbt, müssen sie den vorbereiteten Text nur noch aktualisieren und können ihn dann sehr schnell veröffentlichen. Deswegen erscheinen ausführliche Nachrufe auf einen alten Prominenten oft schon Minuten, nachdem sein Tod bekannt wurde.
Beim erst 55 Jahre alten Hubert Aiwanger dürfte es anders gewesen sein. Die Texte, die heute über ihn erschienen, waren wahrscheinlich noch sehr frisch. Als ich sie las, fiel mir auf, wie positiv die allermeisten Medien über diesen Mann schrieben, der nicht gerade ein Medienliebling war.
Am Donnerstag fiel in der PRO-Redaktionssitzung der Satz: „Muss man eigentlich erst sterben, bevor die Medien wertschätzend über einen schreiben?“
Da ist was dran.
„Über die Toten nichts außer Gutes“
Als die „Süddeutsche Zeitung“ (SZ) die Affäre um ein antisemitisches Flugblatt aufgedeckt hatte, das Aiwanger seinem Bruder zugeschrieben hatte, wurde der Politiker vor allem mit abwertenden Etiketten belegt. Die Rede war von Söders „abgründigem Stellvertreter“ („Münchner Merkur“), die „taz“ attestierte ihm, „am Rande des Wahnsinns“ zu stehen.
Auch zu anderen Anlässen übten Medien und andere Politiker nicht in erster Linie sachliche Kritik an seinen bisweilen sehr deftigen Äußerungen, sondern wurden persönlich. Häufig spielten dabei auch seine Herkunft und sein bayerischer Dialekt eine Rolle. Subtext: Aiwanger ist ein verrückter Provinzler.
Heute klingt das ganz anders. Die „SZ“ titelt mit: „Ein Politiker, wie es ihn nur einmal geben konnte“ – und räumte ein, dass ihn „die arroganten Kommentierungen“ oft getroffen hätten. Die „Welt“ kommentierte: „Deutschland verliert einen Freigeist“, die „Abendzeitung“ lobte Aiwangers Gespür für die Themen „der kleinen Leute“.
„De mortuis nihil nisi bene“ („Über die Toten nichts außer Gutes“), heißt es im Volksmund. Das heißt aber nicht, dass man zumindest über bestimmte Personen „nichts außer Schlechtes“ schreiben sollte.
Alle Menschen sind geliebte Geschöpfe Gottes
Sachliche Kritik ist nicht nur erlaubt, sondern auch geboten. Auch an Politikern wie Hubert Aiwanger. Das tut die „SZ“ in ihrem Nachruf übrigens auch. Aber es würde unserer Gesellschaft guttun, wenn wir nicht die, die nicht unserer Meinung sind, persönlich angreifen.
Wir bei PRO versuchen, das ernst zu nehmen. Wir verzichten zum Beispiel in aller Regel auf Formulierungen, die nichts bewirken sollen, außer der Person einen Malus anzuhängen. Ein Beispiel: das Wort „umstritten“.
Eine „umstrittene Politikerin“ oder einen „umstrittenen Pastor“ umgibt bereits die Aura des Anrüchigen, bevor der Leser auch nur einen einzigen inhaltlichen Satz darüber gelesen hat.
Wer etwas zu kritisieren hat, sollte sagen, was es ist, und es belegen. Das gelingt auch uns nicht immer.
Ich wünsche mir, dass der Tod von Hubert Aiwanger uns ins Nachdenken darüber bringt, wie wir mit den Lebenden umgehen, auch wenn uns manches an ihnen stört. Unsere Mitmenschen sind ausnahmslos unperfekte, aber geliebte Geschöpfe Gottes. Das war Hubert Aiwanger schon, bevor er starb.
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