Kommentar

Papst: Mehr Mensch denn je

Die Welt ist zum ersten Mal in Echtzeit Zeuge der schweren Krankheitsgeschichte eines Papstes. Ganz ungeplant setzt Leo XIV. damit das Erbe seines Vorgängers fort.
Von Anna Lutz

Als Papst Franziskus im April 2025 überraschend im Petersdom auftauchte, hätte man ihn fast nicht erkannt. Geschoben im Rollstuhl, eine Decke übergeworfen und mit einem Sauerstoffschlauch in den Nasenlöchern sah er aus, wie ein in die Jahre gekommener Tourist. Und kein bisschen wie der höchste Würdenträger der katholischen Kirche. 

Darf ein Papst das? So menschlich sein, so nahbar, so offensichtlich schwach? Das fragten sich nach diesem Auftritt nicht nur Katholiken. Denn Päpste, so lehrt es die Kirchengeschichte, tragen aufwendige Roben und extra angefertigte Schuhe, wurden noch bis ins späte 20. Jahrhundert hinein auf einem rotsamtenen und goldbesetzten Stuhl zu Generalaudienzen getragen und muten auch sonst reichlich staatstragend an. Sie sind eben nicht die freundlichen Geistlichen von nebenan. Sondern stehen über den Dingen. Qua Amt. 

Geheime Leiden der Päpste

Dieses Amtsverständnis verträgt sich nun eigentlich schlecht mit den Gleichmachern Alter und Krankheit. Und so ist nicht nur der Pomp katholischer Tradition, sondern auch das Stillschweigen über die ersten beiden. Die Liste geheimer Leiden von Päpsten ist lang. So soll Pius XII. (1939 bis 1958) unter Krampfanfällen und psychotischen Episoden gelitten haben. Johannes XXIII. (1958 bis 1963) hatte Magenkrebs. Johannes Paul II. (1978 bis 2005) erkrankte an Parkinson und die Welt erfuhr davon erst, als es offensichtlich war. 

Es ist auf den ersten Blick von jeher eine Krux, dass Päpste einerseits bis zum Tod im Amt bleiben, andererseits aber die Würde des Amtes zu bewahren haben. Ein Problem, das Papst Benedikt XVI. in einem geradezu revolutionären Schritt aus der Welt schaffte: Er trat zurück, als seine Kräfte schwanden. Auch das mag ein gangbarer Weg sein und doch ist es ein gänzlich anderer, als seine Nachfolger beschritten. 

Papst Pius XII. war das Oberhaupt der Katholischen Kirche während der kommunistischen Machtergreifung 1948 Foto: ORF/ Screenshot PRO
Papst Pius XII. soll unter Krampfanfällen gelitten haben

Es war zuerst Franziskus, der sich und seinem Publikum die Menschlichkeit der Schwäche zumutete. Ein Papst im Rollstuhl, ganz unscheinbar, freundlich winkend zwar, aber doch offensichtlich in den letzten Zügen, das war manchem zu viel, wie die öffentliche Kommentierung damals zeigte. Andere aber sahen darin einen Gewinn für die Kirche. Der traditionelle Nachfolger von Petrus aus der Bibel, er ist einer von uns, freuten sie sich. Er leidet wie wir, er wird krank wie wir, er stirbt wie wir. 

Leo, so kann man dieser Tage erahnen, mag dem öffentlichen Leidensweg von Franziskus etwas abgewonnen haben. Denn er macht seine Erkrankung und seinen Behandlungsweg nun sogar öffentlich, obwohl die Welt nichts davon wissen müsste. 

Krebs, von dem niemand wissen müsste

Am Sonntag nach einem traditionellen Gebet auf dem Petersplatz sprach er unaufgefordert von dem Lungenknoten, der entfernt werden müsse. Und nach seiner Operation am Dienstag teilte der Vatikan unmittelbar mit, dass es sich dabei um Krebs handelt. Dabei könnte es gut sein, dass der Papst sich rasch von dieser Operation erholt und tatsächlich wieder gut und gewohnt seinen Geschäften nachgehen kann. Leos Lungenkrebs in frühem Stadium ist vermutlich gut behandelbar.

Nichts hat Leo also dazu gezwungen, über seine Krankheit zu sprechen. Er hätte den Schein wahren können, wie viele, viele seiner Vorgänger. Doch er hat sich dazu entschieden, ein Normalo zu sein, zumindest was diesen Aspekt des Lebens angeht. 

Auch das werden manche nun schwierig finden. Denn das Amt verlangt Stärke, es verlangt Tatendrang und Durchsetzungsvermögen, Scharfsinn und Kraft. Stimmt alles. Aber mehr als das alles verlangt es Nahbarkeit. 

Die Jünger und sogar der Gottessohn, dem wir in der Bibel begegnen, waren ohne Zweifel Helden, vor allem im Glauben. Aber sie waren auch offensichtlich schwach, sogar Jesus selbst, als er vor Angst kurz vor der Kreuzigung Blut schwitzte oder aus Wut die Tische der Händler im Tempel umwarf. Maria Magdalena war von Dämonen besessen, vielleicht eine Umschreibung für eine psychische Erkrankung. Der Apostel Paulus war nach allem, was wir wissen, chronisch krank. 

So offen, wie die Bibel mit den ganz normalen Leiden so vieler Menschen umgeht, so offen sollte es auch der Vatikan tun. Es ist gut, wenn Leo diesen Weg beibehält. Als Zeichen für die, die ebenfalls leiden. Für die, die Angehörige wegen Krebs verloren haben. Und auch als Hoffnungszeichen für diejenigen, die sich wie er in Behandlung befinden und sich wünschen, mithilfe der Medizin und Gott, alles lebend zu überstehen. Denn mehr als Macht, Ehre und Würde ist Hoffnung das, was ein Papst in die Welt tragen sollte. Sie ist die Kernessenz des Glaubens und damit Kerngeschäft der Kirche. Leo, dem gute Besserung gewünscht sei, macht dieser Tage folglich einen guten Job. Trotz, nein, wegen seiner ehrlichen menschlichen Schwäche.

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