Sigmount A. Königsberg: „Das Schweigen war verstörend“

Täglich erleben Juden in Deutschland Antisemitismus. Nicht wenige sitzen daher schon auf gepackten Koffern. PRO hat den Beauftragten gegen Antisemitismus der Jüdischen Gemeinde zu Berlin gefragt, was passieren muss, um jüdisches Leben zu schützen.
Von Christina Bachmann
Sigmount A. Königsberg

PRO: Herr Königsberg, vor allem nach dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 haben antisemitische Straftaten und Vorfälle in Deutschland zugenommen. Können Sie das für Berlin so bestätigen?

Sigmount A. Königsberg: Es gab auch schon vorher antisemitische Vorfälle und Straftaten. Aber wenn ich die Zahlen der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) zugrunde lege, hatten wir in Berlin vor dem 7. Oktober zwei bis drei Vorfälle pro Tag. Das stieg im Jahr 2024 sprunghaft auf sieben pro Tag an. Und im Jahr 2025 waren es immer noch sechs, also doppelt so viel wie vor dem 7. Oktober 2023. Hinzu kommt, dass jenseits dieser Vorfälle ein gesellschaftliches Klima entstanden ist, das das Zusammenleben sehr schwer macht. Es wird mehr Hass propagiert als ein Miteinander.

Worin drückt sich das aus?

Bei den ganzen sogenannten pro-palästinensischen Kundgebungen – die für mich nicht pro-palästinensisch, sondern pro-Hamas sind – sehe ich meistens den Willen zur Vernichtung Israels ausgesprochen. So gut wie nie wurde formuliert, wie zwei Völker in Frieden in zwei Staaten nebeneinander leben können. Personen hingegen, die mit „Bring them home“ Solidarität mit den Geiseln bekundeten, wurden als „Genocide-Supporter“, als Genozid-Befürworter beschimpft. Dabei hat sich niemand, der sich für die Geiseln ausgesprochen hat, für das Vorgehen Israels ausgesprochen. Es ist befremdlich, wenn eine Demonstrantin wie Karoline Preisler, die einfach nur mit einem Schild „Rape is no resistance“ dasteht, beleidigt und angegriffen wird. Egal, welche Haltung man politisch einnimmt – so einem Satz müsste doch eigentlich jeder zustimmen.

Sie sagten, ein Zusammenleben werde erschwert. Was bedeutet das konkret?

Reden wir einmal von den Kindern in der Grund- und Oberschule. Wir erleben, dass viele Kinder, die zunächst an öffentlichen Schulen eingeschult waren, zu uns an die jüdischen Schulen wechseln. Weil sie bereits bedrängt wurden oder das zu befürchten ist. In Kreuzberg haben jüdische Eltern das Schulamt gefragt: „Kann unser Kind hier an die öffentliche Schule gehen?“ Das Schulamt hat ihnen abgeraten. Normale Begegnungen innerhalb der Schule sind eigentlich der beste Weg, um ein Zusammenleben zu fördern. Wenn jedoch Schüler aus Klassen herausgemobbt werden, die Schulleitung hilflos und manch ein Lehrer auch aktiv beteiligt ist, dann ist das vielleicht keine Straftat, aber die normalen Begegnungen verschwinden. Das beginnt bei den Kindern.

Das sind also nicht nur Einzelfälle?

Ein Drittel unserer Schülerinnen und Schüler, die in den letzten Jahren zu uns gekommen sind, kamen, weil sie persönlich angegangen wurden. Es reicht ja manchmal schon, wenn gesagt wird: „Mit dir spiele ich nicht!“ Kinder können brutal und gemein zueinander sein. Es gab auch Beschimpfungen, Beleidigungen, man wurde geschubst. Ein weiteres Drittel kam zu uns, weil die Eltern gemerkt haben, dass sich die Atmosphäre an der öffentlichen Schule zum Negativen verändert hat, und sie befürchtet haben, dass ihr Kind dort nicht mehr sicher ist.

Was macht das mit den Schülerinnen und Schülern, dass sie jeden Tag in stark gesicherte Schulen gehen müssen?

Dass jüdische Kinder in Deutschland geschützt werden, hat schon in den Siebzigerjahren begonnen, nach dem Terrorangriff in München auf die israelische Olympia-Mannschaft. Schon damals wurde der Kindergarten hier in Berlin von der Polizei gesichert. Die Kinder waren es damals gewohnt, und sie sind es heute. Das Klicken der Sicherheitstür ist für die meisten Eltern sehr beruhigend. Die Kinder begrüßen die Polizisten zum Teil mit High Five. Sie empfinden die Sicherheitsmaßnahmen als Normalität, kennen sie oft schon aus der Gemeinde. Ich persönlich würde mir wünschen, dass wir hier in der Oranienburger Straße statt der Sicherheitspoller Café-Tische auf der Straße stehen hätten und man sich „open door“ treffen könnte. Aber mit der aktuellen Sicherheitslage sehe ich diese Möglichkeit nicht, auch nicht auf absehbare Zeit.

Die Neue Synagoge in der Oranienburger Straße in Berlin

Wo erleben die Erwachsenen im Alltag Antisemitismus?

Ich habe es selbst nicht erlebt, aber was ich von vielen Gemeindemitgliedern gehört habe, die in Berufen außerhalb der Jüdischen Gemeinde arbeiten: dass ihnen besonders nach dem 7. Oktober empathielos begegnet wurde. Viele hatten ja Familie in Israel, aber es wurde noch nicht einmal nachgefragt. Es wurde auch nicht zum Beispiel gefragt: „Brauchst du etwas, kann ich dir irgendwie helfen?“ Man hat völlig ignoriert, dass der 7. Oktober etwas mit den Menschen gemacht hat.

Was denken Sie, von wem der Antisemitismus im Alltag überwiegend ausgeht?

Radikale Muslime oder radikale Linke sind vielleicht die Lautesten, aber auf die kann man sich einstellen. Das ist bekannt, das weiß man von vornherein. Viel verstörender war besonders nach dem 7. Oktober das Schweigen vieler Normalbürger und -bürgerinnen. Auch sind viele Freundschaften zerbrochen. Ich denke, es liegt daran, dass der Antisemitismus nie wirklich aufgearbeitet wurde. Um es etwas holzschnittartig zu sagen: Er ist 1933 vom Himmel gefallen und 1945 verschwunden. Der Judenhass hat aber eine 2.000-jährige Geschichte. Viele Vorurteile wie die von Kindermördern und vergifteten Brunnen sind tief im kollektiven Gedächtnis der europäischen Kultur verhaftet. Man hat sich beim Aufarbeiten auf das fokussiert, was die Nazis getan haben. Aber diese haben eigentlich nur gezeigt, wohin Judenhass führt.

Es gibt in der jüdischen Gemeinschaft das Bild des gepackten Koffers – wissen Sie von Plänen, dass Juden Deutschland verlassen wollen?

Der gepackte Koffer hat eine Geschichte. In den ersten Jahrzehnten nach der Shoah saßen die meisten jüdischen Menschen in Deutschland mehr oder weniger auf gepackten Koffern. Man war jederzeit bereit, das Land schnell zu verlassen. Das hat sich in den 80er- und 90er-Jahren verändert. Man sagte: „Wir leben hier, wir verstehen uns als deutsche Bürger.“ Und hätte mich in den Nullerjahren jemand gefragt: „Ist Deutschland ein sicherer Ort für deine Kinder und Enkelkinder?“, hätte ich ohne Zweifel mit Ja geantwortet. In den 2010er-Jahren fing es an, dass auf deutschen Straßen skandiert wurde: „Hamas, Hamas, Juden ins Gas.“ Als die Zivilgesellschaft darauf nicht intervenierte, überlegten die Ersten: „Wo sind die Koffer?“ Das verschärfte sich nach und nach. Heute weiß ich, dass in vielen Familien darüber diskutiert wird, wo ihre Zukunft sein könnte, besonders bei jüngeren Leuten und Familien mit kleinen Kindern. Ich weiß von Leuten, die sagen: „Ich habe schon einen Koffer parat, mit dem ich innerhalb einer Stunde weg sein kann.“ Das ist eine neue Qualität.

Ist Israel für die Menschen eine Option?

Es gibt nicht das eine Ziel. Manche Leute wollen im deutschsprachigen Raum bleiben und gehen etwa nach Österreich oder in die Schweiz. Andere gehen woanders hin. Das ist letztlich eine individuelle Entscheidung. Es hängt auch von Fragen wie diesen ab: Hat man eine Chance, dort anzudocken, kennt man schon jemanden, spricht man die Sprache? Mein Hauptwerkzeug zum Beispiel ist die Sprache. Mein Hebräisch reicht nicht aus, um ein vernünftiges Gespräch zu führen. Und auch die Temperaturen, die im Sommer in Israel herrschen, 40 Grad im Schatten, sind für mich nichts.

Wie beurteilen Sie die Wahlergebnisse der jüngsten Zeit, die Erfolge der Linken in Berlin oder der AfD in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt?

Die Wahlergebnisse sind ja nicht vom Himmel gefallen, sondern drücken eine gesellschaftliche Stimmung aus, entweder in die eine oder andere Richtung. Die demokratische Mitte erodiert, es wird im Extrem lauter und die Fähigkeit eines Gesprächs geht verloren. Auch wenn mir die Meinung des anderen überhaupt nicht gefällt, kann ich doch erst mal zuhören. Heute erleben wir ein gegenseitiges Niederbrüllen. Dass extremistische Parteien Zulauf haben, ist Ausdruck dessen. Das ist gefährlich, nicht nur für Jüdinnen und Juden, sondern auch für das Land, für das demokratische Miteinander.

Was macht Ihnen mehr Sorge, das ganz Linke oder das ganz Rechte?

Beides gleichermaßen.

Womit kann man Ihrer Meinung nach Antisemitismus entgegenwirken?

Die Basis ist ein demokratisches Miteinander. Dass man versucht, alle mitzudenken und mitzunehmen. Dazu gehört auch, zu akzeptieren, dass das Leben nicht schwarz-weiß ist, sondern bunt und vielfältig und mit vielen Zwischentönen. Dass es kein absolutes Richtig oder Falsch gibt. Das sind die Grundlagen. Für mich gehört der Antisemitismus zur europäischen DNA. Da reichen keine klassischen Bildungsformate, weil diese rein kognitiv sind. Man muss vielmehr den Menschen als Ganzes sehen und versuchen, die Bilder, die über Generationen weitergegeben wurden, abzubauen. Das ist eine Kärrnerarbeit und nicht etwas, das schnell geht.

Wie können trotzdem auch Einzelne etwas bewirken?

Ich kann nur darum bitten, in entsprechenden Situationen antisemitische Äußerungen nicht stehenzulassen. Sondern freundlich, höflich und bestimmt zu widersprechen.

Wie erleben Sie christliche Gemeinschaften im Miteinander mit Juden?

Es gibt hier in Berlin zum Beispiel mit dem „House of One“ ein interessantes Format. Dort beten Juden, Christen und Muslime jeweils in ihren eigenen Räumen, aber sie reden und essen miteinander und tauschen sich aus. Auch wir als Jüdische Gemeinde zu Berlin arbeiten mit Kirchen zusammen. Ich selbst arbeite sehr eng mit einer Baptistengemeinde zusammen, habe zu dem Pastor ein gutes persönliches Verhältnis. Wir haben etwa Diskussionsrunden oder Konzerte zusammen veranstaltet. Solche Kooperationen leben von dem Engagement der Einzelnen – das hat eine gute und eine schlechte Seite. Gut, weil Einzelne etwas bewirken können. Aber es ist nicht strukturell verankert und nicht unterfüttert. Es hängt letztlich immer an den Gleichen. Aber so ist es eben.

„So ist es eben“ – drückt das eher eine optimistische oder pessimistische Haltung aus?

Weder noch. Es ist ein gewisser Realismus. Zu viel Optimismus kann leicht zu Enttäuschung werden, zu viel Pessimismus zu Resignation. Man sollte einschätzen, was man an Stärken und Schwächen hat, und damit arbeiten. Im Grunde kann ich nur wiederholen, was Margot Friedländer gesagt hat: „Seid Menschen.“ Wobei sie am Ende ihres Lebens gespürt hat, dass es im Moment nicht gut darum bestellt ist. Deshalb sage ich auch: So wie es im Moment ist, damit müssen wir leben. Es hilft nichts, über etwas anderes zu philosophieren. Damit arbeite ich.

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