„Nie den Glauben verlieren“ – so heißt das am Mittwoch erschienene Buch des Vize-Bundestagspräsidenten und Christen Bodo Ramelow (Linke). Es ist ein aufgeschriebener Dialog zwischen ihm und der Drehbuch-Autorin und Jazz-Musikerin Nina Brunetto. Auch sie ist Christin. Das Thema ihres mehr als 200-seitigen Gesprächs: Demokratie und Religion.
Dabei analysieren sie detailliert politische Vorgänge wie den weltweit wachsenden Populismus, oder die Beeinflussung der Politik durch Religion und umgekehrt. So gehen Ramelow und Brunetto auch auf die Rolle und das Versagen der Kirche im Dritten Reich ein oder auf politische Akteure wie die AfD in Thüringen, die in ihrem Wahlprogramm eine Beschränkung der Religionsfreiheit forderten. Die Autiren meinen damit etwa ein Minarett-Verbot. In allem plädieren sie für den Glauben als eine starke Hoffnung in stürmischen Zeiten. Denn „es gibt eine Sehnsucht nach Bindung, nach Religiosität und Spiritualität“, erklärt Ramelow im Buch die Brisanz des Themas.
Doch diese Sehnsucht würde von den Menschen auf verschiedene Art und Weise gestillt werden. Die einen setzen auf Religion, andere auf Esoterik und wieder andere auch auf politische Parteien, wie die AfD. Aus Sicht von Ramelow ist es aber nicht beliebig, womit diese Sehnsucht gestillt wird. Denn für ihn ist die Sache klar: Die Welt brauche mehr Gottvertrauen, aber auch mehr Urvertrauen in die eigene Kraft. Doch zweierlei vorab: Ein „Jesus ist die Hoffnung für Deutschland“-Bekenntnis sucht man in dem Buch vergeblich. Wer dagegen eine linke Politik mit biblischen Geschichten begründet lesen möchte, dürfte hier fündig werden.
„Immer wenn ich down bin, singe ich ‚Von guten Mächten‘.“
„Immer dann, wenn ich emotional richtig down bin, singe ich beim Hören einer Aufnahme des Liedes ‚Von guten Mächten wunderbar geborgen‘ ganz laut mit.“ Persönliche Einblicke, wie dieser von Bodo Ramelow, sind ebenfalls Teil des Buches. Geschichten, die die umfangreichen und zum Teil kuriosen Themen wie ein biblisch begründetes Zinsverbot zur Rettung des Finanzmarktkapitalismus, im Buch spürbar und gelungen auflockern.
Ebenso zeigt sich der Politikprofi gleich zu Beginn des Buches verletzlich. Er habe in der Schule mit Legasthenie gekämpft und habe nie studiert. Stattdessen hat er eine Ausbildung zum Lebensmittelverkäufer bei Karstadt gemacht. Doch nicht nur Ramelow, auch Brunetto packt aus. Offen erzählt sie von ihrer Bekehrungsgeschichte. Sie wuchs in einem nicht-christlichen Elternhaus auf und suchte erst als Erwachsene den Anschluss zur Kirche. Ein großer Einfluss auf Brunettos Interesse am Glauben kam durch ihren Partner. Ihm war der katholische Glaube wichtig. Unter anderem zeigte sich das an einem kleinen Altar in seiner Wohnung. Freunde belächelten Brunetto zunächst für ihr steigendes Interesse für das Christentum. Beirren ließ sie sich nicht. Mehr und mehr begeisterte sie der Glaube. In den Geschichten der Bibel fand sie Sinn und Frieden und schloss sich einer Kirchengemeinde an.
Staat und Religion müssen getrennt sein
Brunetto und Ramelow spielen sich anschließend die Welt-Erklär-Bälle gegenseitig in den Lauf. So erklärt Brunetto die Gefahren zwischen der Verbindung von Religion und Staat anhand von Personen wie dem Tech-Milliardär Peter Thiel. Dieser nahm in der Vergangenheit gezielt Einfluss auf politische Prozesse, während er eine Ideologie vertritt, in der er das Kommen des Antichristen befürchtet und es aufhalten möchte. Ramelow übernimmt anschließend direkt mit einer weiteren Erzählung: Dabei zeichnet er das Bild von weißen nationalistischen Christen aus den USA, die aufgrund von Verlusterfahrungen – etwa durch die Popularität der Evolutionstheorie – begannen, gezielt nach politischer Macht zu streben. Auch die Jazz-Musikerin spart nicht mit Kirchenkritik. So seien viele Gemeinden intolerant und hätten durch die Ausgrenzung, etwa von Homosexuellen, das Evangelium nicht verstanden. Welche Gemeinden sie genau den Vorwurf macht, schreibt sie nicht.
Ramelow kritisiert hingegen, dass zunehmend rechte Akteure den christlichen Glauben für ihre politischen Ziele benutzen würden. Unter anderem nennt er dabei ein Strategiepapier der AfD, das nicht zuletzt die Christin Beatrix von Storch (AfD) mitverfasst hat. Dort werden Christen bewusst als potenzielle Wählerschaft genannt. Auch den Christen und Influencer Leonard Jäger („Ketzer der Neuzeit“) führt er im gleichen Atemzug mit an. Klar ist für Ramelow: Kirche und Staat müssen strikt voneinander getrennt sein. Die Konsequenzen einer fehlenden Trennung könnten am Beispiel der MAGA-Bewegung in den USA beobachtet werden, schreibt Ramelow. Den gläubigen Kriegsminister Pete Hegseth führt er als Negativbeispiel an. Dieser habe die amerikanischen Staatsbürger aufgefordert, „im Namen Jesu Christi“ für den Sieg im Iran zu beten.
Kirche als Ort des Friedens
Trotzdem macht sich das Duo stark für den Glauben und sieht darin eine Kraft, Menschen in „Gemeinschaft“ zu führen. Darin scheint laut Ramelow und Brunetto auch die Zukunft der Kirche zu bestehen: einen Raum zu schaffen, der in einer Ära der zunehmenden Polarisierung tragende Gemeinschaften schafft und dadurch die gesellschaftliche Spaltung überwinden kann. „Indem wir uns weigern, unser Gegenüber als Gegner zu betrachten, und uns stattdessen für Versöhnung und Frieden einsetzen, können wir die Welt ein wenig besser machen“, schreibt Brunetto.
Doch ohne grundlegendes Umdenken in den Kirchen könne dieses Ziel nicht erreicht werden. Brunetto und Ramelow sind jedoch optimistisch. So nennen sie einzelne Beispiele, in denen Orte der Begegnung bereits existieren und als Orientierung dienen könnten. Unklar bleibt allerdings, wie Gemeinden, ohne eine existierende Versöhnungsarbeit nach dem Wunsch Ramelows, das konkret umsetzen können – und woher diese Liebe für die „Gegner“ kommen soll.
Die größten Fragezeichen bleiben allerdings bei der zugrundeliegenden Theologie stehen. So spricht sich die Jazz-Musikerin an manchen Stellen für eine Allversöhnungslehre aus, die besagt, dass jeder Mensch von Gott gerettet werden wird. Eine biblische Begründung für diese Annahme erfolgt nicht. Ramelow beschreibt Jesus als jemanden, „der gezeigt hat, wie ein Miteinander gelingen kann“. Wünschenswert wäre es an dieser Stelle gewesen, wenn auch der Kern des Christentums, nämlich der Kreuzestod Jesu und das damit verbundene Angebot zur Umkehr und zur Rettung, Erwähnung gefunden hätte. Denn dieses Versöhnungsangebot Gottes ist das Zentrum christlicher Versöhnung– und damit die Grundlage für genau jene Gemeinschaft und Nächstenliebe, die das Buch an anderer Stelle einfordert.
„Nie den Glauben verlieren“, Bodo Ramelow und Nina Brunetto, Droemer Knaur, 224 Seiten, 22 Euro