Für einen Multimilliardär, der sein Geld mit Investitionen in Technologie-Unternehmen gemacht hat, ist das eher ungewöhnlich: Peter Thiel befasst sich viel mit Philosophie und Theologie und hält darüber Vorträge. Sein Lieblingsthema ist dabei der Antichrist. In einem Artikel in der amerikanischen Monatszeitschrift „First Things“ wird erneut klar: Thiel meint, in den letzten Tagen zu leben. Und er ist überzeugt: Wer über den Antichristen spricht, eckt an und macht sich unbeliebt.
Thiels Abhandlung mit der Überschrift „Der Papst und der Antichrist“ umweht ein Raunen von einem angeblichen „Man darf nicht offen über die Apokalypse sprechen“. Auch wenn das eine haltlose Behauptung ist, inszeniert sich Thiel als derjenige, der sich traut und mutig Brüder im Geiste zitiert, allen voran den 2022 verstorbenen Papst Benedikt XVI. sowie diverse Theologen des Mittelalters.
Eine tiefgehende Bibelauslegung kann man nicht erwarten, wenn Thiel über die Apokalypse spricht, denn die Bibel selbst bemüht er kaum; und wenn, dann scheinen seine Bibelzitate recht willkürlich herangezogen, häufig aber auch falsch wiedergegeben. Das mag daran liegen, dass er meistens nicht direkt die Bibel zitiert, sondern den Umweg über theologische, häufig aus dem mittelalterlichen Latein übersetzte Abhandlungen geht.
In seinem Aufsatz „Der Papst und der Antichrist“ nimmt Thiel vor allem Bezug auf das Werk des Theologen Joseph Ratzinger und späteren Papstes Benedikt XVI..
Herausgeber der Zeitschrift „First Things“, die Thiels Aufsatz veröffentlichte, ist das „Institute on Religion and Public Life“, gegründet 1989 von Richard John Neuhaus, einem lutherischen Pastor, der später katholischer Priester wurde. „Mich interessiert der Antichrist aus mehreren Gründen, vor allem, weil niemand sonst darüber spricht“, behauptet Thiel gleich zu Beginn. „Das hätte in der Geschichte des Christentums meist als klares Zeichen seines bevorstehenden Kommens gegolten“, fügt er hinzu (2. Petr 3,3–4).
Auch als er im Vatikan einen Vortrag zum Thema halten wollte, hatte er erwartet, dass sein Vortrag „ignoriert“ werden würde. Seine Erwartung wurde enttäuscht. Aber ein Priester (den Thiel nicht näher nennt) habe sich öffentlich gefragt, ob der Amerikaner „wegen Ketzerei auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden sollte“.
Wie er selbst habe Papst Benedikt XVI. geglaubt, in der Endzeit zu leben, spricht von einer „apokalyptischen Lage“ und einer „finsteren Stunde“. Aber auch dem Papst habe niemand so richtig zuhören wollen. Dabei übersieht Thiel, dass so gut wie alle Theologen davon ausgehen, dass die „Endzeit“ im Sinne des letzten Abschnitts der Geschichte bereits nach der Himmelfahrt Christi angebrochen ist. Damit ist nicht gemeint, dass das Ende der Welt unmittelbar bevorsteht.
Woran er seine Endzeiterwartung konkret festmacht, erklärt Thiel auch hier nicht. Er deutet aber an: Junge Menschen verstünden die Gefahren des Klimawandels, der Künstlichen Intelligenz, des demografischen Zusammenbruchs und der Atomwaffen. Aber vielleicht sind es eben gerade jene Technologien, in die Thiel seit jeher investiert, jene Politiker, die er seit Jahrzehnten unterstützt, jene Politik, die er propagiert, die die Welt offenkundig näher an diese „apokalyptische Lage“ gebracht haben, von der er spricht?
Technik für die Apokalypse
Schon als Student eckte der deutschstämmige Thiel mit seiner konservativen, libertären Weltsicht im „woken“ Mindset der Universität an. Seine 2003 gegründete Firma „Palantir Technologies“ soll die digitalen Daten, Satellitenbilder und Kommunikation zu Profilen einzelner Personen bündeln und die Überwachung erleichtern. Palantir ist bereits im amerikanischen Verteidigungsministerium und im Nachrichtendienst im Einsatz, auch einige deutsche Bundesländer nutzen die Software bereits in ihrer Polizei.
Thiel verbindet seine extrem libertäre Weltsicht mit einem christlichen Konservatismus, Science-Fiction, mit Technikglauben und Politik. Er versuchte bereits, kleine künstliche Inseln zu erschaffen, die im Meer schwimmen und auf denen alle lästigen, den Fortschritt behindernden Gesetze abgeschafft wurden. Hier sollen Forscher an Biochemie und Genetik experimentieren können, an lebensverlängernder Medizin und an Waffensystemen und Robotern.
Beeinflusst wurde Thiel durch den Autoren Curtis Yarvin, der eine „dunkle Aufklärung“ ersonnen hat. Der Atheist versteht Demokratie als ineffizient und verschwenderisch. In Donald Trump sah Thiel bereits bei der Wahl 2016 einen geeigneten US-Präsidenten. Auch daran, dass sein ehemaliger Mitarbeiter seiner Investmentfirma, JD Vance, Vizepräsident der USA werden konnte, hat Thiel einen entscheidenden Anteil.
Der Glaube an den technischen Fortschritt brachte Thiel dazu, in Technologien zu investieren, die das menschliche Leben verlängern sollen. Thiels These: Die Technik müsse ein Versprechen einlösen, das seit jeher eigentlich das Christentum machte: die körperliche Auferstehung vom Tod. Die Frage, ob er an Gott glaube, hat Thiel nie eindeutig beantwortet. Thiels Bild vom Antichristen entspricht der einer mächtigen Weltregierung – also etwa der EU oder den UN. Die Klimaaktivistin Greta Thunberg bezeichnete er als symbolische „Legionärin des Antichristen“.
Mit dem Hohelied Salomos Eschatologie betreiben
In seinem Aufsatz legt er dar, dass es bereits dem jungen Theologen Joseph Ratzinger um Fragen gegangen sei, „die bis zum geheimnisvollen Kern des Christentums reichen“, nämlich: Wie und wann wird die Welt untergehen? „Benedikt hätte die Besonderheiten der biblischen Apokalypse vermitteln können, einschließlich des totalitären Friedens und der Sicherheit, die ihr vorausgehen.“ Denn für Thiel ist mit dem Begriff des Antichristen eine mächtige Weltregierung gemeint, welche die Menschen in einem falschen Versprechen von „Frieden und Sicherheit“ wiegt.
Er macht dies an der Bibelstelle 1. Thess 5,3 fest. Dort schreibt Paulus: „Ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht. Wenn sie sagen: ‚Friede und Sicherheit‘, dann überfällt sie schnell das Verderben wie die Wehen eine schwangere Frau, und sie werden nicht entrinnen.“ Gemeint ist offenbar ein trügerischer, weil weltlich arrangierter Frieden, der nichts mit dem kommenden göttlichen Friedensreich zu tun hat. Thiel meint, daraus auf „das Motto“ des Antichristen schließen zu können, das da lautet: „Frieden und Sicherheit“.
In seiner Enzyklika „Spe Salvi“ erneuerte Benedikt XVI. 2007 seine Gedanken über den Antichristen, so Thiel. Diesmal zitierte der Papst Immanuel Kant, und Thiel gibt das Zitat stark verkürzt wieder: „Wenn das Christentum eines Tages aufhörte, der Liebe würdig zu sein … dann wäre die vorherrschende Denkweise der Menschen Ablehnung und Widerstand dagegen; und der Antichrist … würde sein – wenn auch kurzes – Regime beginnen.“
Das Originalzitat stammt aus Kants Schrift „Das Ende aller Dinge“ aus dem Jahr 1794. Sie warnt davor, dass eine Religion, die ihren sanften Geist der Moral und Nächstenliebe aufgibt und stattdessen mit Zwang und Macht auftritt, den Widerstand der Menschen hervorruft und in den moralischen Zusammenbruch führt. Das Christentum solle sich nicht anbiedern, als gebe es für das Einhalten von Moral irgendeine „Belohnung“, so Kant, sondern Moral ganz uneigennützig und mit Autorität predigen, um ihrer selbst willen.
Interessanterweise macht Kant hier noch weitere Anmerkungen zum Antichristen, die Thiel allerdings unterschlägt. Erstens werde seine Macht „auf Furcht und Eigennutz“ basieren; zweitens werde sein Regiment ohnehin nur „kurz“ sein. Kant wusste anscheinend noch etwas mehr über die Apokalypse. Denn anders als offenbar Thiel scheint Kant auch das wichtig zu nehmen, was die Bibel über die Zukunft des Antichristen sowie Christi Sieg sagt.
Dem Theologen Tyconius aus dem 4. Jahrhundert zufolge werde es eine „zweigeteilte Kirche“ geben, führt Thiel weiter aus, „die sowohl Christus als auch den Antichristen umfasst“. Diese Kirche „am Ende der Tage“ werde gespalten sein. Thiel fügt – vielleicht etwas abenteuerlich – eine Bibelstelle an, die allerdings nicht recht zum Gesagten zu passen scheint: Hohelied 1,5. Dort heißt es: „Ich bin schwarz und gar lieblich, ihr Töchter Jerusalems, wie die Zelte Kedars, wie die Teppiche Salomos.“ Thiel bezieht sich hier auf die lateinische Übersetzung „Fusca sum et decora“, die wörtlich „Ich bin schwarz und schön“ (oder „braun und anmutig“) bedeutet. In der alten Kirchengeschichte nutzte der Theologe Tychonius diesen Vers in seinem Werk „Liber regularum“, um die Vorstellung einer zweigeteilten Kirche aus Gut und Böse zu beschreiben.
In einem Interview habe Benedikt 2018 gegenüber seinem Biografen Peter Seewald gesagt, die „spirituelle Macht des Antichristen“ sei zu fürchten, und zwar vor allem wegen eines „antichristlichen Glaubensbekenntnisses“, das die Gesellschaft formuliere. Thiel geht darauf nicht näher ein, was Benedikt damit meinte. Drei Jahre zuvor habe Benedikt dem slowakischen Politiker Vladimír Palko in einem Brief dessen Buch mit dem Titel „Die Löwen kommen“ gelobt und geschrieben: „Wir sehen, wie die Macht des Antichristen wächst, und wir können nur beten, dass der Herr uns starke Hirten schenkt, die seine Kirche in dieser Notstunde vor der Macht des Bösen verteidigen.“
Wer ist der Antichrist?
Thiel führt aus: „Wer sich lange genug mit dem Antichristen auseinandersetzt, nennt irgendwann einen konkreten Kandidaten.“ Benedikt habe dieser Versuchung widerstanden, jedoch immerhin „Hinweise“ hinterlassen. Schon der italienische Abt Joachim von Fiore, der im 12. Jahrhundert lebte, habe vorausgesagt, „dass der Antichrist Papst sein würde“, so Thiel. Das könnte ein „liberaler Papst“ sein. Sah Benedikt vielleicht in seinem Nachfolger Papst Franziskus den Antichristen? Der war ja offenbar viel liberaler als Benedikt. Doch Thiel lehnt diese Sichtweise ab.
Vielmehr nimmt er den deutschen Theologen Hans Küng ins Visier. Der war einer der jüngsten Experten beim Zweiten Vatikanischen Konzil und habe großen Einfluss auf die Kirche gehabt. Thiel: „Küng befürwortete die Sterbehilfe, leugnete die päpstliche Unfehlbarkeit, wurde von John F. Kennedy im Weißen Haus herzlich empfangen, begleitete Tony Blair bei dessen Konversion zum Katholizismus und erhielt von Papst Johannes Paul II. ein Lehrverbot für katholische Theologie.“ Lautet die These also: Der Antichrist werde wahrscheinlich ein liberaler, vielleicht gar „linker“ Papst sein, der das wahre Dogma der katholischen Kirche in dreister „Wokeness“ verrät?
Auch Küng habe in seinem „Weltethos“ verdächtig nach „Weltfrieden“ gefragt: „Kein Frieden unter den Völkern ohne Frieden unter den Religionen. Kein Frieden zwischen den Religionen ohne Dialog zwischen den Religionen.“ Eine ähnliche „Friedensbesessenheit“ (Thiel) mache wohl auch den Antichristen aus. Den Wunsch eines jeden – auch liberalen – Politikers nach Frieden als gefährliche, weil „wokes“, antichristliche „Friedensbesessenheit“ abzutun, wäre natürlich grober Unsinn. Doch in Thiels Augen habe schon Benedikt einen „stillen Krieg gegen Küng“ geführt. Das sei ein Krieg, „der mindestens seit den 1260er Jahren tobt“.
Thiel beendet seinen Aufsatz mit den Worten: „Die Apokalypse, die Offenbarung aller Geheimnisse und das Ende aller Interpretationen, kommt schließlich.“ Ja, die „Zeit“ sei sogar „knapp und die Stunde spät“.