„Cannabis greift im Hirn an“

Die Teillegalisierung von Cannabis schlägt sich mittlerweile auch in den Krankenhausaufnahmen nieder, erklärt Psychiaterin Henrike Paternoga. Sie kritisiert, dass schon 18-Jährige legal kiffen dürfen – das Risiko für bleibende Schäden sei hoch.
Von Nicolai Franz

PRO: Seit dem 1. April 2024 ist es deutlich leichter, an Cannabis zu kommen und es zu konsumieren. Hat sich Ihr Praxisalltag verändert?

Henrike Paternoga: Die Zahlen und auch meine Erfahrung sagen, dass es mehr jugendliche und erwachsene Patienten gibt, die entweder mit einer Cannabisintoxikation oder einer Abhängigkeit in die Klinik kommen und entgiften möchten. Ein Problem ist, dass ein Großteil der Krankenkassen seit der Legalisierung nicht mehr bereit ist, einen stationären Cannabisentzug zu bezahlen.

Welche Symptome haben die Betroffenen, die zu Ihnen kommen?

Es gibt akute Fälle einer akuten Cannabisvergiftung, aber auch durch Cannabis induzierte Psychosen. Die starke Zunahme an Fällen liegt wahrscheinlich auch daran, dass Cannabis seit der Legalisierung nicht mehr unter das Betäubungsmittelgesetz (BtMG) fällt.

Obwohl es eine so starke psychoaktive Wirkung hat?

Ja, und deswegen wird viel mehr medizinisches Cannabis verschrieben als vorher. Ärzte haben eine viel niedrigere Hemmschwelle, weil dafür kein BTM-Rezept mehr nötig ist. Zudem hat das medizinische Cannabis einen höheren THC-Gehalt als das selbst angebaute. Menschen, die sich vorher Cannabis illegal besorgt oder angebaut haben, waren einen Reinheitsgehalt von 15 Prozent gewöhnt. Medizinisches Cannabis hat 24 Prozent. Wenn sie, zum Teil unwissentlich, einen höheren Gehalt konsumieren, steigt das Risiko für Psychosen.

Foto: Washarapol D BinYo Jundang

Was ist Cannabis?

Cannabis ist eine Hanfpflanze. Als Rauschmittel werden vor allem getrocknete Blüten („Marihuana“) und das Pflanzenharz („Haschisch“) genutzt. Der berauschende Wirkstoff heißt THC. Cannabis kann entspannen und Schmerzen lindern und wird deshalb auch medizinisch eingesetzt. Andererseits beeinträchtigt es Konzentration und Gedächtnis und kann Angst, Panik oder Wahrnehmungsstörungen auslösen. Besonders bei Menschen mit psychischen Vorerkrankungen und Unter-25-Jährigen steigt das Risiko für Entwicklungsprobleme und Psychosen.

Es gibt Medikamente, die unter BTM fallen, und die eine viel schwächere Wirkung haben als Cannabis. Ist das nicht ein Widerspruch?

Das stimmt. Medizinisch ergibt das wenig Sinn. Es war wahrscheinlich eine politische Entscheidung.

In der Debatte heißt es oft, Cannabis mache kaum abhängig. Stimmt das?

Anders als bei etwa Heroin handelt es sich bei Cannabis nicht um eine körperliche Abhängigkeit, sondern um eine psychische: das Verlangen, jetzt Cannabis zu konsumieren. Es kommt aber gerade bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen auch zu Veränderungen in der Persönlichkeit und der Gedächtnisleistung.

Wie äußert sich das?

Jugendliche, die regelmäßig Cannabis konsumieren, leiden häufig unter Motivationsmangel, unter Aufmerksamkeitsstörungen, die Lernleistungen werden schlechter. Manche gehen nicht mehr in die Schule oder schaffen ihre Ausbildung nicht. Sie ziehen sich aus dem Alltag zurück, bleiben in ihrem Zimmer, sie sind lustlos. Das ist noch keine psychische Erkrankung, aber die sozialen Fähigkeiten leiden unter dem Konsum. Das ist ein echtes Problem, denn gerade bei Jugendlichen ist das Gehirn mindestens bis zum 20., laut manchen Studien sogar bis zum 25. Lebensjahr noch in der Entwicklung. Cannabis greift im Hirn an. Die Hirnrinde kann dünner werden, sodass man sich weniger merken kann, der präfrontale Kortex, in dem es um Impulskontrolle und Entscheidungsfindung geht, kann sich nicht gut ausbilden. Das kann zu irreversiblen, also nicht umkehrbaren Schäden führen. Cannabiskonsum ist für Jugendliche eine große Gefahr.

Berichten Ihre Patienten, dass sie mit dem Kiffen angefangen haben, weil es jetzt legal ist?

Bei manchen mag das so sein. Viel gravierender ist aber, dass Cannabis in der Gesellschaft als angebliche Freizeitdroge verharmlost wird. Cannabis ist nicht harmlos. Natürlich muss man unterscheiden zwischen jungen Erwachsenen und einem 30-Jährigen.

„Cannabis ist nicht harmlos und kann schwere Psychosen verursachen. Je jünger, desto höher die Gefahr.“

Es gibt immer wieder Stimmen, die sagen, Alkohol ist doch viel gefährlicher.

Alkoholmissbrauch ist auch schlimm, aber er löst zum Beispiel keine paranoiden Psychosen aus. Und er bewirkt auch in der Regel nicht, dass sich junge Menschen von ihren Freunden und aus der Gesellschaft zurückziehen.

Kann man mit Cannabis verantwortungsbewusst umgehen?

Es kommt darauf an. Wenn man noch jung ist, wenn es psychische Vorerkrankungen gibt – auch in der Familie –, dann ist davon dringend abzuraten, denn dann steigt auch das Risiko von Psychosen. Wenn ein gesunder Mensch mit Mitte 30 am Wochenende einen Joint raucht, ist das weniger gravierend. Wichtig ist unser Suchtgedächtnis: Wer schon mal Probleme mit anderen Substanzen wie Alkohol hatte, sollte gar nicht erst probieren. Das Wichtigste ist mir: Cannabis ist nicht harmlos und kann schwere Psychosen verursachen. Je jünger, desto höher die Gefahr.

Cannabis, Joint Foto: Thought Catalog/Unsplash

Wie ist die Gesetzeslage?

Seit April 2024 dürfen Erwachsene Cannabis in begrenzten Mengen besitzen und anbauen: bis zu 25 Gramm unterwegs, bis zu 50 Gramm zu Hause und bis zu drei Pflanzen pro Person. Seit Juli 2024 dürfen nicht-kommerzielle Cannabis-Clubs Mitglieder versorgen. Verkauf in Geschäften, Handel, Versand sowie die Abgabe an Minderjährige bleiben verboten.

Wie oft haben Sie solche Patienten?

Ich habe als Erwachsenenpsychiaterin nur volljährige Patienten, die jüngeren sehe ich also gar nicht. Ich sehe aber mehrfach wöchentlich Patienten zwischen 18 und 26 mit einer akuten Psychose aufgrund von Cannabiskonsum.

Welche Psychosen sind das?

Unterschiedlich. In der Regel fühlen sich Patienten verfolgt, sie hören Stimmen. Oder sie beziehen Äußerungen im Radio oder Fernsehen auf sich. Das führt zu einer großen Ängstlichkeit.

„Wir haben eine drastische Zunahme an psychischen Störungen bei jungen Erwachsenen.“

Das klingt wie das genaue Gegenteil des popkulturellen Bildes von Marihuana: Bob Marley, Jamaika, alles ist entspannt.

Natürlich kann Cannabis auch beruhigen und es gibt Menschen, die damit vernünftig umgehen. Es geht vielleicht zwei, dreimal pro Monat gut. Aber niemand weiß, wie mein Gehirn darauf reagiert, ob beim ersten oder beim zwanzigsten Mal. Es kann sein, dass ich dann schwerstkrank werde, eine Angsterkrankung oder Depression entwickle. Es kann auch andersherum sein: Ich habe eine Angststörung und konsumiere Cannabis, weil es mir dann besser geht. Das ist aber kein adäquater Ersatz für eine echte Behandlung einer psychischen Erkrankung. Auf lange Sicht wird es schlimmer. Übrigens wird auch die Fahrtüchtigkeit eingeschränkt. Vor allem in Verbindung mit Alkohol, das geht in der Diskussion auch total unter.

Für den Anstieg von Erkrankungen nach Cannabiskonsum kann es neben der Legalisierung ja noch andere Gründe geben: Corona, Kriegstangst, Social Media.

Sicher hat nicht alles mit der Legalisierung zu tun. Viele junge Erwachsene haben sich in der Pandemie zu Recht sehr allein gelassen gefühlt. Wir haben ja insgesamt eine drastische Zunahme an psychischen Störungen bei jungen Erwachsenen: Angststörungen, Zwangsstörungen, Depressionen. Kriegsangst und Klimakrise tun ihr Übriges. Gleichzeitig haben junge Leute viel weniger echte soziale Kontakte, auch wenn sie virtuell in ständigem Kontakt mit ihren Freunden sind.

Was können Christen dagegen tun?

Mit einem Cannabis-Verbot ist das Problem nicht gelöst. Wir können alle zu Hause in unserer Familie, im Freundeskreis und mit unseren Kindern versuchen, wieder mehr persönlichen Kontakt zu haben. Kirchen und Gemeinden sollten attraktive Angebote schaffen, damit junge Menschen gerne kommen: spielen, gemeinsam kochen und solche Dinge – dadurch entsteht Nähe. Auch christliche Freizeiten können helfen, dass junge Menschen lernen, auch über Emotionen zu reden und echte menschliche Nähe zuzulassen, statt zur Selbstmedikation zu greifen.

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