„Von der Wiege bis zur Bahre“ – dieser Spruch bekommt in Heidelberg gerade eine völlig neue Bedeutung. Die evangelische Kirche ist dort ins Bestattungswesen eingestiegen. Am 23. September wurde „Libera Bestattungen“ offiziell eröffnet, nach Angaben der Kirche das erste kirchliche Bestattungsinstitut Deutschlands. Träger ist eine gemeinnützige GmbH. Erste Bestattungen hat sie bereits durchgeführt.
Sechs Jahre, berichtet „Domradio“ unter Berufung auf die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA), habe es von der Idee bis zur Umsetzung gedauert. Geschäftsführerin und Pfarrerin Tanja Dittmar beschreibt die Überlegung dahinter: „Wir begleiten die Menschen von der Wiege bis zur Bahre, aber dann hören wir auf.“ Nur konsequent, dass sich das jetzt mit dem neuen kirchlichen Bestattungsinstitut ändert.
Taufe, Trauung, Trauerfeier
Was Unternehmensberater zu dem neuen Geschäftsfeld der Kirche sagen, wissen wir nicht. Dass hier der kirchliche Entrepreneur erhebliche Vorteile beim „Kundenzugang“ gegenüber den Mitbewerbern vorweisen kann, liegt aber auf der Hand.
Vielleicht erleben wir deshalb gerade den Beginn von etwas Großem: der kirchlichen Rundumversorgung. Denkbar wäre eine Art kirchliches Sorglospaket bestehend aus Taufe, Konfirmation, Hochzeit und Bestattung – alles aus einer Hand. Wer früh bucht, bekommt den Gemeindesaal für den Beerdigungskaffee gratis dazu. Beim Familienpaket ist der Blumenschmuck inklusive.
Wer als treuer Kirchensteuerzahler am Ende für jedes Beitragsjahr einen Stempel im Bonusheftchen vorweisen kann, dem winkt das kostenlose Sarg-Upgrade: statt Kiefer Standard (Coffin to go) nun Eiche Komfort. Bei Vorkasse kann der Kunde wählen zwischen Messing- und Edelstahlgriffen. Aus Marketingsicht kann man sagen: Die Kundenbindung gewinnt eschatologische Perspektive.
„Hoffnungskompetenz“ versus Wettbewerbsvorteil
Dabei ist wirtschaftliches Handeln für Kirchen natürlich nichts Neues. Sie betreiben Kindertagesstätten, Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen, Tagungshäuser und Sozialunternehmen. Das neue erschlossene Betätigungsfeld könnte man nachfrageorientierte Geschäftserweiterung nennen – wären da nicht die Bestatter vor Ort, die – anders als eine Kirche – tatsächlich vom Bestatten leben. Entsprechend hält sich die Begeisterung in der Branche in Grenzen.
Wer über Jahrhunderte Erfahrung mit Tod, Trauer und Grabreden gesammelt hat, ist im Bestattungswesen goldrichtig. Keine Frage. Ein Autohersteller, der plötzlich Zahnzusatzversicherungen verkauft, müsste mehr erklären. Nur sollte die Kirche aufpassen, ihre „Hoffnungskompetenz“, wie die Heidelberger Pfarrerin Dittmar es nennt, nicht mit Wettbewerbsvorteil zu verwechseln.
Und sie sollte peinlich genau darauf achten, dass bei so viel geschäftlichem Eifer Seelsorge am Kranken- oder Sterbebett nicht zum „Lead“ – also einer Geschäftsanbahnung – verkommt. Denn: Der Gedanke, dass eine Kirche, für die ein Seelsorger arbeitet, zugleich ein Unternehmen besitzt, das als kostenpflichtige Dienstleistung Bestattungen anbietet, ist schon etwas schräg.