Wir schreiben das Jahr 1381. Die Engländer können die immer höheren Abgaben an den König nicht mehr leisten. Der Adel und die Kirche leben währenddessen im Reichtum – finanziert durch das Elend des arbeitenden Volkes. Die große Pestwelle von 1348/49 tut ihr Übriges dazu. Zudem sind die Tribute an den Papst zu jener Zeit immens. Auch für dessen Reichtum zahlten die Bauern.
Im sehr spannenden Film „The Uprising“, der derzeit im Kino läuft, werden einem jungen Bauern die Schikanen der königlichen Steuereintreiber zu viel. Der historisch fiktive Mann zettelt einen Kampf mit den Soldaten an und gerät damit an die Spitze des Bauernaufstandes.
Anlass für den Aufstand war die Kopfsteuer von 1380, die jeder Bürger unabhängig vom Einkommen in derselben Höhe zu zahlen hatte. Es war bereits die dritte Steuer dieser Art. Die Aufständischen, die rasch in ganz England Anhänger fanden, forderten die Abschaffung der Leibeigenschaft, freies Kauf- und Verkaufsrecht und Begrenzung der Pachtgebühr.
„Billy Elliot“-Darsteller mimt John Ball
Eine wichtige Rolle hierbei spielte – im Film wie im echten Leben – der Priester John Ball, der das Menschenrecht und die Gleichheit aller predigte und dafür vom König verfolgt und immer wieder eingekerkert wurde. Vom Adel wurde Ball diffamiert. Lange hielt sich in der Öffentlichkeit sein negativ konnotierter Spitzname „der verrückte Prediger von Kent“. John Ball wird im Film gespielt von Jamie Bell („Billy Elliot – I Will Dance“). Es ist erfreulich, dass dieser Vorläufer der Reformatoren filmisch Erwähnung findet. Ball predigte die Lehren des bekannteren John Wyclif, der viele Thesen Martin Luthers vorwegnahm. Wyclif und Ball prangerten den Reichtum der Kirche an und forderten sie auf, ihren Besitz aufzugeben und stattdessen den Armen zu helfen.
Ball wurde mehrmals inhaftiert. Es war verboten, ihn predigen zu hören. Das minderte jedoch nicht seine Popularität im Volk. In einer Predigt sprach er die Worte, die bis heute bekannt sind: „Als Adam grub und Eva die Erde spann, wer war da der Herr?“ Von Anfang an seien laut Bibel alle Menschen gleich geschaffen worden, so Ball. Die Knechtschaft sei also erst durch die ungerechte Unterdrückung böser Menschen gekommen.
„Das Wort bringt Freiheit“
Der Film zeigt auch: König Richard II. ist erst 14 Jahre alt und zu schwach zum Regieren. Dies nutzen die alten Männer seines Rates aus: Sie flüstern ihm Entscheidungen ins Ohr, die schlecht fürs Volk, aber gut für sie selbst sind, und füllen ihre eigenen Taschen. Selbst als diese korrupten Berater später vom Volk hingerichtet werden, findet sich rasch ein Nachfolger: Der Bürgermeister Londons erkennt seinerseits seine Chance und nutzt den schwachen König aus wie seine Vorgänger.
„The Uprising“ spricht Fragen an, die auch heute wieder vermehrt aufkommen: Wie vieler Männer im Umkreis eines schwachen Regierungschefs oder eines Präsidenten bedarf es, um alle Anständigen zu übertrumpfen und alle demokratischen Ideale über Bord zu werfen?
Der Film zeigt außerdem meisterhaft: Es gehörte nicht nur deswegen Mut zum Aufstand, weil die Bauern mit der übermächtigen Armee des Königs rechnen mussten. Sondern auch, weil sie ein Gesellschaftssystem angriffen, das seit jeher als göttlich angesehen wurde. Der König galt als von Gott eingesetzt. Rebellion gegen ihn war zugleich Rebellion gegen Gottes Gesetz.
Die Kirchenvertreter leben ebenso in Saus und Braus wie die Adeligen, die es sich auf Kosten der Ausbeutung des Volkes gut gehen lassen. Gerecht ist eben nicht immer das, was Priester behaupten. Als in einer Szene die von Hunger gezeichneten Bauern in London die Residenz des Erzbischofs von Canterbury stürmen, sehen sie den reichlich gedeckten Tisch mit zahllosen Kostbarkeiten und viel Gold.
Der Film hat Botschaften auch für das heutige Leben. Er macht etwa deutlich, was eine Gewaltherrschaft bedeutet und wie schwer es für das Volk ist, sich ihrer wieder zu entledigen, wenn sie erst einmal errichtet wurde. Die Revolutionen von damals haben Auswirkungen bis heute, denn sie halfen bei der Abschaffung eines in Europa über Jahrhunderte selbstverständlichen Feudalsystems. Und auch heute noch stehen egoistische Politiker in der Versuchung, ihre Macht – die ihnen eigentlich vom Volk und für das Volk anvertraut wurde – für ihren eigenen Wohlstand und Machterhalt auszunutzen.
Wenige Mutige, die die Wahrheit aussprechen
Eine wichtige Botschaft des Films lautet: Manchmal bedarf es nur weniger mutiger Menschen, um eine biblische Wahrheit auszusprechen, nämlich dass Gottes Wille nicht immer das ist, was seine vermeintlichen Stellvertreter auf Erden behaupten. Der Bauer, der absichtlich namenlos bleibt und nur „Ploughman“ genannt wird – also „Pflüger“, denn das ist sein Beruf –, beginnt die Revolution. Er mag ungebildet sein, aber er hat einen Sinn dafür, was Gott für gerecht halten dürfte. Gespielt wird er vom Oscar-nominierten Schauspieler Andrew Garfield („Hacksaw Ridge – Die Entscheidung“). Auch eine Nonne erkennt: „Es wird alles gut, wenn erst das Gift des Reichtums entfernt ist.“ Die Königinmutter, die mit ansehen muss, wie ihr verblendeter und eigentlich fürs Regieren ungeeigneter Sohn agiert, weiß sehr wohl: „Die Gerechtigkeit kommt von Gott.“ Fast schon in Vorahnung des kommenden Protestantismus stellt sie fest: „Es ist das Wort, das Freiheit bringt.“
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Hervorragend stellt der Film auch den christlichen Glauben im Mittelalter dar, der zum einen zutiefst von Unterwürfigkeit gegenüber der Monarchie geprägt ist, zum anderen aber auch vom Aberglauben und dem Prunk der Kirche. Die Darstellung des Fronleichnamfeiertags demonstriert das: Bei einer geradezu absurd wirkenden, einer Götzenanbetung gleichkommenden Prozession, schöpft das Volk Hoffnung allein daraus, dass es einen kurzen Blick auf die angeblich heiligen Gegenstände werfen darf, die die Kirche verwahrt und nur manchmal präsentiert.
Der echte John Ball starb nicht wie im Film dargestellt im Kampf mit den königlichen Soldaten; er wurde gefangen genommen und am 15. Juli 1381 im Beisein von König Richard II. gehängt, ausgeweidet und gevierteilt. Sein Kopf wurde auf einer Pike auf der London Bridge zur Schau gestellt, die vier Körperteile in vier verschiedenen Städten.
„The Uprising“ ist ein äußerst sehenswertes Historien-Epos, verpackt in einen spannenden Plot. Die deutsch-britisch-amerikanische Produktion wurde in Bayern gedreht, unter anderem in der Nürnberger Altstadt. Allenfalls die Landschaftsszenen wirken oftmals allzu sehr computergeneriert. Der Film von Regisseur Paul Greengrass („Das Bourne Ultimatum“, „Captain Phillips“ und „Flug 93“) zeigt aber einmal mehr, wozu Kino gut sein kann – nämlich historische Zusammenhänge zu verdeutlichen und wichtige Fragen auch unserer Zeit zu stellen.
„The Uprising – Für die Freiheit“, 128 Minuten, Regie: Paul Greengrass, mit Andrew Garfield und Jamie Bell