60 Jahre „Star Trek“: „Gott ist kein Böser“

Seit sechs Jahrzehnten fliegt die Enterprise durch den imaginären Weltraum. Doch gibt da draußen eigentlich einen Gott oder gar das Christentum? Und woran glaubt Captain Kirk? Der Theologe Ingo Reuter hat sich nicht nur mit dieser Serie beschäftigt.
Von Anna Lutz

PRO: Herr Reuter, im September 1966, vor 60 Jahren, lief die erste „Star Trek“-Folge im Fernsehen. Ist Captain Kirk ein gläubiger Mensch?

Ingo Reuter: In gewisser Weise schon, auch wenn er wohl nicht an Christus glaubt. Kirk hat eine Vision von einer emanzipierten, offenen und friedlichen Menschheit. Dieser Glaube trägt die ganze Serie von Anfang an. Der christliche Glaube an sich ist aber nicht Thema.

Die Serie entstand  in den 60er Jahren, als der christliche Glaube noch grundlegend war für die Gesellschaft. Damals gehörten in Deutschland 90 Prozent einer Kirche an. 

Tatsächlich würde ich „Star Trek“ gar nicht aus einem christlichen Blickwinkel betrachten wollen. Denn das ganze Universum der Serie geht weit über eine Religion hinaus. Ja, es gibt eine Vision von Humanität und Frieden dort, die Wurzeln im christlichen Menschenverständnis hat. Aber „Star Trek“ ist vor allem universalistisch: Auf der Brücke saß schon in den 60er Jahren eine schwarze Frau, es gab mit Pavel Chekov einen russischstämmigen Navigator. Der Anspruch der Serie ist: Alles Trennende ist überwindbar. Die Gier ist überwunden, das Expandieren in den Weltraum dient nicht wirtschaftlichen Interessen, sondern der Forschung. „Star Trek“ ist da sehr optimistisch und konzentriert sich nicht auf partikularreligiöse Ideen. 

Foto: privat
Prof. Dr. Ingo Reuter ist evangelischer Theologe mit den Arbeitsschwerpunkten Religionspädagogik und Kulturtheorie der Gegenwart

Dabei gibt es religiöse Figuren in der Serie: die Klingonen, die Bajoraner, sogar die Vulkanier.

Ja, vor allem in den späteren Serien des „Star Trek“-Universums gibt es diese Charaktere. Am Anfang trifft die Crew eher auf einzelne Zivilisationen, die vor allem seltsam anmutende Riten haben. Später kommen dann auch religiöse Fragen zum Tragen, etwa mit der Person Q. Ein Charakter, der scheinbar unbegrenzte Fähigkeiten hat und Captain Jean-Luc Picard davon zu überzeugen versucht, dass er Gott ist. Picard durchschaut das aber und macht immer wieder deutlich, dass er ihm seine angebliche Göttlichkeit nicht abkauft und stattdessen durchschaut, dass Q nur auf Macht aus ist.

Das heißt, ein wahrer Gott wäre für Picard gerecht?

Genau. Ich denke, da steckt schon ein christliches Gottesbild dahinter, zumindest insofern, dass Gott kein Böser ist, niemand, dem es um Unterwerfung geht. Um es zusammenzufassen: Wenn man etwas Christliches aus „Star Trek“ ableiten will, dann ist es dieser Gedanke der Universalität. Alle sind gleich und alle dürfen mitmachen. So wie im Urchristentum auch. Jeder durfte Teil der Gemeinde sein.

Den neueren „Star Trek“-Serien wird eine gewisse „Wokeness“ unterstellt: „Star Trek Discovery“ etwa bietet nicht nur zum ersten Mal ein schwules Paar auf, sondern sogar die erste nicht-binäre Person, Adira Tal. Eine Provokation für konservative Christen?

Der Russe auf der Brücke war vermutlich auch in den 60ern schon eine Provokation. Diese Offenheit spielt eine wichtige Rolle. „Star Trek“ hat den Anspruch, zu zeigen: Wir sind fortschrittlich und alle gehören dazu. In der innerchristlichen Debatte erleben wir hier heute manchmal eine gewisse Engführung aufs Sexuelle. Das ist wenig hilfreich.

Nun mögen manche es schon verrückt finden, über christliche Bezüge im Science-Fiction-Bereich zu sprechen. Sie gehen noch weiter und suchen sie sogar im Horrorgenre. Sie haben sich intensiv mit der Zombieserie „The Walking Dead“ beschäftigt. In dieser Welt ist der Himmel doch maximal weit entfernt, oder?

Das ist eben nicht nur eine Zombieserie, sondern eine Serie, die sich an der philosophischen Frage des Naturzustandes abarbeitet. Sie fragt im Wesentlichen: Was passiert, wenn Recht, Gesetz und Ordnung wegfallen? Wie werden Menschen dann? Da wird alles von Hobbes bis Locke durchdiskutiert. Aus christlicher Perspektive ist das deshalb interessant, weil es zumindest in den ersten Staffeln eine radikale Absage an die Idee einer Erlösung ist.

Und das ist ein Argument dafür, die Serie zu schauen?

Es ist spannend, sich damit zu beschäftigen, was bleibt, wenn es keine Hoffnung zu geben scheint. Das Christentum lebt von der Hoffnung, aber was passiert, wenn keiner mehr daran glaubt? Wie sprechen wir über unseren Glauben, wenn wir feststellen, dass unsere Kernaussagen, für die meisten Menschen nicht mehr plausibel sind? Funktioniert Christentum heute noch? Das sind doch interessante Fragen! Es ist doch so: Wer sich theologisch mit Film beschäftigt, der freut sich jedes Mal, wenn irgendwo die Kreuzeserzählung auftaucht, von „Alien 3“, wo Sigourney Weaver sich am Ende in Kreuzigungshaltung in den Feuerofen fallen lässt und sich für die anderen opfert, bis hin zu „Gran Torino“, der mit einer Kreuzigung endet. Aber wir müssen doch auch mit der Diagnose leben, dass diese christlichen Symboliken in Film und Serie heute nicht mehr so oft vorkommen . Weil keiner sie mehr versteht. Das führt „The Walking Dead“ uns vor. Nebenbei geht es natürlich um die Theodizee-Frage: Wie kann ein Gott dieses Leid zulassen und die Menschen immer wieder scheitern lassen?

Die Serie sagt: Da ist keine Hoffnung? Kein Glaube?

Nicht ganz, denn etwa in der Mitte taucht eine sehr spannende Figur auf: Negan. Ein Antichristus. Der perfekte Bösewicht. Lange Zeit sieht man ihn gar nicht, sondern die Gruppe unserer Helden trifft auf andere, die über ihn sprechen und immer sagen: „Ich bin Negan.“ oder „Wir sind Negan.“ Eine Umkehrung des „Wir sind alle eins in Christus.“ Die Anhänger von Negan nennen sich die „Saviours“, also die Retter. Und Negan selbst inszeniert sich als Gott. Das geht so weit, dass er den Helden Rick an einer Stelle dazu zwingt, seinem Sohn die Hand abzuschlagen, ihn aber im letzten Moment zurückhält. Wir sehen da die Nichtopferung des Isaaks in der Bibel. 

Foto: Gage Skidmore | CC BY-SA 3.0 Unported
Jeffrey Dean Morgan spielt in „The Walking Dead“ den Bösewicht Negan

Negan hat aber in der Serie seinen Paulus-Moment. Er wird am Ende geläutert. Also siegt doch die Hoffnung?

So richtig konsequent ist das eigentlich nicht, auch wenn es natürlich Spaß macht, das anzusehen. Wie gesagt, in der Serie geht es ja eigentlich darum, dass es keine Hoffnung gibt. Hier finden wir dann aber eben doch den christlichen Gedanken, dass das Böse nie nur böse ist. Es ist immer die Perversion des Guten. 

Es gibt auch noch die Person Maggie. Negan hat den Vater ihres Kindes brutal ermordet. Über mehrere Staffeln hadert sie damit, Negan zu vergeben. Auch ein christliches Momentum?

Vergebung ist ein Thema der Serie. Und damit hat sie nicht nur Bezug zum Christentum, sondern auch zu ganz realen politischen Situationen. Können Menschen zum Beispiel Warlords vergeben? Denen, die ihre Eltern oder Kinder getötet haben? Wie funktionieren Gesellschaften weiter nach Mord und Totschlag, Deutschland nach 1945 etwa? Sie sehen also: Bei „The Walking Dead“ geht es eigentlich nicht um Zombies, auch wenn die da immer mal herumlaufen. 

Eine letzte Frage: Sie beschäftigen sich ja grundsätzlich mit Religion in der Popkultur. Welche aktuelle Serie halten Sie hinsichtlich dessen für besonders spannend? Haben Sie einen Tipp für unsere Leser?

Mein ehemaliger Vikar und heutiger Christfluencer Nico Buschmann ist großer Fan der Serie „Preacher“. Spannend, aber vielleicht bin ich da etwas zu alt für. Ich würde sagen: Fragen Sie bei allem, was Sie sich anschauen, einfach mal danach: Welche Rolle spielen hier Liebe, Schuld, Vergebung und Hoffnung? Dann wird vieles durchlässig für religiöse Fragen, selbst Krimis.

Herr Reuter, herzlichen Dank für das Gespräch!

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