Die Maria Magdalena der Kunstgeschichte ist nicht die Maria Magdalena der Bibel. Darauf hat Stefan Roller, Kurator der Ausstellung „Maria Magdalena. Sin. Pray. Love.“ im Frankfurter Städel Museum, bei einem Rundgang durch die Schau hingewiesen. Gerade zentrale biblische Aspekte ihrer Person seien in der bildenden Kunst erstaunlich selten dargestellt worden. Umso mächtiger wurde über Jahrhunderte das Bild der Sünderin und Büßerin – eine Zuschreibung, die aus der späteren Verschmelzung verschiedener biblischer Frauenfiguren entstand.
Im Neuen Testament wird Maria aus Magdala als Frau erwähnt, die durch Jesus von sieben Dämonen befreit wurde. Sie folgte ihm nach, stand unter dem Kreuz und war Zeugin der Auferstehung. Mehr sagt die Bibel nicht.
Besonders auffällig sei, so Roller, dass eine der wichtigsten Rollen Maria Magdalenas im Neuen Testament kunsthistorisch vergleichsweise wenig Niederschlag gefunden habe: Sie begegnet dem auferstandenen Jesus und gibt die Nachricht von seiner Auferstehung weiter. Darstellungen dieses Verkündigungsauftrags seien selten.
Auch ein anderer ausdrücklicher biblischer Befund tritt laut Roller in der Kunst kaum auf: Nach dem Lukasevangelium hatte Jesus Maria Magdalena von sieben Dämonen befreit. Für diese Episode habe man praktisch keine bildliche Darstellung gefunden.
Die Zeugin von Kreuz und Auferstehung
Deutlich stärker präsent ist Maria Magdalena dagegen in den Passionsdarstellungen. Die Bibel nennt sie als Zeugin der Kreuzigung und der Grablegung Jesu. Künstler des Mittelalters weiteten diese Rolle aus und integrierten sie auch in Szenen, bei denen sie in den Evangelien nicht ausdrücklich genannt wird – etwa bei Kreuztragung, Kreuzabnahme und Beweinung.
Eine Schlüsselstellung nimmt die Begegnung am leeren Grab ein. Roller verwies dabei auf die unterschiedlichen Akzente der Evangelien. Besonders folgenreich für die Kunstgeschichte wurde die Erzählung aus Johannes 20: Maria hält den Auferstandenen zunächst für den Gärtner. Erst als Jesus sie mit Namen anspricht, erkennt sie ihn.
Aus dieser Szene entwickelte sich der Bildtypus „Noli me tangere“ – „Rühre mich nicht an“. Künstler statteten Christus dabei teilweise tatsächlich mit Gärtnerhut, Spaten oder Hacke aus. Der Garten konnte zugleich als Anspielung auf das wieder zugängliche Paradies verstanden werden.
Synthese der Maria Magdalena
Entscheidend für das spätere Magdalenenbild war jedoch eine Entwicklung, die über den neutestamentlichen Text hinausgeht. Maria Magdalena wurde mit Maria von Bethanien und mit der nicht namentlich genannten „Sünderin“ aus dem Lukasevangelium identifiziert. Papst Gregor der Große deutete um das Jahr 600 ihre sieben Dämonen zu den sieben Todsünden um und rückte sie in die Nähe der Wollust – eine Zuschreibung, für die es im Bibeltext keinen Beleg gibt.
Damit verschob sich das Bild Maria Magdalenas erheblich. Aus der biblischen Jüngerin und Auferstehungszeugin wurde zunehmend die ehemalige Sünderin, die umkehrt und Buße tut. Gerade diese Büßerin sei in der Kunst „von vornherein“ von großer Bedeutung gewesen, erklärt Roller. Aus der Augenzeugin der Auferstehung wurde so über Jahrhunderte eine reuige Büßerin, wie sie Georges de la Tour, El Greco oder Luis Salvador Carmona darstellten.
Dabei hatte die Zuschreibung der sündigen Vergangenheit nach seiner Darstellung für damalige Betrachter nicht nur eine abwertende Funktion. Die Botschaft konnte vielmehr lauten: Wenn selbst eine Sünderin zur Heiligen werden kann, besteht Hoffnung auf Vergebung und Veränderung. Das Magdalenenbild wurde so zum Bild radikaler Umkehr.
Die häufige Erotisierung der Heiligen – nackter Fuß, entblößte Schulter und Brüste, oder leichtes Gewand – erklärt Roller ebenfalls aus dieser Bildtradition. Die Kunst wollte in der Büßerin zugleich deren vermeintliche Vergangenheit als Sünderin sichtbar halten. Das Spektrum reiche von zurückhaltenden, kontemplativen Bildern bis zu ausgesprochen erotischen Darstellungen.
Das Ansinnen, Maria Magdalena zur Ehefrau Christi zu erklären, oder der Beziehung erotische Aspekte zu verleihen, wie etwa in Dan Browns Bestseller „Sakrileg“, fehle jeder historische oder biblische Beleg.
Bettelorden entdecken Magdalena
Eine wichtige Rolle bei der Verbreitung des Magdalenenkults spielten im Mittelalter Franziskaner und Dominikaner. Nach Rollers Darstellung fanden die Bettelorden in der Heiligen Ideale wieder, die sie gegenüber der etablierten Kirche ihrer Zeit betonten: Armut, Rückzug von weltlichem Luxus, Predigt und Zuwendung zu den Menschen.
Besonders die Franziskaner verbanden Maria Magdalena eng mit dem Kreuz Christi. Daraus entstand der später vertraute Bildtypus der Magdalena am Fuß des Kreuzes. Die Kunst verstärkte damit ihre emotionale Präsenz in der Passion weit über die knappen biblischen Angaben hinaus.
Legenden
Roller unterscheidet zwischen biblischer Überlieferung und späterer Legendenbildung. Nachdem Maria Magdalena aus der neutestamentlichen Erzählung verschwindet, stellte sich für spätere Christen die Frage, was aus dieser bedeutenden Frau geworden ist. Seit dem frühen Mittelalter entstanden deshalb ausführliche Erzählungen über ihr weiteres Leben. Im 13. Jahrhundert bündelte die „Legenda aurea“ solche Traditionen und lieferte der Kunst über Jahrhunderte neue Motive.
Dazu gehört die Vorstellung, Maria Magdalena habe die Provence missioniert und anschließend 30 Jahre als Asketin in einer Höhle gelebt. Engel hätten sie siebenmal täglich emporgehoben, damit sie himmlischen Gesang hören und auf diese Weise geistliche Nahrung empfangen konnte. Auch Geschichten über ihren Tod, ihre letzte Kommunion und ihre Reliquien gehören zu diesem außerbiblischen Nachleben.
Maria Magdalena als Projektionsfläche
Kurator Bastian Eclercy, Sammlungsleiter für italienische, französische und spanische Malerei am Städel, bringt die Ausstellungsidee auf den Punkt: Die Vielfalt der Darstellungen mache Maria Magdalenas Bildgeschichte zu einem Spiegel der jeweiligen Zeit. Die Ausstellung zeigt, wie viel Projektion und wie wenig Bibeltext hinter dem gängigen Bild der „büßenden Sünderin“ steckt.
Städel-Direktor Philipp Demandt formuliert es diplomatisch: An Maria Magdalena ließen sich die wechselnden Vorstellungen von Frauen, Glaube und Gesellschaft über Jahrhunderte besonders eindrücklich ablesen. Ihre Geschichte sei „immer auch eine Geschichte der Blicke auf sie“.
Der Rundgang beginnt überraschend nicht im Mittelalter, sondern in der Gegenwart. Zu sehen ist etwa Marlene Dumas‘ Tuschezeichnung „Naomi Campbell as Maria Magdalena“ von 1996. Die spanische Malerin Nieves González zeigt 2025 eine blonde Maria Magdalena in einer Daunenjacke, einen Totenschädel lässig in der Hand. Auch David LaChapelle ist vertreten, mit einer großformatigen Darstellung von Kim Kardashian als Maria Magdalena.
Die eindrucksvolle Ausstellung – darunter Werke von Albrecht Dürer, Georges de la Tour, Max Beckmann, Giovanni Girolamo Savoldo, Simon Vouet, El Greco – macht mit rund 100 erlesenen Exponaten in zehn thematischen Sektionen eine Spannung sichtbar: Die Maria Magdalena des Neuen Testaments ist vor allem Nachfolgerin Jesu, Zeugin seiner Kreuzigung und eine der ersten Zeuginnen seiner Auferstehung. Die europäische Kunstgeschichte machte aus ihr zusätzlich Sünderin, Büßerin, Asketin, Missionarin und Heilige. Diese Schichten auseinanderzuhalten, gehört zu den aufschlussreichsten Einsichten des Ausstellungsrundgangs.
Wer die Schau besucht, sollte zwei Dinge mitbringen: Interesse an Kunstgeschichte – und die Bereitschaft, selbst zu unterscheiden zwischen dem, was die Bibel über Maria Magdalena sagt, und dem, was Maler, Bildhauer und Päpste ihr im Lauf der Jahrhunderte angedichtet haben.
„Maria Magdalena. Sin. Pray. Love.“, vom 17. September bis zum 17. Januar 2027 im Städel Museum Frankfurt
Ein Katalog zur Ausstellung mit Beiträgen unter anderem von Bastian Eclercy und Stefan Roller ist unter dem Titel „Maria Magdalena“ beim Hirmer Verlag erschienen.