Wolfgang Thierse sieht die Gesellschaft aktuell geprägt durch eine „Atmosphäre des Hasses“. Jeder Reformvorschlag stoße auf Wut, Gemeinwohlorientierung gelinge immer weniger. „Diese Gesellschaft kommt an ihre Grenzen“, sagte der SPD-Politiker bei einer Veranstaltung der Katholischen Akademie in Berlin am Montagabend.
Thierse warb für die Demokratie, auch wenn deren Wirkmechanismen den Wünschen vieler nach schnellen Lösungen heute nicht gerecht würden. Nach 30 Jahren in der Politik wisse er: „Demokratische Machtpraxis ist ziemlich grau, hässlich, zeitraubend, schweißtreibend.“ Ob Politiker wirklich mächtig seien, daran zweifle er. Demokratie, das sei „die ständige Wiederholung von Debatten“ anstatt machtvollem Handeln. „Kompromisse Schritt für Schritt“, das sei „die politische Lebensform der Freiheit“.
„Demokratie ist ihrer inneren Natur nach langsam“, sagte Thierse. Nur so könnten sich möglichst viele beteiligen. In den aktuellen Dynamiken, etwa der rasanten Entwicklung von KI oder Militärtechnik, erscheine es aber, als renne die Politik stets hinterher. „Das alles zehrt an der Legitimation demokratischer Macht.“
Das sei nicht einer Unfähigkeit handelnder Politiker geschuldet, nahm Thierse seine heutigen Berufskollegen in Schutz: „Ich mache es mir nicht mehr so leicht, vielleicht liegt es daran, dass ich selbst einmal dieser Sphäre angehört habe.“ Die Politik könne niemals den derzeit dramatischen Wunsch der Bevölkerung nach Erlösung stillen.
„Empörungsunternehmer“ AfD und BSW
Viele verachteten das politische Personal und System, weil sie sich danach sehnten, dass „die da oben gefälligst meine Probleme lösen“ sollten. Thierse nannte das „autoritäre Erwartung“ an Politik. Dabei könnten weder Bundeskanzler Friedrich Merz noch andere Heil und Erlösung bringen oder schlicht die vielen einzelnen Selbstverwirklichungsansprüche gesellschaftlicher Gruppen befriedigen. Je größer aber die Erwartung, desto größer sei auch die Vertrauenskrise. Profiteure davon seien „Empörungsunternehmer“ wie AfD oder BSW.
Thierse sprach auch über seinen Glauben: „Mir hat mein christlicher Glaube geholfen, als Einladung zu einer entlastenden Gelassenheit“, sagte er. Er wisse, dass Politik nicht alles im Leben sein dürfe. Zugleich sei seine Erwartung immer wieder enttäuscht worden, dass Christen in der Politik anders streiten und eher das Miteinander suchen würden. Christen hätten auch kein gesondertes Wissen zu den allermeisten Sachfragen. „Aber sie haben die verdammte Pflicht, sich an den Lösungs- und Streitprozessen zu beteiligen.“ Sie sollten autoritären Versuchungen widerstehen und „den Unterschied zwischen Wohl und Heil“ kennen. Für Letzteres seien sie nämlich nicht zuständig.
Thierses Einlassungen waren Teil eines Debattenabends zur Frage des Verhältnisses von christlichem Glauben und Macht. Die Katholische Akademie in Berlin fragte etwa: Wie stehen Christen zur militärischen oder politischen Macht? Oder: Wie mächtig sollten die Kirchen sein? SPD-Urgestein Wolfgang Thierse sprach darüber mit dem Theologen und Ethiker Daniel Bogner.
Christliche politische Akteure sollen konstruktiv sein
Bogner erklärte: „Ein christlicher Blick auf die Macht kann eine Ressource sein (…), um Macht richtig zu gebrauchen.“ Die Bibel verstehe Gott als „die Macht schlechthin“, die „ins Dasein rufen“ könne. Und zwar mit dem Ziel, die Menschen zu befreien, damit sie selbst ihr Leben gestalten können. „Nichts ist so mächtig am Christentum, wie seine Fähigkeit, Menschen einen Horizont zu eröffnen, der ihnen eine tiefe Sinnperspektive gibt.“
Als christlicher politischer Akteur solle man in erster Linie konstruktiv auftreten, um Gesellschaft positiv zu gestalten und nicht als Sammlung von Nein-Sagern, schloss Bogner. Macht entstehe in der Gemeinschaft. Im christlichen Sinne handle Letztere nicht polarisierend, sondern ausgleichend. Die Gemeinschaft im christlichen Sinne sei nicht geschlossen, grenze sich nicht nach außen ab, sondern sei prinzipiell zugänglich, solidarisch. Der christliche Existenzmodus laute: „Nicht ohne die anderen.“ Wichtig war ihm auch: Keine weltliche Macht dürfe sich je absolut setzen, auch nicht die Kirchen.