Was hat eigentlich Politik noch mit der Kirche und mit christlichen Werten zu tun?“, fragt Nicole Höchst von der AfD. Es ist ein heißer Tag im Mai, die Sonne brennt durch die Fenster des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses unweit des Reichstagsgebäudes. Rund 50 Christen und religionspolitisch Interessierte sind heute hier auf Einladung der Partei zusammengekommen, die im Bundestag die größte Oppositionsfraktion stellt. „Die rechte Ordnung der Liebe – christliche Prinzipien für die heutige Politik“, steht als Thema auf der Tagesordnung. Höchst ergreift wieder das Wort: Ziel des Abends ist es demnach auch, darzustellen, warum die AfD die „einzige verbliebene Fraktion im Bundestag“ sei, die zwar das C nicht im Namen trage, aber für christliche Politik stehe. Ein irgendwie schwammiger Begriff, den sie auf Nachfrage mit den folgenden Wörtern füllt: Verfassungstreue, Verantwortung für den Lebensschutz und die Familie als Keimzelle der Gesellschaft. Christlich-abendländische Identität, Heimatliebe und Patriotismus als Christenpflicht, Subsidiarität und Freiheit sowie Kritik an den Kirchen zu üben, wo nötig.
Höchst ist katholisch und religionspolitische Sprecherin ihrer Fraktion. Gekommen ist auch eine andere prominente Christin bei der AfD: Beatrix von Storch, evangelisch. Sie sei „der festen Überzeugung, dass die AfD für einen wahren Christenmenschen…“, sagt sie ins Mikrofon, dann zögert sie kurz. Setzt nochmal neu an. Nein, vielleicht nicht die einzig wählbare Partei sei. „Aber ich habe großes Unverständnis dafür, dass die Kirchen behaupten, wer Christ ist, kann nicht in der AfD sein oder kann die AfD nicht wählen.“
Was von Storch meint, sind Äußerungen wie diese von der Deutschen Bischofskonferenz im Jahr 2024: „Durch Mitglieder und Repräsentanten der AfD werden (…) rechtsextreme Positionen vertreten, die die Menschenwürde missachten und im (…) diametralen Kontrast zum christlichen Menschenbild, zum Gebot der Nächstenliebe sowie zur katholischen Soziallehre stehen, sodass ein Widerspruch zu der Werteordnung der Kirche vorliegt.“ Bischöfin Kirsten Fehrs, Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, stellte ein Jahr später in einem Interview des Senders Phoenix fest, sie halte die AfD ebenfalls weder für wählbar noch für einen Ort, an dem Christen sich betätigen sollten. „Völkisch-nationales Gedankengut ist definitiv nicht mit unseren christlichen Grundwerten vereinbar.“
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Dennoch sind Christen, die den großen Kirchen angehören, bereit, die AfD zu wählen. Genauer gesagt rund 26 Prozent der Katholiken in Deutschland und 27 Prozent der Protestanten, folgt man einer „Insa“-Umfrage aus dem Mai dieses Jahres. Im Jahr 2025 gaben von den damals 151 AfD-Abgeordneten im Bundestag 13 Prozent an, katholisch zu sein, neun Prozent sagten, sie seien evangelisch. Das ist ungefähr so viel wie bei den Grünen, weniger als bei der Union und mehr als bei der Linken. 47 Prozent machten keine Angabe zu ihrer Konfession oder Religionszugehörigkeit. Und zur Wahrheit gehört auch, dass sich die AfD auch für Themen einsetzt, die viele Christen bewegen. Sie ist gegen eine Abschaffung des Abtreibungsverbots in bestimmten Fällen. Sie war auch gegen die Abschaffung des Werbeverbots für Schwangerschaftsabbrüche, das derweil durchgesetzt ist. Und sie erkundigt sich immer wieder zu den Themen Religionsfreiheit von Christen und Gewalt gegen sie.
Harte Sprache ist normal
Zurück bei der AfD im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus. Auch umgekehrt ist hier unter den religionspolitisch Interessierten die Ablehnung evangelischer und katholischer Kirche und nahestehender Gruppen deutlich hörbar. Ebenso wie in manchen der AfD-Programme. Einer der Referenten, der Historiker David Engels, spricht an diesem Abend über Transzendenz als Grundbedingung für die Menschenrechte, das „Ideal eines vereinten christlichen übernationalen Europas“ und die Notwendigkeit eines fromm geprägten Patriotismus. Als das Wort „Kirchentag“ in seinem Vortrag fällt, lachen einige laut auf. Zustimmung wird laut, als er rhetorisch fragt: „Ist Kardinal Marx nun der Repräsentant eines christlichen Deutschlands?“ Und selbst antwortet: „Natürlich nicht!“ Es brauche eine „Hinwendung junger Leute zu einem Christentum, das mit der Zeitgeistkirche weniger gemeinsam hat“, sagt er. Auch bei anderen Veranstaltungen der Partei machen Redner die Volkskirchen verächtlich. Im Jahr 2024 sprach der katholische Theologe David Berger bei einer AfD-Veranstaltung von einer gleichgeschalteten Kirche mit Pseudoreligion, die für Impfungen öffne, aber für Taufen schließe. Der Referent bei der AfD und Mitveranstalter religionspolitischer Themenabende, Christian Machek, erlaubt sich immer wieder einen Wortwitz: Statt in seinen Vorträgen und Wortmeldungen vom synodalen Weg zu sprechen, jener Bewegung, die etwa eine Gleichstellung von Frauen und die Anerkennung homosexueller Partnerschaften in der katholischen Kirche fordert, nennt er sie „den suizidalen Weg“.
Harte Sprache ist nicht nur gegenüber den Kirchen Normalität in der Fraktion. Im Lüders-Haus spricht Höchst wie selbstverständlich von der „linksgrünversifften Mehrheitsgesellschaft“, als wäre das ein politischer Fachbegriff. Im Bundestag sagte sie einmal in Richtung ihrer politischen Gegner, die „Fake-News-Wokeista“ sollten ihre „dreckigen Pissgriffel“ von Kindern lassen. Von Storch war gemeinsam mit ihrem Parteikollegen Stephan Brandner traurige Spitzenreiterin bei der Zahl der Ordnungsrufe im Plenum in der vergangenen Legislaturperiode. So bezeichnete sie die Linken-Abgeordnete Heidi Reichinnek etwa als „Kindermörderin“, den Ex-Verfassungsschützer Thomas Haldenwang als „strunzdumm“ oder spricht die transsexuelle Abgeordnete Tessa Ganserer immer wieder mit ihrem alten männlichen Vornamen an. Schon die Geschichte der AfD im Deutschen Bundestag begann mit einer aggressiven Kampfansage: „Wir werden sie jagen!“, sagte der damalige Spitzenkandidat Alexander Gauland an die Bundesregierung unter Angela Merkel gerichtet.
Sehr christlich wirkt dieser Umgang der Partei mit politischen Kontrahenten und der Kirche nicht. Wie passen also Glaube und der Umgangston zusammen? Die Herablassungen, so erklärt Höchst auf Nachfrage, seien eine Antwort auf die Ablehnung durch ihre Gegner, die sie selbst erfahre. Von „Verleumdungen“ und „einer gewissen Verbitterung“ ist die Rede. Und dann spricht sie über ihren Glauben und plötzlich klingt sie ganz anders. PRO hat Höchst für diese Recherche mehrmals im Deutschen Bundestag getroffen. Offen ist sie, wenn es um Gott geht, spricht davon, wie wichtig ihr der Glaube ist, dann erzählt sie von ihrem schwerbehinderten ältesten Sohn. Seit seiner Geburt verbrachte sie wegen eines Herzfehlers viel Zeit mit ihm auf der Intensivstation. „Ich hätte das mit Sicherheit nicht geschafft, wenn ich in der Zeit nicht Kraft daraus hätte ziehen können, nochmal Verbindung aufzubauen nach oben“, sagt sie: „Seitdem ist der Funkkanal wieder offen.“ Über ein Jahrzehnt später begleitete sie auch ihre Tochter auf der Intensivstation wegen einer Hirnhautentzündung. Höchst spricht von einem „Nahtoderlebnis“, ihre Stimme stockt. Der Glaube habe ihr Kraft gegeben. „Das alles hat mir gezeigt, dass es mehr gibt zwischen Himmel und Erde.“ Über Jesus Christus sagt sie: „Das ist der, der meine Hand hält, wenn ich verzweifelt bin. Der mir Leute an die Seite stellt, die mich tragen. Er ist der, der mich tröstet.“ Wer könnte einen solchen Glauben nicht ernst nehmen?
Immer wieder das Thema Migration
Doch Nicole Höchst ist auch die Politikerin, die Mitte 2025 einen Post absetzte, der einen Güllewagen zeigte, neben dem zwei wie Scheichs gekleidete Menschen herlaufen. Dazu der Text: „An alle Moslems in Deutschland: Was immer du auch isst … Es ist mit Schweinescheiße gedüngt …“ Eine Anspielung auf das islamische (und übrigens auch jüdische) Verbot, Schweinefleisch zu essen. Sie ist auch die Politikerin, die im März 2018 gemeinsam mit anderen AfD-Abgeordneten eine Kleine Anfrage an die Bundesregierung stellte, in der sie nach der Anzahl und den Ursachen für Schwerbehinderungen bei Kindern und Jugendlichen fragte und das in einen Zusammenhang brachte mit inzestuösen Beziehungen unter Migranten. Eine der Fragen: „Wie viele der in der Bundesrepublik Deutschland lebenden Schwerbehinderten (bitte hier alle Arten von Behinderungen zusammenfassen) besitzen keine deutsche Staatsbürgerschaft (bitte nach Jahren seit 2012 aufschlüsseln)?“
Spricht man sie auf die beiden Vorfälle an, gibt sie sich gelassen. „In meiner Gedankenwelt läuft die Demarkationslinie zu einem freien demokratischen Land da, wo ich aushalte, wenn meine Religion kritisiert oder lächerlich gemacht wird.“ Und: „Ich ertrage das, wenn man Gott lästert.“ Auf der anderen Seite – und damit meint sie die muslimische – sei das anders. Das habe sie deutlich machen wollen. Mit ihrer Anfrage von 2018 hingegen habe sie schlicht den Mangel an Lehrern und Inklusionshelfern deutlich machen und außerdem auf das Problem von Verwandtenehen und gesundheitspolitische Folgen hinweisen wollen. Um die Bekämpfung von Kinderehen sei es ihr auch gegangen.
Höchst problematisiert aber auch den Islam an sich. Ein Kopftuchverbot in öffentlichen Gebäuden ist eine ihrer Forderungen, die sich auch im Parteiprogramm wiederfindet, das sie mitgeschrieben hat. Während dort noch vom „französischen Vorbild“ die Rede ist, also einem Laizismus, der alle religiösen Symbole in gleicher Weise vom öffentlichen Leben ausschließt, klingt das im Gespräch mit Höchst anders. Der Islam sei hier kulturfremd und beanspruche den öffentlichen Raum. „Es ist legitim, das nicht zu wollen.“ Sie ist für eine bevorzugte Behandlung „jener christlichen Religion, die Deutschland kulturell geprägt hat“. Christliche Symbole will sie also im Gegensatz zu muslimischen weiter zugelassen sehen. Das aber könnte ihr mindestens Probleme mit dem Gleichbehandlungsgrundsatz der Verfassung einbringen.
Foto: AfD-Fraktion im Deutschen Bundestag Nicole Höchst
Nicole Höchst, geboren 1970, sitzt seit 2017 für die AfD im Bundestag. Ihr Wahlkreis ist Kreuznach in Rheinland-Pfalz, wo sie 2025 hinter Bundestagspräsidentin Julia Klöckner die zweitmeisten Stimmen erhielt. Höchst hat ein Lehramtsstudium absolviert und ist Regierungsschuldirektorin a.D.. In der Bundestagsfraktion ist sie religionspolitische Sprecherin. Höchst ist katholisch und hat vier Kinder.
Das alles macht aus ihr noch keine Rechtsextreme. Doch sie nimmt auch denjenigen in Schutz, der für den ganz rechten Flügel ihrer Partei steht wie kein anderer: Björn Höcke. Mehrfach wurde der Thüringer Fraktionschef wegen der Verwendung von Nazi-Parolen verurteilt, jüngst machte er von sich reden, weil er in einer Ansprache über die deutsche Nationalmannschaft witzelte: „Wenn man das Trikot dann tauscht, dann weiß man gar nicht mehr, wer ist jetzt von welcher Mannschaft“, sagte er laut Videoaufnahmen. Die deutsche Mannschaft sieht ihm nicht deutsch genug aus. Ein rassistischer Gag auf Kosten einiger Spieler mit Migrationshintergrund, die sogar in Deutschland geboren sind.
Höchst kann in all dem nichts Schlimmes sehen. Traurig mache es sie, wie mit „dem Mann“ umgegangen werde, er sei Lehrer gewesen wie sie, er wolle nur das Beste für die nachwachsende Generation. „Wer ist die Instanz, die sagt, was sagbar ist?“, fragt sie. Jeder, der die aktuelle Einbürgerungspraxis und Multikulturalismus kritisiere, werde abgestempelt. „Für mich sind der liebe Gott und als Abgeordnete das Wohl Deutschlands die maßgebenden Instanzen meines Handelns.“ Und zu Höcke: „Ich kann die Art der Provokation sehr gut nachvollziehen, weil menschliche Gesetze nicht in Stein gemeißelt sind.“ Damit meint sie, dass das Staatsangehörigkeitsrecht immer wieder reformiert wurde. Seit dem Jahr 2000 erwerben unter bestimmten Voraussetzungen auch Kinder nichtdeutscher Abstammung mit Geburt die deutsche Staatsangehörigkeit. Dazu muss mindestens ein Elternteil seit fünf Jahren rechtmäßig in Deutschland leben und ein unbefristetes Aufenthaltsrecht besitzen. Darauf spielt Höchst an, wenn sie von einer „Verschenkung unserer Passdokumente“ spricht. Nur, dass Begriffe wie Migration und Staatsangehörigkeitsrecht erstmal wenig mit der Herkunft schwarzer Fußballer wie Felix Nmecha oder Jonathan Tah zu tun haben. Beide wurden in Hamburg geboren und haben eine deutsche Mutter. Das, was Höcke da sagt, entspricht ziemlich genau dem Vorwurf des völkischen Gedankenguts.
Christen finden nicht zusammen
Und so macht es einem Nicole Höchst, diese Frau, die sich gern mit den großen Philosophen, christlichen Denkschulen und päpstlichen Schriften befasst, dann doch schwer. Eine nationalstolze Christin, die sich gegen den Vorwurf verwehrt, ihre Partei sei immer mehr nach rechts gerückt, die Muslime verunglimpft und rechtsextreme Ausfälle anderer rechtfertigt; die aber auch von sich sagt, sie wäre „eine gute Nonne geworden“, die einen Thinktank zu Religion und Politik in ihrer Fraktion gegründet hat, die Arbeitsgemeinschaft Religionspolitik, bei dem auch linke Sprecher gehört werden. Die von fraktionsinternen Gebetsfrühstücken schwärmt, bei denen „Großer Gott wir loben dich“ gesungen wird und man die Sorgen und Nöte teile. 20 Besucher seien sie jüngst gewesen, Tendenz steigend, und es habe sogar schon Besucher aus anderen Fraktionen gegeben.
Christliche Veranstaltungen gab es freilich auch schon vor der AfD im Deutschen Bundestag. Da wäre zum einen eine regelmäßige Andacht, gestaltet von den politischen Beauftragten der Kirchen. Zu denen geht Höchst nicht mehr, seit sie dort einen Vortrag über „die Schönheit des islamischen Fastens“ gehört habe. Und bei den Gebetsfrühstücken, die von den Parlamentariern selbst überfraktionell organisiert werden, ist die AfD nicht mehr willkommen. „Wir sind nicht die Monster, die man aus uns machen möchte“, sagt sie ganz allgemein über ihre Partei und den Umgang mit ihr. Und sieht keinen Grund für die Ausladung. Fragt man bei den Verantwortlichen nach, klingt das anders. Von Vertrauensbrüchen ist die Rede, Vertrauliches sei weitererzählt worden und mancher andere Teilnehmer habe es nicht länger aushalten wollen, dass Mitbetende Minuten nach dem Treffen im Plenum des Bundestages pöbelten und auf öffentlicher Bühne über sie herzogen. Unter der Gürtellinie, wie es heißt. „Aber wir haben einen Schmerz, dass nicht alle Fraktionen zusammenzubringen sind“, heißt es aus Kreisen des Gebetsfrühstücks.
Ein Schmerz wie dieser ist den Christen in der AfD, zumindest nach dem Besuch verschiedener Veranstaltungen und mehrstündiger Gespräche mit Nicole Höchst, nicht abzuspüren. Wut aber wohl. Ärger über den politischen Gegner, die Ächtung durch viele Kollegen anderer Fraktionen und über die Ungleichbehandlung, obwohl die Partei von einem knappen Drittel der Deutschen Zustimmung erfährt. Immer wieder ist von Abgeordneten anderer Fraktionen zu hören, man wolle AfD-Abgeordneten nicht die Hand geben. Die AfD hat es nach wie vor nicht geschafft, einen der ihren zum stellvertretenden Bundestagspräsidenten wählen zu lassen. Zusammenarbeit mit den Rechten gibt es auch nicht bei überfraktionellen Anträgen, etwa bei Debatten zu Gewissensfragen wie der Organspende, bei denen die Fraktionszugehörigkeiten eigentlich gar keine Rolle spielen sollen.
„Ich bin es leid, als tumber idiotischer Nazi abgestempelt zu werden, der alles ist, nur kein Christ“, sagt Höchst dazu. Diese Bewertung ergieße sich über ihre ganze Partei und auch über deren Wähler und Unterstützer. Unterkomplex und sogar antichristlich nennt sie das. Ein Ärger, der nachvollziehbar erscheint. Und doch keine Politik machen sollte. So lassen Höchst und die Christen in ihrer Partei die, die genauer hinschauen, mit einem unguten Gefühl zurück. Ihr Glaube mag aufrichtig sein. Ihre Politik aber speist sich auch aus Wut und äußert sich teilweise in Verachtung gegenüber gefühlten oder echten Feinden allerorts.
Dieser Text ist zuerst in der PRO 4/2026 erschienen. Abonnieren Sie PRO kostenlos hier.