Resilienter Glaube in Notzeiten

Wie kann der Glaube in Notlagen tragfähig bleiben? Ein Blick auf die Texte und die Lebensgeschichten vieler christlicher Liederdichter kann zu einer Antwort verhelfen. Denn viele tröstenden Texte entstanden in schwerer Zeit.
Ein Gastbeitrag von Matthias Hilbert
Zeichnung von der Zerstörung Magdeburgs 1631

Wenn man sich mit den Verfassern und der Entstehung von Kirchenliedern befasst, so stößt man auf ein interessantes, fast schon paradox zu nennendes Phänomen: Viele unserer schönsten und beliebtesten Choräle sind ausgerechnet in extrem schweren, notvollen Zeiten wie etwa dem Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) entstanden.

Dieser Krieg, der vor allem die deutschen Länder heimsuchte und heute hier und morgen dort mit stets neuer, furchtbarer Intensität wütete, hat über die Menschen unendliches Leid gebracht. Ganz gleich, ob es die Soldateska der schwedischen Protestanten oder der katholischen Wallensteiner war: Ihre Gier nach Beute, ihre Mord- und Zerstörungslust war bei allen gleich. Es wurde gebrandschatzt, massakriert, vergewaltigt, geplündert und den Bauern das Vieh und das Getreide genommen. Und zu allem Überfluss kam nicht selten mit den Soldaten auch noch die Pest ins Land.

Und doch blühte gerade damals „das christliche Lied in einer Breite und einem inneren Reichtum auf, der einzigartig ist“ (Wilhelm Landgrebe). Wäre es nicht naheliegend und auch „natürlich“ gewesen, wenn in jener schrecklichen Zeit der glaubensstarke Gesang verstummt und den Menschen geradezu im Halse stecken geblieben wäre?

Doch genau das Gegenteil war der Fall. Und wir fragen uns: Was gab einem Paul Gerhardt (1607–1676), einem Johann Heermann (1585–1647) oder einem Georg Neumark (1621–1681) – um nur drei der prominenten Kirchenlieddichter jener Epoche zu nennen – die Standfestigkeit und die Kraft, ihre Lob-, Trost- und Hoffnungslieder zu dichten und damit auch andere Christen in ihrem Glauben zu vergewissern und zu stärken?

Emotional abgestumpfte Menschen, die stoisch und resigniert ihr Schicksal hinnehmen, sind die genannten Dichter jedenfalls nicht gewesen. An den Kriegsereignissen und -folgen litt jeder schwer. Und auch bei ihnen löste jeder Tod ihrer Angehörigen Verlustschmerz und Trauer aus.

Das galt selbstverständlich auch für einen Mann wie Paul Gerhardt. Der verlor nach dem Ende des 30-jährigen Krieges nicht nur innerhalb weniger Jahre vier Kinder, sondern später auch noch seine Frau Anna Maria. Sodass er am Ende allein mit seinem fünfjährigen Sohn Paul Friedrich zurückblieb. Und fast wäre dieser ihm auch noch genommen worden.

Welche Ängste und welch große Erschöpfung Paul Gerhardt damals zusetzten, lässt folgende Mitteilung von ihm erkennen: „Ich befinde mich (…) in großer Not, indem mir mein armer einziger Sohn vor wenigen Tagen gegen Abend (…) gar unvermuteter Weise krank worden, solche Krankheit auch dermaßen zugenommen, dass ich ihn den folgenden Tag nicht gedachte, lebendig zu behalten. (…) Mein Gemüt ist mir (…) dermaßen (…) beängstiget, dass ich fast nicht weiß, wo ich mich hinkehren und wenden soll.“

Wie froh und dankbar mag der Witwer gewesen sein, als sein ihm einzig verbliebenes Kind dann doch wieder genas!

Welche Haltungen die Dichter verbinden

Dass aber Paul Gerhardt, Johann Heermann, Georg Neumark und andere christliche Liederdichter trotz all ihrer vielfachen und vielfältigen Leiderfahrungen nicht am Leben verzagten und mutlos wurden, sondern vielmehr unbeirrt an „ihrem“ Gott festhielten und jene erstaunliche Glaubensresilienz aufwiesen, die sie sogar noch befähigte, andere durch ihre Liedschöpfungen im Glauben aufzurichten, – bei der Untersuchung dieser erstaunlichen Tatsachen stößt man auf gleich mehrere Haltungen und Einstellungen, die für diese Lieddichter grundlegend und typisch waren. Dabei ragen folgende Verhaltensmuster besonders heraus:

– Sie alle waren Menschen, die wirklich realisiert hatten, dass das Leben (und Leiden) auf dieser Erde nur von begrenzter und vorübergehender Dauer ist, und dass wir als „Pilger“ der Ewigkeit entgegengehen. Dort ist des Menschen wahres Lebensziel und bleibende Heimat. Dass das Schönste (erst) noch kommt, davon kündet die Botschaft vieler ihrer Lieder. Daran wollen sie (sich und andere) erinnern. Das ließ sie zu Menschen der Hoffnung werden.

– Dieser Ewigkeitsbezug löste bei den Liederdichtern jedoch keine apathische, resignierende und lebensuntüchtige Gesinnung aus. Vielmehr sahen sie sich herausgefordert und verpflichtet, ihrem himmlischen Vater ungeachtet aller äußeren Umstände in Treue zu dienen und sich in diesem irdischen Leben als wahre Christen zu bewähren. So bittet etwa der Köbener Pfarrer Johann Heermann, den manche Biografen wegen seiner vielen Noterfahrungen und schweren Krankheitsleiden auch als „Schlesischen Hiob“ bezeichnet haben, in seinem Lied „O Gott, du frommer Gott“:

Gib, dass ich tu mit Fleiß, was mir zu tun gebühret,
wozu mich dein Befehl in meinem Stande führet.
Gib, dass ich‘s tue bald zu der Zeit, da ich soll,
und wenn ich‘s tu, so gib, dass es gerate wohl.

Und Georg Neumark fordert in seinem Lied „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ die Gläubigen auf:

Sing, bet und geh auf Gottes Wegen,
verricht das Deine nur getreu
und trau des Himmels reichem Segen,
so wird er bei dir werden neu;
denn welcher seine Zuversicht
auf Gott setzt, den verlässt er nicht.

Kraft zum Durchhalten in ihren Anfechtungen und Bedrängnissen erfuhren die Liederdichter aber auch dadurch, dass sie sich bewusst machten, was Christus alles für sie getan, gelitten und auf sich genommen hatte. Das führte sie immer wieder zu Dank und Anbetung und verhinderte, dass ihre Gedanken nur um ihre aktuelle Notsituation kreisten. An dieser Stelle sei nur an das Passionslied „Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen“ (Johann Heermann) oder Paul Gerhardts „O Haupt voll Blut und Wunden“ erinnert. Dadurch, dass Jesus ihr Wegbegleiter und Erlöser war, wussten sie sich mit etwas Einzigartigem beschenkt, dem nichts gleichkam: „Warum sollt‘ ich mich denn grämen? / Hab ich doch Christus noch, / wer will mir den nehmen?“ (Paul Gerhardt)

– Gleichzeitig hielten die Liederdichter vertrauensvoll daran fest, dass Gott ihnen in ihren Leiderfahrungen beisteht, und dass er helfend eingreifen und Not auch wieder wenden kann. Das bekannteste solcher Glaubens- und Vertrauenslieder ist sicherlich jenes Lied von Paul Gerhardt, das dieser schon bald nach dem Ende des 30-jährigen Krieges gedichtet hat und das sicherlich auch Ausdruck seiner eigenen Erfahrung war: „Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt, der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt.“

Keine oberflächlichen Antworten

Der Grund dafür, dass die aus dem 17. Jahrhundert stammenden Choräle auch heute noch in der Lage sind, Herz und Gemüt von Christen anzusprechen und zu erreichen, liegt gewiss auch darin, dass sie existenzielle Grundfragen des menschlichen und christlichen Daseins berühren: die Frage etwa, wie umzugehen ist mit Glaubensanfechtungen, mit den Erfahrungen von Not und Leid, mit der Realität unserer Endlichkeit, unseres Todes.

Hierzu geben die Lieder Paul Gerhardts und anderer seiner Zeitgenossen den Gläubigen Orientierung und Glaubensbestätigung und vermitteln ihnen Trost, Geborgenheit und Halt. Sie verhelfen zu unterscheiden zwischen Vorläufigem und Ewigem, zwischen Vorrangigem und Zweitrangigem. Zugleich haben sie etwas ausgesprochen Mut- und sogar Frohmachendes an sich. Sie besingen einen Gott, der sie errettet hat und der mit seinen Kindern durchs Leben geht und bei ihnen ist in guten wie in schlechten Zeiten.

Anscheinend spüren die Menschen den Texten aber auch ab, dass sie es hier mit Liederdichtern zu tun haben, die ihre Fragen, Nöte und Ängste selber durchlebt, selber durchlitten haben. Und die ihnen keine oberflächlichen Antworten, keinen billigen Trost vermitteln, sondern die mit ihren Aussagen fest verwurzelt sind im Worte Gottes.

Ihre Lieder zu kennen, zu singen oder auch zu beten, ihre Inhalte zu bedenken und zu bewegen – das kann auch bei Christen unserer Zeit die Gottesbeziehung vertiefen und ihnen zu einem resiliente(re)n Glauben verhelfen.

Matthjias Hilbert: „Von Johnn Sebastian Bach bis Dietrich Bonhoeffer“ Foto: Christliche Verlagsgesellschaft

Zum Autor

Matthias Hilbert, Jahrgang 1950, wohnt in Gladbeck. Er ist Lehrer i. R. und Autor mehrerer Bücher über klassische deutsche Dichter, Denker und Musiker und ihre Beziehung zum christlichen Glauben. Zuletzt ist von ihm erschienen „Von Johann Sebastian Bach bis Dietrich Bonhoeffer. 20 Lebensbilder christlicher Komponisten und Liederdichter“, Christliche Verlagsgesellschaft, 272 Seiten, 19,90 Euro.

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