Die Anfeuerungsrufe werden lauter. Die Sonne brennt am portugiesischen Strand. Der Schweiß der Sportler rinnt in Strömen. Ein letzter Pass. Ein finaler Sprint. Der Spieler setzt zum Sprung an und fängt die Frisbee-Scheibe. Mit dem Schlusspfiff bricht Jubel aus: Deutschland ist mit dem Mixed-Team Weltmeister im Beach Ultimate Frisbee! Nachdem sie im Viertelfinale den haushohen Favoriten USA geschlagen hat, feiert die Mannschaft den Finalsieg im vorigen November gegen Australien ausgelassen. Mittendrin: eine überglückliche Charlotte Schall.
Groß geworden ist die 25-Jährige in Bad Rappenau nahe Heilbronn. Dort weckten ihre vier großen Brüder die Leidenschaft für die eher unbekannte Sportart Ultimate Frisbee. „In Frankreich und Italien wird die Sportart schon in den Schulen gespielt“, erzählt Schall. In Deutschland sei Ultimate-Frisbee, bis auf ein paar Hochburgen, eher eine Uni-Sportart.
Fair Play ohne Schiedsrichter
Schall, die bis dahin im Volleyball und der Leichtathletik aktiv war, merkte, wie viel Spaß sie an der Sportart hat. Diese sei „schnell, athletisch und abwechslungsreich“. Jeweils sieben Spieler einer Mannschaft versuchen, die Frisbee durch schnelle Pässe in die Endzone zu bekommen und dort zu fangen. Gelingt das, bekommen sie einen Punkt. Wird die Scheibe abgefangen oder fällt auf den Boden, wechselt das Angriffsrecht zur anderen Mannschaft. Wer zuerst 15 Punkte hat oder nach 100 Minuten mehr Punkte, gewinnt das Spiel. Dabei gibt es immer wieder spektakuläre Szenen bei „Luftkämpfen“ zwischen den Pässen, erklärt Schall.
Ultimate Frisbee wird ohne Körperkontakt und Schiedsrichter gespielt: „Der Fair-Play-Gedanke ist sehr wichtig“, betont Schall. Sie liebt es, im Team zu spielen, wo jeder seine Rolle ausfüllt: „Wir gewinnen oder verlieren zusammen.“ Schall selbst spielt seit vier Jahren für eine Mannschaft in Bologna, deren schneller Spielstil ihr schon immer gefallen habe.
Ein unglaubliches Energiebündel
Obwohl das Pendeln zwischen Italien und Heidelberg viel Zeit kostet, investiert sie diese gerne. Überhaupt strotzt Schall nur so vor Energie. Ihr war schon früh klar, dass sie Krankenschwester werden will. An dem Beruf mag sie den Kontakt zu den Menschen. Mit einem verschmitzten Lächeln fügt sie hinzu, dass sie Krankheitsbilder interessieren. „Es hört sich komisch an. Aber ich bin froh, dass ich weiß, was ich im Notfall zu tun habe.“ Der Glaube hat sie von kleinauf begleitet. Sie war als Kind in der örtlichen Jungschar und ihre Eltern engagieren sich bis heute vielfältig in der Gemeinde in Bad Rappenau.
Ihr Fernweh lässt sich damit erklären, dass sie gerne neue Kulturen kennenlernt. In einer Fachzeitschrift las sie von der christlichen Organisation „Mercy Ships“, die mit Krankenhausschiffen bedürftige Menschen vor allem in afrikanischen Ländern medizinisch versorgt. Die Möglichkeit, dort mitzuarbeiten, hat ihr Interesse geweckt – und nicht mehr losgelassen. Sobald sie die nötigen zwei Jahre Berufserfahrung gesammelt hatte, bewarb sie sich, um auf dem Krankenhausschiff mitzuarbeiten – ehrenamtlich. Mittlerweile war sie schon mehrmals mit „Mercy Ships“ unterwegs, für insgesamt sechs Monate: zwei Mal davon im westafrikanischen Sierra Leone, wo sich die Organisation regelmäßig um die gesundheitliche Versorgung der einheimischen Bevölkerung kümmert. Im Herbst wird sie das erste Mal nach Madagaskar reisen.
Patienten öffnen sich
Schall betont: „Das Schiff ist richtig gut ausgestattet.“ Unter anderem Computertomograf, Röntgengeräte, ein eigenes Labor und eine Apotheke sind an Bord. Es sei ernüchternd, den Kontrast zu den lokalen Krankenhäusern in Sierra Leone zu sehen. Dort würden Verbände an offenen Wunden und ohne Schmerzmittel gewechselt. Auf dem Schiff operiere das Personal aber nicht nur, sondern führe auch Behandlungen fort. Insgesamt tue das Personal viel dafür, dass sich Patienten wohlfühlen. Oft tanzten die Patienten zu Musik: „Dann ist hier richtig Halli-Galli“, sagt Schall.
„Wir beobachten, wie sich die Patienten mit der Zeit öffnen und sich selbstverständlich gegenseitig helfen. Das ist hier ganz normal.“ Das würde sie sich auch für das deutsche Gesundheitswesen wünschen: eine Atmosphäre zum Wohlfühlen und des Miteinanders – und bei Patienten eine dankbarere Grundhaltung.
Nach Dienstschluss auf dem Schiff geht Schall gerne von Bord, um die Kultur des Landes kennenzulernen. Vor zwei Jahren beobachtete sie sogar eine Gruppe junger Menschen beim Frisbeespielen. Sie hielt den Kontakt zu ihnen, um bei ihrem nächsten Aufenthalt dort mit ihnen zu trainieren. Ihrem sportlichen Erfolg stehen die Missionseinsätze nicht im Weg. Generell hat Schall keine Probleme, an Bord fit zu bleiben. Sie macht Krafttraining, um Verletzungen vorzubeugen. Weil sie im Krankenhaus, in dem sie arbeitet, selbst die Dienstpläne schreibt, ist sie sehr flexibel und bekommt alles unter einen Hut: Sport, Einsätze im Ausland sowie ihr aktuelles Online-Studium zur „Physician Assistant“.
Schall liebt die Abwechslung. Wenn sie einmal eine Pause braucht, malt und wandert sie oder macht ausgedehnte Fahrradtouren. Eines ist ihr wichtig: Sie möchte vor allem Freude haben an dem, was sie in ihrem Leben tut: „Aus der afrikanischen Kultur habe ich gelernt, mit Herausforderungen umzugehen und resilient zu sein.“ Dass sie einmal Ultimate-Frisbee-Weltmeisterin werden würde, davon hatte sie vielleicht geträumt: „Wir haben uns den Erfolg als Team hart erarbeitet“, sagt Schall. Vielleicht hat ihr Teamgeist und die Liebe zu ihren Mitmenschen daran einen großen Anteil.
Von: Naemi Frick und Dr. Johannes Blöcher-Weil
Mercy Ships ist eine internationale christliche Hilfsorganisation, die seit über 45 Jahren mit Hospitalschiffen medizinische Versorgung in die ärmsten Regionen Subsahara-Afrikas bringt. An Bord der Hospitalschiffe werden spendenfinanzierte chirurgische Eingriffe durchgeführt sowie Bildungs- und Schulungsprogramme für lokale Fachkräfte angeboten. Über 2.500 ehrenamtliche Mitarbeiter aus rund 60 Ländern sind jährlich im Einsatz. Der Sitz des Deutschlandbüros befindet sich in Landsberg am Lech.