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Ein Visionär für Afrika

Roland Decorvet hat eine Vision: Er möchte zeigen, dass soziale und spirituelle Verantwortung zu gutem wirtschaftlichen Handeln dazugehört. In seinem Unternehmen bringt er zwei sehr unterschiedliche Erfahrungen, die er gemacht hat, zusammen: als Spitzenmanager des größten Nahrungsmittelkonzerns der Welt und als Freiwilliger bei einer christlichen Hilfsorganisation.
Von PRO
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Die Firma Philafrica will afrikanische Lebensmittel verarbeiten und heimische Bauern unterstützen

Foto: Philafrica Foods

Die Firma Philafrica will afrikanische Lebensmittel verarbeiten und heimische Bauern unterstützen

Es sind ungewöhnliche Nachrichten, die vor ziemlich genau fünf Jahren durch die einschlägige Wirtschaftspresse geistern. Die Neue Züricher Zeitung schreibt damals: „Der Nestlé-Spitzenmanager Roland Decorvet wechselt zur Hilfsorganisation Mercy Ships. Decorvet wird ab Anfang Mai als freiwilliger Mitarbeiter die Verantwortung als geschäftsführender Direktor über das größte zivile Spitalschiff übernehmen, die Africa Mercy.“ In der Wirtschaftswelt liegen die Reaktionen irgendwo zwischen Unverständnis und Neid. Wie kann jemand, der sich 23 Jahre lang beim größten Nahrungsmittelkonzern der Welt ganz an die Spitze hochgearbeitet hat, den Traumjob als Manager für den chinesischen Markt hinwerfen – zugunsten einer Freiwilligenarbeit auf einem schwimmenden, christlichen Krankenhaus? Decorvet hat gleich mehrere Gründe, warum er den „besten Job der Welt“, wie er sagt, an den Nagel gehängt hat: Seiner Familie und seiner Ehe habe die Arbeit nicht länger gutgetan. Er habe schon immer ein Faible für Afrika ge­habt und im Übrigen habe er seinem Leben mehr Sinn geben wollen. So einfach klingt das bei dem 54-Jährigen. Mit der Entscheidung, Nestlé zu verlassen, muss er dennoch gerungen haben. „Viele Spitzenleute würden es, glaube ich, gerne so machen wie ich“, sagt er. „Aber das gefühlte Risiko, alle Sicherheiten und sein Standing aufzugeben, ist hoch.“ In schwarzem Anzug, hellgrauem Hemd, mit hohen Wangenknochen und einem modischen Henriquatre-Bart kommt er souverän geschäftsmäßig, aber gleichzeitig sehr nahbar daher.

Im Jahr 2008 war Decorvet dem Stiftungsrat von Mercy Ships Schweiz beigetreten und seit 2011 im internationalen Vorstand der Organisation tätig. Er kennt die christliche Hilfsorganisation also gut, bevor er mit seiner Familie den festen Boden unter den Füßen verlässt und sich auf das einjährige Abenteuer auf See einlässt. Das beste Jahr überhaupt hätten er, seine Frau und die vier Töchter an Bord der Africa Mercy gehabt, sagt er: „Obwohl Sie sich sicherlich vorstellen können, was es für fünf Frauen bedeutete, plötzlich nur noch ein winziges Bad zu haben und maximal zwei Minuten am Tag duschen zu dürfen.“ Es sind gute Erinnerungen, das sieht man dem Schweizer an seinem Lächeln an.

Auch in dieser Zeit interessiert sich die internationale Presse für ihn. In einer großen Reportage in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sagt er über die Operationen, die an Bord des schwimmenden Krankenhauses geschehen: „Wenn Sie das selbst erleben, werden Sie nicht mehr derselbe sein.“ Aus seinem christlichen Glauben macht er kein Geheimnis. Dem Manager Magazin antwortet er: „Ich halte es mit dem englischen Prediger John Wesley: ‚Verdiene so viel, wie du kannst, spare so viel, wie du kannst, und gib so viel, wie du kannst.‘ Niemand sollte sich schämen, wenn er viel Geld verdient, solange sich das Unternehmen gut entwickelt und ethisch handelt.“ Tatsächlich stammt Decorvet aus einer Pastorenfamilie. „Seit sechs Generationen war bei uns jeder Pastor“, sagt er. Er selbst ist im Kongo aufgewachsen, wo seine Eltern den Einwohnern von Jesus Christus erzählten. „Ich bin kein Missionar, sondern ein Mann der Wirtschaft. Doch mich treibt dieselbe Frage um: Wie kann ich das Leben von Menschen positiv verändern?“

Lebenstraum wird wahr

Decorvet hat die Antwort für sich in Südafrika gefunden. Nach seinem Jahr auf der Africa Mercy hat er seinen Traum verwirklicht und mit Philafrica Foods ein Unternehmen gegründet, in dem er die Professionalität von Nestlé mit der Nächstenliebe von Mercy Ships verbinden möchte. Die Vision der Firma lautet: „Millionen von afrikanischen Menschenleben durch die Verarbeitung und Wertvermehrung lokaler Landwirtschafts- erzeugnisse wirtschaftlich, sozial und spirituell zu beeinflussen und damit Afrika zu ernähren und Exporte zu erzielen.“ Decorvet sieht Afrika als riesige Anbaufläche für Nahrungsmittel. „60 Prozent des potenziell für Ackerbau nutzbaren Bodens ist in Afrika“, sagt er. Ein Großteil davon werde nicht oder nicht optimal bewirtschaftet. Das liege nicht an Wassermangel, denn etwa 20 Grad nördlich und südlich des Äquators gebe es genug Wasser. Selbst da, wo die Rohstoffe vorhanden seien, importiere der Kontinent aber massenhaft Lebensmitteln, weil die eigenen Erzeugnisse nicht verarbeitet werden könnten. Die Fabriken dazu fehlten, die Rohstoffe verrotteten. Hier setzt Philafrica an. Die Firma kauft bei möglichst vielen einheimischen Landwirten Rohstoffe wie Nüsse, Mangos oder Maniok und verarbeitet sie weiter, um sie haltbar zu machen. „Einer der größten Unterschiede zu meinem alten Job bei Nestlé: Je weniger Lieferanten es gab, desto besser. Wenn du nur zwei hast, kannst du sie gegeneinander ausspielen und die Preise drücken. Aber wenn wir sozial wirtschaften wollen, müssen wir es genau andersrum machen: Je mehr Lieferanten, des-to besser, weil so Einkommen für viele Kleinbauern geschaffen werden.“ Die Zusammenarbeit mit den Lieferanten sei in Afrika unheimlich mühsam. Zuverlässigkeit und Produktqualität gehörten zu den täglichen Herausforderungen seines Jobs. „Es wäre einfacher, die Produkte aus Europa zu importieren, aber das wäre überhaupt nicht nachhaltig“, sagt Decorvet und fügt hinzu: „Es ist sehr, sehr schwierig – aber ich habe Spaß dabei.“

Roland Decorvet: „Spirituelles Engagement bedeutet für mich, sieben Tage in der Woche ein christuszentriertes Leben zu führen, meinen Nächsten zu lieben und dort zu arbeiten, wo Gott mich haben möchte.“ Foto: Stephan van Wyk from Rokkitboy Creative Labs
Roland Decorvet: „Spirituelles Engagement bedeutet für mich, sieben Tage in der Woche ein christuszentriertes Leben zu führen, meinen Nächsten zu lieben und dort zu arbeiten, wo Gott mich haben möchte.“

Über chinesische Investoren, die sich Rohstoffrechte sicherten, ohne dass dabei etwas Nennenswertes für die Afrikaner herausspringe, ärgert sich Decorvet, der einst in China als „Geschäftsmann des Jahres“ ausgezeichnet wurde: „Die Chinesen schänden Afrika. Immerhin investieren sie in Infrastruktur.“

Mittlerweile ist Philafrica in mehreren afrikanischen Ländern tätig und hat 18 Fabriken zur Lebensmittelverarbeitung gebaut. 3.000 Mitarbeiter hat Decorvet inzwischen eingestellt. Profite kommen langsam, aber stetig. „Wer mit langsamen, aber dafür nachhaltigen Gewinnen zufrieden ist, soll bei uns inves­tieren“, sagt der Unternehmer. „Wer auf schnelle Profite aus ist, der ist bei uns falsch.“ Die verarbeiteten Lebensmittel werden auch exportiert, damit Devisen in die ansonsten armen Länder kommen. „Wir versuchen das umzusetzen, was Jesus uns aufgetragen hat: Liebe deinen Nächsten“, sagt Decorvet. Für ihn bedeutet das: Soziales Engagement sollte das 11. Gebot für einen Unternehmer sein. „Jede Entscheidung, die ich treffe, hat soziale Auswirkungen. Gewinne zu erzielen ist gut. Die Frage ist, was ich damit mache.“

Dieser Text erschien zuerst in der Ausgabe 2/2019 des Christlichen Medienmagazins pro. Bestellen Sie pro hier.

Von: Stefanie Ramsperger

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