PRO: Herr Volkmann, in den vergangenen Monaten haben Sie mehrfach das Thema Christenfeindlichkeit in Deutschland angesprochen. Wie stellt sich die Situation aktuell dar?
Johannes Volkmann: Die polizeiliche Kriminalstatistik zeigt einen massiven Anwuchs christenfeindlicher Delikte. Zudem spüren viele, dass sich das gesellschaftliche Klima gegenüber Glaubensbezeugungen von Christen negativ verändert hat. Eine zunehmende Zahl an Christen hat das Gefühl, dass die Freiräume für Glaubenszeugnisse und das öffentliche Ausleben des christlichen Glaubens kleiner werden.
Was ist die Haupttätergruppe solcher Delikte?
Für Nordrhein-Westfalen wissen wir aus einer Auskunft der Landesregierung, dass ein erheblicher Teil der Täter dem islamistisch-migrantischen Milieu zuzuordnen ist. Allerdings müssen wir auch von einem großen Dunkelfeld ausgehen, denn viele Vorfälle werden nicht erfasst.
Haben Sie Beispiele für solche Vorfälle?
Im Mai schossen Unbekannte auf eine katholische Kirche in Hanau – während eines Gottesdienstes. Die Polizei ermittelt wegen Sachbeschädigung, nicht wegen eines Angriffs mit religiösem Hintergrund. Ein weiteres Beispiel wären die Angriffe auf das christliche Café „Stay“ in Leipzig.
Das Café wird von der Freikirche „Zeal Church“ betrieben. Nach 26 Angriffen hat es nun seinen Betrieb eingestellt.
Dort kommen die Täter aus dem linksextremen Umfeld. Es gibt entsprechende Bekennerschreiben. Aber auch im völkischen Spektrum gibt es Gruppen, die aus einer neuheidnischen Motivation heraus Vandalismus an Kirchen, Jesus-Figuren und anderen christlichen Symbolen in der Öffentlichkeit verüben.
Laut dem Pastor der „Zeal Church“, René Wagner, weigerte sich die Stadt Leipzig, die Attacken als Angriffe auf die Religionsfreiheit zu werten, weil diese sich nur gegen ein Café richteten.
In einem Teil des politischen Spektrums gibt es eine gewisse Blindheit gegenüber Christenfeindlichkeit. Es herrscht die Annahme vor, weil Christen Teil einer Mehrheitsgesellschaft seien, sie nicht Opfer von Diskriminierung in Deutschland werden könnten. Gerade in der politischen Linken führt das dazu, dass Christenfeindlichkeit keine Beachtung findet. Ich halte das für einen Fehler. Auch Christen haben das Recht, ihren Glauben frei und ohne Angst in Deutschland ausüben zu dürfen. Daher kann jeder von politischen Entscheidungsträgern und kommunalen Verantwortlichen erwarten, dass sie sich vor angegriffene Institutionen stellen.
Kennen Sie Christen, die Angst haben, ihren Glauben auszuüben?
Im Kontext der christlichen Flüchtlingsarbeit sind mir Fälle bekannt, in denen es in Asylbewerberheimen die Sorge von christlichen Bewohnern vor Übergriffen gab – insbesondere wenn es sich dabei um Konvertiten handelte. Ich befürchte, dass diese Einschränkungen der Glaubensfreiheit in immer mehr soziale Räume getragen werden – in Schulen, in Sportvereinen oder in die Öffentlichkeit. Deswegen müssen wir eine klare rote Linie formulieren.
Was passiert, wenn diese überschritten wird?
Menschen, die mit einem Gastrecht in Deutschland sind, und dieses nutzen, um juden- oder christenfeindliche Äußerungen zu tätigen oder sich entsprechend zu verhalten, muss dieses Gastrecht bei der ersten Straftat entzogen werden.
Und Menschen, die eine deutsche Staatsbürgerschaft besitzen?
Wir brauchen für jede Tätergruppe eine harte Antwort des Rechtsstaates. Hilfreich ist auch, dass wir europaweit eine Datenlage ermitteln, um eine breitere Kenntnis über das Phänomen zu erlangen. Denn es gibt viele Länder in Europa, die mit einer ähnlichen Entwicklung zu kämpfen haben. Aber neben einem durchgreifenden Rechtsstaat brauchen wir auch eine gesellschaftliche Antwort.
Was meinen Sie damit?
Menschen, die Opfer solcher Straftaten werden, müssen gesellschaftliche Solidarität und Rückhalt empfinden. Der Grundkonsens muss sein, dass Christenfeindlichkeit nicht akzeptabel ist und dieses Phänomen ernst genommen wird.
Wenn Christenfeindlichkeit ein existierendes und wachsendes Phänomen in Deutschland ist, warum schweigen sich katholische und evangelische Kirche darüber aus?
Ich habe bisher die Amtskirchen in diesen Fragen tatsächlich auch eher zurückhaltend erlebt. Ich würde mir wünschen, dass sie das deutlicher thematisieren.
Sie erwähnten vorhin auch das rechtsextreme und völkische Spektrum. Pfarrer Justus Geilhufe aus Sachsen warnte jüngst vor der AfD. Diese werde immer kirchenfeindlicher.
Ich nehme mit Besorgnis zur Kenntnis, dass beispielsweise die AfD in Sachsen-Anhalt debattiert hat, christliche Feiertage abzuschaffen und sie mit neuheidnischen Feiertagen zu ersetzen. Auch wenn dieser Antrag schlussendlich abgelehnt wurde, bekamen diese Vorschläge in den Kommentarspalten der sozialen Netzwerke unter AfD-Unterstützern viel Zustimmung. Mir macht dieses Fremdeln mit dem Christentum und christlichen Werten Sorgen. Aus der Geschichte wissen wir, wie aus völkischem Gedankengut sehr schnell eine offene Feindseligkeit gegenüber Christen entstehen kann. Denn christliche Werte stehen einem völkischen Programm entgegen.
Gilt das für die gesamte AfD? Schließlich gibt es AfD-Politiker, die sich die Bewahrung christlicher Werte auf die Fahne geschrieben haben.
Teile der AfD versuchen bewusst auch bibeltreue oder konservative christliche Gemeinden zu mobilisieren. Und ähnlich wie bei außenpolitischen Themen gibt es auch hier zwei in sich widersprüchliche Strömungen innerhalb der AfD. Ich maße mir nicht an, zu beurteilen, welche dieser Strömungen innerhalb dieser Partei eine Mehrheit hat. Jeder gläubige Christ allerdings, der sich der AfD verschreibt, sollte um dieses völkische Potenzial wissen.
Dennoch wählen Christen scheinbar ohne diese Bedenken die AfD wegen der von ihr beanspruchten Bewahrung christlicher Werte. Was würden Sie diesen Wählern sagen?
Einen Baum erkennt man an seinen Früchten. Im Ukraine-Krieg auf der Seite des Aggressors zu stehen, systemische Gegner des abendländischen Westens zu hofieren – das alles passt nicht zum Anspruch, eine Partei zu sein, die christliche Werte vertritt. Ich möchte niemandem auf persönlicher Ebene absprechen, Christ zu sein. Das steht mir nicht zu. Aber ich würde mir wünschen, dass diejenigen innerhalb der AfD, die das für sich in Anspruch nehmen, ihre Stimme gegen diese gefährlichen Entwicklungen in ihrer Partei erheben.
Vor wenigen Wochen machten bei der WM Fußballer von sich reden, die offen ihren christlichen Glauben bezeugten – etwa der deutsche Nationalspieler Felix Nmecha. Viele Medien bewerteten das negativ. Welche Rolle spielen Medien bei der Verbreitung negativer Bilder des Christentums?
Es ist offenkundig, dass Dinge über das Christentum oder gläubige Christen sagbar sind, die über andere Religionen so nicht gesagt werden. Das halte ich für nicht hinnehmbar, wenn etwa Zerrbilder gezeichnet werden, die dazu geeignet sind, Hass, Vorurteile und Diskriminierung gegen Christen zu schüren. Die Art und Weise etwa, wie Felix Nmecha diffamiert und mit Vorurteilen überschüttet wurde, finde ich befremdlich.
Ist das schon christenfeindlich?
Christenfeindlichkeit ist ein Spektrum, ich persönlich nutze den Begriff vor allem mit Blick auf strafrechtlich relevantes Verhalten. Jeder, der Kampagnen wie gegen Felix Nmecha befeuert, muss wissen, auf welche gesellschaftliche Stimmung man damit einzahlt. Christen halten es aus, kritisiert und auch angefeindet zu werden – gewissermaßen gehört das ja aus neutestamentarischer Perspektive zum Erwartungshorizont eines Gläubigen. Eine Grenze aus politischer Sicht ist dort überschritten, wo die Religionsfreiheit nicht mehr gewährleistet ist. Beispielsweise wenn Glaubensbezeugungen nicht mehr angstfrei möglich sind oder wenn es zu Übergriffen auf Christen oder Kirchen kommt. Das nimmt in besorgniserregendem Maß zu.
Herr Volkmann, vielen Dank für das Gespräch.