Kommentar

Warum können wir nicht einfach trauern?

Ein Mensch wird getötet, viele werden verletzt. Doch kaum sind die ersten Meldungen da, beginnt schon der nächste Kampf: nicht um die Opfer – sondern um die Deutungshoheit. Warum fällt uns Trauer so schwer?
Von Martin Schlorke
CSD Berlin Anschlag

Am Samstagabend erschütterte erneut ein islamistischer Anschlag Berlin. Ziel war der Christopher Street Day (CSD). Eine Person kam ums Leben, mindestens 29 wurden teils lebensbedrohlich verletzt. Der mutmaßliche Täter, der nach bisherigen Erkenntnissen einen islamistischen Hintergrund haben soll, wurde bei einem Zugriffsversuch von Spezialkräften der Polizei am Sonntag erschossen. Zuvor versuchte er, die Beamten mit einer Stichwaffe anzugreifen.

Kaum waren die ersten Meldungen veröffentlicht und die ersten Informationen zum mutmaßlichen Attentäter bekannt, verlagerte sich die Aufmerksamkeit.  Weg von den Opfern, Verletzten und Hinterbliebenen, hin zum erbitterten Kampf um die Deutungshoheit.

Die einen stören sich bereits am Wort „mutmaßlich“, andere weigern sich, das Wort „islamistisch“ in den Mund zu nehmen – die wiederum werden gerade dafür kritisiert. Eine Rednerin bei der Gedenkveranstaltung äußert ihr Bedauern darüber, dass der mutmaßliche Täter kein Christ war, sondern einen migrantischen Hintergrund hatte.

Auf Social Media wird Evangelikalen und den Kirchen vorgeworfen, mit queerfeindlichen Positionen den gesellschaftlichen Nährboden für diesen Anschlag bereitet zu haben. Andere geben gar der CDU, Bundeskanzler Friedrich Merz und Bundestagspräsidentin Julia Klöckner persönlich die Schuld. Auf der anderen Seite werden der Islam als Ganzes verteufelt und Massenabschiebungen gefordert.

Aufarbeitung und Trauer

Einige werfen der LGBTQ-Bewegung hämisch vor, nun selbst zu erleben, was es heißt, Islamismus zu verharmlosen – etwa mit Verweis auf „Queers for Palestine“. Zudem kursieren Vorwürfe, die AfD habe gute Kontakte zu Islamisten und kooperiere mit ihnen, um die Stimmung von den Landtagswahlen im Herbst zu beeinflussen – glaubt man den sozialen Medien, könnte es sich aber auch um eine verdeckte Geheimdienstoperation der Russen handeln.

Aufarbeitung muss stattfinden. Fehler und Fehleinschätzungen, die zum Anschlag geführt haben, müssen benannt werden. Es muss eine politische Diskussion darüber geben, wie der Staat mit bekannten islamistischen Gefährdern umgeht und ob der bestehende Rechtsrahmen ausreicht. So zu tun, als hätte das alles nichts mit Islamismus zu tun, hilft niemandem. Genauso wenig hilft es, die Anfeindungen und Diskriminierung zu ignorieren, denen queere Menschen auch aus anderen gesellschaftlichen Ecken tagtäglich ausgesetzt sind.

Aber muss das wirklich mit solcher Vehemenz beginnen? Es wirkt, als hätten wir verlernt, nach einem Anschlag zuerst das Naheliegendste zu tun: innezuhalten und zu trauern. Wenigstens so lange, bis die letzten Verletzten das Krankenhaus verlassen haben und das Todesopfer beerdigt worden ist.

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