Rezension

Millionen Dollar für Bibel-Fälschungen

Nicht alles, was als antike Bibel-Schriftrollen gehandelt wird, ist echt. Eine Arte-Dokumentation behandelt diese Problematik und dabei auch die Verstrickungen evangelikaler Christen in ein Millionengeschäft um gefälschte Bibel-Schriften.
Von Jörn Schumacher
Auch Teile der Psalmen wurden in den Höhlen von Qumran am Toten Meer entdeckt

Nachdem um 1947 in der judäischen Wüste am nördlichen Ufer des Toten Meeres in Israel die Qumran-Bibeltexte gefunden wurden, war das Interesse an möglichen weiteren Schriftrollen aus jener Zeit fortan groß. Weltweit waren und sind Experten, aber auch private Sammler auf der Suche nach Fragmenten von Schriftrollen aus Qumran oder ähnlichen Artefakten. Hohe Summen werden dafür gezahlt, die Folge: Fälscher versuchen, Geld zu verdienen, indem sie Käufer hinters Licht führen.

Von diesen Sammlern – darunter sind christliche Milliardäre, Geistliche, Politiker und führende Wissenschaftler – handelt die zweiteilige Dokumentation „Die Bibelfälscher“, die der Sender „Arte“ am 11. August ausstrahlt. Anschließend ist dort um 21:45 Uhr der Dokumentarfilm „Biblische Detektivgeschichten“ von Gary Glassman aus dem Jahr 2008 zu sehen.

Jean-Michel de Tarragon von der französischen Schule für Bibelforschung und Archäologie in Jerusalem stellt die Bedeutung der Qumran-Rollen vor allem für Christen heraus: „Für die Evangelikalen, Protestanten, Katholiken, für die gesamte christliche Welt ist dies die Bibel Jesu, seiner Jünger und Apostel. Die Bibel, die er selbst las. Durch diese Rollen besitzen wir die Thora, wie Jesus sie kannte.“ Einige Fragmente seien für viele Millionen Dollar verkauft worden, stellten sich jedoch später als Fälschungen heraus, sagt der Antiquar Khader Baidun. Schon früh stand der palästinensische Antiquitätenhändler Iskander Kando im Zentrum des Handels, erklärt der Film. Er vermittelte zwischen den Beduinen, die Fragmente in der Wüste gefunden hatten, und den Interessenten, vor allem in den USA. Später führte sein Sohn die Geschäfte fort.

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Zunächst geht der Film auf den historischen Kontext ein, unter dem die Qumran-Rollen gefunden wurden. In der Zeit zwischen 1947 und 1949 wurde Israel geteilt, das Westjordanland stand unter jordanischer Kontrolle. Demnach gehörten auch alle Fragmente, die nach 1947 entdeckt worden sind, streng genommen Jordanien, sagen die Filmemacher. Jean-Baptiste Humbert (französische biblische und archäologische Schule Jerusalem) sagt: „Die Gründung des Staates Israel hat sie die Manuskripte gekostet. Das große Geschenk des Schicksals an die jüdische Welt war damit verloren.“ Doch als Israel den Sechstagekrieg 1967 gewann, wurde auch Ost-Jerusalem erobert, und Israel „nahm die von den jordanischen Behörden verwahrten Fragmente in Besitz“, heißt es im Bericht. Das klingt ein wenig so, als habe Israel die Fragmente geraubt. Dass dieser Krieg ein Angriffskrieg vonseiten der arabischen Staaten Ägypten, Jordanien und Syrien war, erwähnt der Film nicht. Stattdessen heißt es: „Israel führte Krieg mit seinen Nachbarstaaten.“ Humbert fügt an: „Der Sechstagekrieg lieferte (den Israelis) den Schlüssel zum Tresor.“

Norwegischer Sammler um Millionen betrogen

Ira Rabin von der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung in Berlin betont die wichtige Bedeutung der Qumran-Rollen auch für das Judentum: „Die Schriftrollen sind Teil unserer Geschichte. Für die Juden sind sie ein Symbol ihrer lebendigen Verbindung zur Vergangenheit. Sie beweisen, dass wir in Israel zu Hause sind und dieses karge Stück Land nicht zufällig gewählt haben. Die symbolische Botschaft ist: Dieses Land war und ist unser Zuhause.“ Ein achtjähriger Junge habe die Schrift auf den Rollen sofort ohne Probleme lesen können; die Schrift hatte sich nicht verändert.

Dann erzählt der erste Teil der Dokumentation die Geschichte um Martin Schøyen nach, einem wohlhabenden Geschäftsmann aus Norwegen, der die größte private Handschriftensammlung der Gegenwart besitzt, darunter viele originale biblische Schriften. Für eine Publikation wollte er Experten die Echtheit der von ihm erworbenen Qumran-Fragmente überprüfen lassen. Unter den Experten, die im Film ausführlich zu Wort kommen, sind Michael Langlois, Fachmann für altertümliche biblische Schriften, die Chemikerin Ira Rabin sowie Kipp Davis von der Universität Agder in Norwegen. Alle drei stellten nach Untersuchung fest, dass es sich bei den Fragmenten offenbar um Fälschungen handelt. Man weiß nicht, wie viel Geld Schøyen für die Fälschungen an William Kando bezahlt hat, den Sohn von Iskander Kando; man schätzt jedoch, dass es über eine Million Dollar gewesen sein können.

Christlicher Unternehmer aus den USA gibt Irrtum zu


Der zweite Teil geht näher auf die Verstrickungen des Bibel-Museums in Washington D.C. ein, in dessen Bau 700 Millionen Dollar geflossen sind. Initiiert hat das Museum der gläubige amerikanische Unternehmer Steve Green, dessen Familie durch die Einzelhandelskette „Hobby Lobby“ wohlhabend wurde. Der Milliardär und gläubige Christ ließ in Israel antike biblische Texte kaufen, angeblich zahlte er dafür bis zu 10 Millionen Dollar.

Wieder waren sich die angefragten unabhängigen Experten recht schnell darin einig, dass es sich um Fälschungen handelte. Das Bibel-Museum gestand den Fehler ein. Die Besucher wurden über die Zweifel an der Echtheit der Fragmente mittels einer Tafel informiert. „Transparenz ist ein biblischer Wert“, hieß es in der Erklärung der Museumsleitung. „Das Bibel-Museum hat Fehler gemacht.“

Der Film macht auf die Verbindungen zwischen evangelikalen Christen in den USA, die zu den „bedingungslosen Unterstützern der israelischen Regierung“ gehören, und dem Handel von gefälschten Bibel-Schriftrollen aufmerksam. Dabei gehen die Filmemacher allerdings etwas umständlich vor, der Zuschauer vermisst häufig einen roten Faden.

Der Bibelforscher und Archäologe Jean-Baptiste Humbert konstatiert: „Die biblische Archäologie ist zu einer riesigen Maschine geworden. Die Finanzkraft der Amerikaner ist so groß, dass alles Übrige verblasst.“ Er bezeichnet dies als eine „Form von Kolonialismus“: „Amerika kolonisiert die Archäologie.“

„Die Bibelfälscher“, 11. August 2026, 20:15 Uhr auf ARTE, ab 4. August auf arte.tv, je 45 Minuten

Anschließend: „Biblische Detektivgeschichten“, 11. August 2026, 21:45 Uhr, ab 4. August auf arte.tv

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