Acht Jahre war Felix Klein der Beauftragte der Bundesregierung für jüdisches Leben und den Kampf gegen Antisemitismus. Im Sommer verlässt er seinen Posten in Berlin und wechselt als deutscher OECD-Botschafter nach Paris. PRO traf den 58-jährigen Diplomaten wenige Wochen vor seinem Wechsel nach Paris in seinem Büro im Innenministerium. Ein Gespräch über ungute Entwicklungen, Erfolge und gute Verbündete.
PRO: Herr Klein, in den vergangenen acht Jahren haben Sie der deutschen Gesellschaft in Sachen Antisemitismus den Spiegel vorgehalten. Was sehen Sie in diesem Spiegel?
Felix Klein: Der gesellschaftliche und insbesondere der politische Diskurs haben sich in eine ungute Richtung entwickelt. Die Auseinandersetzungen im politischen Leben sind roher und undifferenzierter geworden. Uns geht immer mehr die Fähigkeit der Ambiguitätstoleranz verloren.
Die Fähigkeit, mit Unsicherheiten und Widersprüchen umzugehen, hat Auswirkungen auf Juden?
Immer, wenn sich der gesellschaftliche Diskurs verhärtet, das zeigt unsere Geschichte, nimmt Antisemitismus zu. Die aktuell steigenden Zahlen gemeldeter antisemitischer Vorfälle – ober- und unterhalb der Strafbarkeitsgrenze – belegen dieses Phänomen. Der Kampf gegen Antisemitismus ist ein Lackmustest für unsere Gesellschaft. Und den besteht Deutschland aktuell nicht.
Was sind die Ursachen für die gesellschaftliche Verhärtung?
Leider können wir einige dieser Ursachen als Gesellschaft nur schwerlich steuern. Da sind die sozialen Medien, die wie ein Brandbeschleuniger wirken und in denen massiv antisemitische Narrative verbreitet werden. Natürlich können demokratische Staaten regulieren und entsprechende Strukturen schaffen, aber absolut verhindern lässt sich das nicht.
Auch kann die Bundesregierung die Entwicklungen im Nahen Osten, die massiven Einfluss auf Antisemitismus in Deutschland haben, nicht wirklich beeinflussen. Die wirtschaftliche Krise wirkt sich auf den Ton in unserer Gesellschaft ebenfalls negativ aus.
Das klingt ernüchternd.
Die große Weltlage zu ändern ist schwierig. Aber wir können den Umgang damit steuern. Während der Corona-Pandemie haben sich Ungeimpfte mit den Juden im Dritten Reich verglichen. Das ist eine Verharmlosung der nationalsozialistischen Verbrechen an Juden und ein Ausdruck davon, wie unsere Gesellschaft verroht. Vor einigen Jahren wäre so ein Vergleich nicht denkbar gewesen. Aber wie Polizei und Justiz im Umgang mit solchen Vergleichen inzwischen aufgestellt sind, stimmt mich positiv. Hier wurde viel Sensibilisierungsarbeit geleistet und das zahlt sich auch aus.
Nach dem Angriff der Hamas auf Israel hat sich Antisemitismus in Deutschland Bahn gebrochen. War der Hass schon immer da und gärte nur unter der Oberfläche?
Der terroristische Anschlag der Hamas auf Israel vom 7. Oktober 2023 war das einschneidendste Ereignis meiner Amtszeit. Ich glaube, dass der Hass auf Israel bei vielen schon da war. Die Bilder aus Gaza dienten dann als eine Art Rechtfertigung, dem freien Lauf zu lassen. Der Hass auf Israel verbindet ganz unterschiedliche Milieus, die bislang eigentlich wenig oder nichts miteinander zu tun hatten. Etwa islamistische mit linken Gruppen, queere Aktivisten und Rechtsextremisten mit Allianzen bis hin ins Kulturmilieu. Das verstärkt die Dynamik zusätzlich. Für die jüdische Community hat sich die Lebensqualität seitdem drastisch verschlechtert. Viele tragen keine jüdischen Symbole mehr offen, Eltern haben Angst, dass ihre Kinder nicht sicher in die Schule oder wieder zurückkommen. Juden werden beleidigt und angegriffen.
Hat Sie diese Entwicklung überrascht?
Mich betrübt, dass die große Mehrheit der Deutschen diese Einschränkung der Lebensqualität von Juden und Jüdinnen einfach so hinnimmt. Ich würde erwarten, dass Juden Empathie entgegengebracht wird, aber das Gegenteil ist der Fall.
Wie erklären Sie sich diese Empathielosigkeit?
Rational ist das schwer zu erklären. Ich glaube, viele Deutsche sind der Meinung, dass Antisemitismus sie nicht betrifft. Sie bedauern vielleicht, dass Juden Hass erfahren, aber sehen – wenn überhaupt – den Staat in der Pflicht. Das ist falsch. Es ist im Interesse eines jeden, für Minderheiten einzustehen – denn auch Nichtjuden können Opfer antisemitischer Aggression werden.
Das müssen Sie erklären.
Auch ein christlicher Junge kann auf dem Schulhof als „Drecksjude“ beschimpft werden. Oder wenn sie eine Davidsternkette als Schmuck oder eine Kippa auf dem Kopf tragen, können sie jüdisch gelesen und deswegen angegriffen werden. Wohin dieser blinde Hass führen kann, hat das Attentat auf die Synagoge in Halle 2019 gezeigt. Weil der Täter nicht in die Synagoge eindringen konnte, hat er wahllos zwei Menschen außerhalb getötet. Beide waren keine Juden.
Haben Sie selbst in den vergangenen acht Jahren Anfeindungen erlebt?
Ja, ich habe beleidigende Briefe bekommen oder wurde im öffentlichen Raum angebrüllt. Aber meine persönliche Sicherheit war nie gefährdet.
Sind Sie in Ihrem Amt Einzelkämpfer oder haben Sie Verbündete?
In den Kirchen habe ich einen wichtigen Partner im Kampf gegen Antisemitismus gefunden. Damit meine ich die beiden großen Kirchen, aber auch die Freikirchen. Die Kirchen spielen bei der moralischen Verortung unserer Gesellschaft eine entscheidende Rolle. Und sie haben eine Vorbildfunktion im Kampf gegen Antisemitismus.
Gerade der Judenhass zieht sich doch wie ein roter Faden durch die Kirchengeschichte.
Die Kirchen haben es geschafft, aus sich heraus ihre Geschichte in Bezug auf Antisemitismus und Antijudaismus aufzuarbeiten, und stehen nun an der Seite von Juden in Deutschland. Das ist leider die Ausnahme. Andere, zum Beispiel die Linkspartei, verharmlosen ihren Antisemitismus oder den Judenhass aus dem migrantischen Milieu und zeigen stattdessen auf die Rechtspopulisten. Und auch die Islamverbände sprechen lieber über Muslimfeindlichkeit, anstatt über Antisemitismus in der muslimischen Community.
Anstatt mit den Fingern auf andere zu zeigen, haben sich die Kirchen und Freikirchen ihrer problematischen Geschichte gestellt und diese aufgearbeitet. Deswegen können sie jetzt auch eine konstruktive Rolle spielen.
Gibt es weitere Organisationen, mit denen Sie erfolgreich zusammengearbeitet haben?
Sehr stolz bin ich auf ein Projekt mit dem Deutschen Feuerwehrverband. Darin geht es um die Aufarbeitung der Rolle der Feuerwehr während des Nationalsozialismus. Als zur Reichspogromnacht die Synagogen brannten, haben die Feuerwehren die Brände nicht gelöscht. Die Ideologie der Nazis war damals stärker als das intrinsische Bedürfnis, Menschen in Not zu helfen. Wenn sich junge Feuerwehrleute heute mit diesem Thema auseinandersetzen, dann schärfen sie ihr Bewusstsein für Antisemitismus und das wiederum hat positive Auswirkungen auf das eigene moralische Empfinden.
2024 wurde der BVB-Boss Hans-Joachim Watzke vom Zentralrat der Juden für sein Engagement gegen Antisemitismus ausgezeichnet.
Ja, auch Fußballvereine sind unsere Verbündeten. Borussia Dortmund hat beispielsweise ebenfalls Antisemitismus in den eigenen Reihen intensiv thematisiert. Haben früher Fans auf den Rängen den Hitlergruß gezeigt, wurde das natürlich strafrechtlich verfolgt. Die Vereine haben traditionell aber das Problem dann für erledigt erklärt. Das ist heute nicht mehr so. Vereine erkennen ein solches Verhalten als Problem an, thematisieren das mit der Fangemeinde und organisieren beispielsweise regelmäßig Fahrten zu Gedenkstätten.
Felix Klein
Felix Klein, geboren 1968 in Darmstadt, ist seit Mai 2018 Beauftragter der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus. Ende August wird der
58-Jährige der Leiter der deutschen Vertretung bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Paris. Klein gehört der evangelischen Kirche an, ist verheiratet und Vater von drei Töchtern.
Welche Rolle spielen aus Ihrer Sicht die Medien? Im Interview mit PRO sprach die Politikerin Karoline Preisler in Einzelfällen von antisemitischer Berichterstattung.
Soweit würde ich nicht gehen. Es gab aber natürlich Berichterstattung, die mit doppelten Standards gearbeitet hat.
Das ist ein Merkmal von Antisemitismus.
Es gab Berichterstattung, in der die Leiden der Palästinenser thematisiert wurden, ohne den 7. Oktober zu erwähnen, oder in der eine Gleichheit zwischen Israel und der Hamas hergestellt wurde. Das entspricht nicht der Professionalität, die ich von Qualitätsmedien erwarte. Aber grundsätzlich halte ich mich als Regierungsbeauftragter mit Medienkritik zurück. Das ist nicht Aufgabe von Regierungen oder deren Beauftragten. Um Kritik zu üben, gibt es andere Möglichkeiten, beispielsweise Programmbeschwerden.
Auch nicht die Aufgabe des Antisemitismusbeauftragten?
Mir begegnet häufiger die Frage, ob Berichterstattung antisemitisch ist. Wenn ich das qua Amt mit Brief und Siegel beantworten würde, würde ich zurecht mit Zensurvorwürfen konfrontiert werden. Ich sehe meine Aufgabe eher darin, das Bewusstsein in der Bevölkerung für Antisemitismus zu stärken – mit Erfolg.
Ist dieser Erfolg messbar?
Als ich mein Amt vor acht Jahren antrat, waren Erhebungen zufolge 20 Prozent der Deutschen der Auffassung, Antisemitismus sei ein gravierendes Problem für die Gesellschaft. Mittlerweile sagen das zwei Drittel der Deutschen.
Wären ohne Sie und Ihre Arbeit die Zahlen antisemitischer Vorfälle noch höher?
Natürlich hoffe ich, dass ich hier zu einer Verminderung beitragen konnte. Klar ist aber, dass Antisemitismus durch das Amt sichtbarer gemacht wurde. Und das ist die Grundvoraussetzung dafür, dass wir das Problem besser in den Griff bekommen. Auf dieser Grundlage können Politik, Polizei, Justiz und Mitarbeiter im Präventionsbereich besser arbeiten.
Antisemitismus in Zahlen
Die Meldestelle „Rias“ hat 2025 insgesamt 8.725 antisemitische Vorfälle verzeichnet – rund 24 pro Tag. „Rias“ dokumentiert auch Fälle, die unterhalb der Strafbarkeitsgrenze liegen. Im Vergleich zu 2023 haben sich die antisemitischen Vorfälle nahezu verdoppelt.
Antisemitismus kommt aus Teilen der muslimischen Community, von links, von rechts und aus der Mitte der Gesellschaft. In welchen Milieus hat Antisemitismus in den vergangenen acht Jahren besonders zugenommen?
Das größte Wachstum ist der israelbezogene Antisemitismus aus dem migrantisch-arabischsprachigen und dem türkischen Milieu. Diesen nehmen Juden als die größte Bedrohung wahr. Am meisten polizeilich erfasst werden antisemitische Vorfälle von rechts. Wir müssen aber jede Form von Antisemitismus zurückdrängen, unabhängig davon, aus welchem politischen Spektrum er stammt oder welchen intellektuellen Anstrich er sich gibt. Denn es gibt keinen guten oder harmlosen Judenhass.
Sie sind der Beauftragte der Bundesregierung für jüdisches Leben und den Kampf gegen Antisemitismus. In der Öffentlichkeit spielt der erste Teil Ihres Jobs meist keine Rolle. Ärgert Sie das?
Nein, ich weiß ja, wie Medien, aber auch der politische Betrieb funktionieren. Den Blick auf gesellschaftliche Fehlentwicklungen zu richten, ist auch richtig. Deswegen bin ich umso dankbarer, dass vor acht Jahren die damalige Kanzlerin Angela Merkel (CDU) darauf gedrungen hat, die Stärkung des jüdischen Lebens zuerst in der Amtsbezeichnung zu nennen.
Wäre es dennoch sinnvoll, das Amt zweizuteilen?
Beide Aspekte sind zwei Seiten derselben Medaille, die man nicht trennen sollte. Die Sicherheit von Juden ist Voraussetzung dafür, dass jüdisches Leben sichtbarer wird. Wer sich für jüdisches Leben einsetzt, muss Antisemitismus bekämpfen. Und wer Antisemitismus bekämpft, setzt sich automatisch für jüdisches Leben ein.
Was waren für Sie positive Momente als Beauftragter?
Mich haben vor allem zwei Dinge bewegt: Die Initiative „1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“, die gezeigt hat, wie groß das Interesse an jüdischer Kultur und Geschichte in Deutschland ist. Und wie wunderbar jüdisches Leben Deutschland über die Jahrhunderte geprägt und bereichert hat.
Besonders berührt hat mich außerdem eine Einbürgerungsfeier im deutschen Generalkonsulat in New York. Zu erleben, wie Nachkommen von Menschen, die von Deutschland vertrieben oder ermordet wurden, voller Freude die deutsche Staatsangehörigkeit annahmen, hat mir Tränen in die Augen getrieben. Dieser Moment ist für mich zum Sinnbild geworden, dass trotz allem Vertrauen in Deutschland bestehen kann.
Vielen Dank für das Gespräch!