Als am 14. Juli 2021 gegen 22.40 Uhr das Telefon klingelt, ist Martin Falkenberg daheim mit seiner Frau Susanne in Bad Godesberg, 20 Kilometer von seinem Arbeitsplatz entfernt. Eine Mitarbeiterin meldet, dass in der Fliedner-Residenz, einem Pflegeheim der Diakonie in Bad Neuenahr, eine Evakuierung bevorstehen könnte. Es ist der Beginn einer Nacht, die 135 Menschen im Ahrtal das Leben kosten wird – und die Falkenberg, Leiter der Einrichtung, bis heute nicht vergessen hat.
Anfahrt durch überflutete Straßen
In der Region hatte es seit Tagen unaufhörlich geregnet. Falkenberg und seine Frau fahren los. Weil das Radio bereits von gesperrten und überfluteten Hauptstraßen berichtet, weicht Falkenberg auf Nebenstrecken aus. Am Zielort, Bad Neuenahr, stellt er vorsichtshalber sein Auto am Bahnhof ab. Die letzten 400 Meter geht er mit seiner Frau zu Fuß. Je näher sie der Ahr kommen, desto höher steigt das Wasser. Kurz vor 23 Uhr erreichen sie die Residenz – mit nassen Füßen. „Zu dem Zeitpunkt hat noch nichts auf die bevorstehende Katastrophe hingedeutet“, erinnert sich Falkenberg rückblickend im Gespräch mit PRO.
Die Fliedner-Residenz, eine Jugendstil-Villa aus dem Jahr 1900, liegt im Ort Bad Neuenahr nur 40 Meter von der Ahr entfernt und beherbergt zu dem Zeitpunkt 51 Senioren. Der Hausmeister führt Falkenberg direkt in den Keller. Dort steht bereits das Wasser – gefährlich nah am Serverschrank.
Rückzug in die erste Etage
Dann geht alles schnell. Um Mitternacht steht das Wasser bereits auf Höhe der gegenüberliegenden Garagen, der Keller läuft voll. Falkenberg erkennt die drohende Gefahr und ordnet an: Alle Bewohner in die oberen Etagen verlegen. Mit seinem Team, insgesamt sechs Mitarbeiter sind zu dem Zeitpunkt in der Residenz, werden die alten Menschen über das Treppenhaus in die oberen Stockwerke geschafft. Der Aufzug funktioniert da schon nicht mehr. Der Strom ist weg. Zwei Bewohner, die fast im Erdgeschoss vergessen worden waren, werden im letzten Moment nach oben geholt. Im Foyer der Seniorenresidenz steht das Wasser brusthoch.
Licht gibt es nur noch vom Akku eines E-Bikes. Was folgt, sind Stunden des bangen Wartens. Und Hörens: Draußen wird der Regen lauter, die Ahr tönt zunehmend bedrohlich. Öltanks treiben schemenhaft vorbei und schlagen an Bauwerke an, auch Autos. Draußen Stimmen, vereinzelt Schreie. Von der Dachterrasse aus fotografiert Falkenberg gegen vier Uhr morgens die Autobahnbrücke der A61. Die leuchtet und blinkt von den Blaulichtern der Einsatzfahrzeuge von Feuerwehr, Technischem Hilfswerk (THW) und Polizei.
Verbindung zur Außenwelt haben sie keine. Das Telefon ist tot, das Mobilnetz überlastet. Irgendwann erreicht Falkenberg mit seinem Smartphone eine Feuerwehrwache. Die Antwort ist ernüchternd: Sie müssen weiter auf Hilfe warten. Die gesamte verfügbare Feuerwehr ist weiter oben im Ahrtal im Einsatz. Dass dort bereits jetzt Menschen in den Fluten sterben, ahnt in der Fliedner-Residenz noch niemand.
Unter den 51 Bewohnern ist ein Hochbetagter. Er hat als Jugendlicher im Krieg Schreckliches erlebt. „In der Flutnacht war er erstaunlich ruhig“, erinnert sich Falkenberg. An den Heimleiter gewandt meinte der Senior in ruhigem Ernst: „Ich habe die Bombardierung Dresdens überlebt. Das hier überstehen wir auch noch.“
Der Morgen danach
Am Morgen des 15. Juli organisiert das Team ein improvisiertes Frühstück aus den Küchenvorräten, die man rechtzeitig nach oben gebracht hatte. Kaffee gibt es ohne Strom nicht – eine Enttäuschung, die Falkenberg mit einer Bewohnerin ausdiskutieren muss. Am Vormittag des 15. Juli gelingt es Falkenberg, über eine erreichbare Handyverbindung den Träger, die Theodor-Fliedner-Stiftung, zu informieren.
Feuerwehr und THW schaffen es erst in der folgenden Nacht, die Heimbewohner zu evakuieren: Zunächst werden die alten Menschen auf Lastwagen in Schulen und Notunterkünfte gebracht. Von dort lässt sie der Träger mit gecharterten Bussen abholen und verteilt sie auf andere Einrichtungen der Diakonie. Falkenberg und seine Frau verlassen die Residenz erst am späten Nachmittag des 15. Juli. Müde und schmutzig, aber erleichtert waten sie durch hüfthohes Wasser. Keiner der Bewohner ist zu Schaden gekommen. Die Pflegedienstleitung übernimmt vor Ort.
Die Wochen danach
Was Falkenberg im Rückblick als noch prägender bezeichnet als die Nacht selbst, sind die zwei Wochen danach: im Haus Aufräumarbeiten. Mitarbeiter, von denen einige privat alles verloren hatten, schaufeln gemeinsam mit Ehrenamtlichen aus dem ganzen Bundesgebiet den Schlamm aus der Seniorenresidenz. Draußen bergen THW und Bundeswehr Autos und Trümmer mit schwerem Gerät. Überall hört man Bohrhämmer, die feuchten Putz und Estrich von Wänden und Böden stemmen.
Dass das Gebäude selbst die Flut vergleichsweise glimpflich übersteht, führt das THW auch auf umgestürzte Bäume oberhalb der Residenz zurück, die einen Teil des Treibgutes, das die Ahr mitgerissen hat, abgeleitet hätten. Das solide Fundament der alten Jugendstil-Villa tut ein Übriges.
Kirche und Träger vor Ort
Auf die Frage, wie sich Kirche und Träger in dieser Zeit verhalten hätten, zieht Falkenberg eine differenzierte Bilanz. Seelsorger seien in Bad Neuenahr präsent gewesen, Gespräche seien geführt worden. Der Träger habe in den Tagen nach der Flut selbst schnell und richtig reagiert – die rasch organisierten Busse hätten die Bewohner in Sicherheit gebracht. Die im Sommer 2021 ausgesprochene Zusage, die Residenz wieder aufzubauen, sei dagegen eine Entscheidung gewesen, die man zu diesem Zeitpunkt vermutlich „nicht besser wusste“. Die Fliedner-Residenz für Senioren existiert nicht mehr; die Jugendstil-Villa ist heute ein Hotel.
Was bleibt
Fünf Jahre nach der Flutnacht fällt es Falkenberg sichtlich nicht leicht, alles in Worte zu fassen. Zwei Dinge haben sich besonders in sein Gedächtnis eingebrannt: der Geruch von Heizöl, der über dem Wasser lag, und die Schreie aus treibenden Autos. Beides ist bei ihm geblieben. Seine Frau, erzählt er, reagiert bis heute empfindlich, wenn es stark regnet. Er selbst sagt, so dramatisch sei das bei ihm nicht – professionelle Hilfe habe er nie gesucht. Dass Menschen nach einer solchen Nacht traumatisiert bleiben, könne er sich aber gut vorstellen.
Besonders hängengeblieben ist ihm eine kleine Szene aus den Tagen nach der Flut: An einer Straße türmten sich rechts und links Müll- und Schuttberge. Dahinter saß ein kleiner Junge auf einem schmutzigen Gartenstuhl, während die Eltern den Unrat beseitigten. Susanne Falkenberg brachte dem Kind ein Comic-Heftchen mit Spielzeug mit, das sie ihm über den Müllberg hinweg schenkte. Der Vater ermahnte den Jungen, sich zu bedanken. „Das musste er natürlich nicht“, sinniert Falkenberg rückblickend.
Auch die eigene Erfahrung von Kontrasten beschäftigt ihn im Rückblick. Wenige Stunden nachdem er damals das Katastrophengebiet verlassen hatte, war er wieder daheim in Bad Godesberg. Da saßen die Menschen draußen und freuten sich an Eisbechern mit Sahne – „ganz normal, als ob nichts war“. Diese Gleichzeitigkeit von Leid und Alltag, nur 20 Kilometer voneinander getrennt, ist ihm bis heute unheimlich.
Wenn das Datum im Kalender wiederkehrt, denkt Falkenberg jedes Jahr an jene Nacht zurück – auch weil ihm Erinnerungsbeiträge im Fernsehen und in Sozialen Netzwerken das Ereignis regelmäßig wieder vor Augen führen. Dabei bleibt bei ihm auch etwas Ärger: Er verweist auf öffentliche Kritik, dass sich der damals verantwortliche Landrat bis heute nicht entschuldigt habe, obwohl ein Katastrophenalarm vorlag – eine Kritik, die er offenkundig teilt, ohne selbst nachtragend zu wirken.
Insgesamt beschreibt Falkenberg eine Verschiebung in der eigenen Haltung: „Ich nehme mich selbst nicht mehr so wichtig wie früher.“ Geblieben sei vor allem Dankbarkeit – für ein Team, das in der Nacht und danach zusammenhielt, ohne zu zögern. Und er zieht, so vorsichtig er das formuliert, sogar eine positive Bilanz aus der Katastrophe: Ohne die Flut hätte er vermutlich nie seine heutige Stelle in Weilburg angetreten. Diesen Gedanken spricht er als nüchterne Feststellung aus – froh darüber, dass es so gekommen ist, wie es gekommen ist. „Und die Dankbarkeit ist geblieben, dass Bewohner und Mitarbeiter die Nacht ohne Schaden überstanden haben.“