Für Jonathan Lösel und Olga Gräfin von Lüttichau sind gute Umgangsformen keine leere Hülle, sondern Haltung und Herzensanliegen. Nicht Benimmkurs, sondern Menschenkunde. Nicht Selbstoptimierung, sondern Liebe zum Gegenüber – die sich üben lässt, die erlernt werden kann, und die tief genug reicht, um den christlichen Glauben sichtbar zu machen, ohne ihn auszusprechen.
Ein kleiner Teller mit frischem Brot und ein Schälchen Butter auf dem gedeckten Tisch. Wer sich ein Stück abbricht, es dann mit Butter bestreicht, der lebt, ohne es zu wissen, eine Szene aus dem letzten Abendmahl nach. Jonathan Lösel hält inne, wenn er dieses Beispiel erzählt. „Wir wüssten so vieles besser, wenn wir verstehen würden, warum wir es tun“, sagt er. Lösel hat Maschinenbau studiert, arbeitet im Projektmanagement – und hält als Vorsitzender des Deutschen Knigge-Rats Kurse für Schüler, Firmen und Gemeinden. Sein Thema sind gepflegte Umgangsformen.
Der Name Knigge ist in Deutschland zum Synonym für Benimmregeln geworden – Messer rechts, Gabel links, Serviette auf dem Schoß. Für Lösel ist das zu kurz gegriffen. „Adolph Freiherr von Knigge hat 1788 kein Etikette-Regelwerk geschrieben“, sagt er. „Sein Buch heißt ‚Über den Umgang mit Menschen‘ – und das ist ein Programm.“ Im Geist der Aufklärung beobachtete Knigge seine Gesellschaft und fragte: Wo funktioniert das Miteinander nicht? Was sind die Grundprinzipien guten Umgangs? Seine Antworten hatten wenig mit Etikette zu tun – und viel mit Haltung. Eine Haltung, die Lösel zufolge tiefer reicht als jedes Regelwerk: „Umgangsformen sind gelebte Werte. Wer das Prinzip versteht, kann jede Form situationsintelligent anpassen.“
Lösel greift die These des französischen Philosophen Joubert auf, wonach die europäischen Umgangsformen in ihrem Kern auf der Liturgie der mittelalterlichen Kirche gründen. Das Lupfen des Hutes beim Betreten des Kirchenraums. Die Tischordnung nach dem Rang, die sich aus dem Platz des Pfarrers im Kirchenschiff ableitete. Das Brechen des Brotes – nicht Abschneiden. „Vieles von dem, was wir in unserer Kultur als gepflegten Umgang kennen, hat Wurzeln in der christlichen Praxis. Wir wissen es nur nicht mehr.“ Mit Nostalgie hat das für Lösel wenig zu tun. „Wenn ich die Tiefe verstehe, ist eine Form nicht mehr trocken und steif. Sie hat Bedeutung. Und das gilt für Tischkultur genauso wie für den Gottesdienst.“
Der Mensch im Mittelpunkt, nicht die Form
Wenn es um gepflegten Umgang geht, steht für Lösel nicht die Form im Mittelpunkt – sondern der Mensch. „Die Form ist das Werkzeug.“ Und wer sein Handwerk kennt, weiß, wann er das Werkzeug auch mal weglegt. „Ein Mensch mit guten Umgangsformen besitzt die Fähigkeit, Regeln zu brechen“, sagt er. „Wenn ich merke, dass ich den anderen überfordere, ist es meine Aufgabe, das zu korrigieren. Nicht stur die Regeln durchzuziehen.“ Er erzählt von einem Abendessen in Bamberg mit Freunden im Wirtshaus: Ellbogen auf dem Tisch, Bier in der Hand, Rauchbier-Atmosphäre. „Würde ich da mit Messer und Gabel wie beim Staatsbankett dasitzen, würden die anderen sich fragen, was sie falsch machen.“
„Das Ziel von guten Umgangsformen ist, einen Raum der Sicherheit zu schaffen, in dem der Andere sich wohlfühlen und entfalten kann.“ Wer das als Christ hört, denkt vielleicht an etwas anderes – Gastfreundschaft, Seelsorge, Gemeinde, Hauskreise. Lösel erklärt den Zusammenhang. „Der Mensch hat die Grundsehnsucht: Ich bin gesehen. Ich bin wertvoll. Ich gehöre dazu. Das adressiert der Glaube. Und das adressieren auch Umgangsformen.“
Lösels eigener Weg zu gepflegten Umgangsformen beginnt nicht mit einem Knigge-Kurs. Er beginnt zu Hause. Seine Eltern engagierten sich in einem Dienst für Menschen mit Gefängniserfahrung. Sie halfen ihnen, wieder in der Gesellschaft Fuß zu fassen. Für ihn als Kind war das schlicht normal: „Unabhängig davon, wie der Lebensweg war, wo jemand abgebogen ist – erstmal den Menschen als Menschen sehen. In seiner Würde.“ Sein Elternhaus – christlich geprägt, werteorientiert, bodenständig – hat ihn geformt. Später machte er eine Ausbildung zum Personality-Stylisten, kam in den Deutschen Knigge-Rat, entdeckte den Zusammenhang von Stil und Substanz.„Die Art, wie wir mit anderen Menschen interagieren, ist vielleicht die einzige Bibel, die manche Menschen je lesen werden.“ Der Satz – so erzählt er – stammt nicht von ihm. Lösel zitiert ihn, weil er findet, dass er stimmt. Und weil er beschreibt, was ihn antreibt: nicht Etikette lehren, sondern sichtbar machen, was in Menschen steckt.
Wenn Höflichkeit zur Hülle wird
Was ist, wenn ein Mensch Formen nur pflegt, damit er keine Fehler macht und gut dasteht? „Dann ist das Etikette im schlechten Sinne. Regeln auswendig gelernt, Lichtschalter an und aus. Kein Mensch im Mittelpunkt.“ Den Unterschied macht er an einem Begriff fest: soziale Intelligenz. Regeln sind statisch. Begegnung ist dynamisch. Wer nur Regeln anwendet, wer in jeder Situation den gleichen Schritt macht, der verliert den anderen aus dem Blick. „Und dann wird Höflichkeit zur Hülle – und innen ist nichts.“ Der Gedanke klingt bibelnäher, als er vermutlich klingen wollte: Die Form ohne Liebe ist wie eine tönende Schelle (vgl. 1. Korinther 13,1).
Dasselbe Bild überträgt er auf Gemeinden. Er kommt dort als Trainer hin. Was er beobachtet: „Häufig gibt es so einen Kuschelkurs. Man umarmt sich direkt. Alles ist warm und cozy. Aber wenn jemand Neues kommt, entsteht dadurch manchmal Druck, nicht Raum.“ Neue bräuchten Raum, um selbst zu entscheiden, wie viel Nähe sie zulassen möchten. Besonders wenn Glaube und Spiritualität für sie Neuland sind. Er findet, dass echte Gastfreundschaft mehr Beobachtung braucht: Wer ist neu? Wer steht verloren in der Ecke? „Da geh’ ich hin. Ich begrüße, ich stelle vor, ich führe in Verbindung. Das ist Führung – und die ist Teil von guter Gastgeberschaft.“
Wenn jemand in einer politischen Debatte auf schlechten Stil oder rauen Ton hinweist – lenkt er dann von der Sache ab? „Wenn ich lerne, wieder respektvoll zu debattieren, ist eine ganz andere Basis gelegt – nicht gegeneinander, nicht mit dem Ziel, bloß recht zu behalten, sondern miteinander, um die besten inhaltlichen Lösungen zu finden. Wer mir Inhalte um die Ohren haut, ohne zuzuhören, baut Distanz auf. Umgangsformen bauen Brücken. Gräben reißen sie nicht.“
Er schaut auf den Bundestag. Er schaut auf Talkshows, wo alle gleichzeitig reden. Er schaut auf Kommentarspalten. Und er sieht überall dasselbe Muster: Die Sachebene und die Beziehungsebene laufen auseinander. Wer inhaltlich kritisiert wird, fühlt sich als Person angegriffen. Wer als Person angegriffen wird, reagiert mit Lautstärke. „Die Algorithmen fördern Lautstärke.“ Aber was kommt am Ende heraus? Lösel hat deshalb einen Rat: „Sei selbst der Mensch, dem du gerne begegnen möchtest.“
Herzenseinstellung spiegelt sich im Tun
Für Olga Gräfin von Lüttichau sind Werte immer gelebte Werte – und christliche Werte im Besonderen sind nur dann echt, wenn sie im Umgang mit Menschen sichtbar werden. „In der Gastfreundschaft, im guten Umgang mit anderen Menschen sieht man, ob ich die christlichen Prinzipien so verinnerlicht habe, dass ich sie auch ausleben kann. Worte ohne Taten sind tot.“ Werte sieht sie nicht als Regelwerk, sondern als innere Haltung: Gute Umgangsformen und gepflegte Kommunikation rühren beide „von der Herzenseinstellung her – im Ideal, dass man eine Freude an Menschen hat und eine Liebe für Menschen“. Wer das wirklich lebe, wolle automatisch, dass es dem Gegenüber gut gehe – und das zeige sich dann im Handeln.
Gräfin Lüttichau arbeitet als Projektmanagerin bei „Wertestarter – Stiftung für Christliche Wertebildung“, mit der sich PRO ein Büro in Berlin teilt. Seit Studienzeiten wird sie immer wieder angefragt für Events und Seminare zu Gastgeberschaft und Kommunikation. Für die Pädagogin sind Wahrheit und Liebe ein untrennbares Werte-Paar. „Wahrheit ohne Liebe kann grausam sein – Liebe ohne Wahrheit verhindert Wachstum.“ Echte Wertschätzung bedeute für sie, dem anderen auch Unbequemes zu sagen – nicht aus Konfrontationslust, sondern weil nur so Wachstum möglich sei. Wer alles toleriere und nichts anspreche, nenne das zwar Liebe – meine aber eigentlich Harmoniebedürfnis. Gute Umgangsformen sind keine Konfliktvermeidung. Sie sind das präzise Gegenteil – der Rahmen, der es ermöglicht, auch Unbequemes anzusprechen.
Werte und Umgangsformen müssten nach ihrer Ansicht früh eingeübt werden. Und es brauche Menschen, die einem rückmelden, was man tut und was man nicht tut. Ohne Spiegel von außen – durch Freunde, Eltern, Coaches – entwickle sich niemand weiter. Lösel betont: Wer das Grundprinzip nicht verstanden hat, wer nur Regeln paukt, der verliert den Menschen aus dem Blick. Beide beschreiben damit etwas, das im christlichen Denken verankert ist: Persönlichkeitsentwicklung braucht Gemeinschaft.
Renaissance der Werte
Gräfin Lüttichau diagnostiziert zwei Hauptursachen für den Wertezerfall: Erstens die veränderte Erziehung, weil Kinder immer mehr Zeit in Fremdbetreuung verbringen und damit Kollektivwerte aus Kita und Schule die familiären überlagerten. Zweitens die sozialen Medien, die zum schnellen Urteilen verführten – Daumen hoch, Daumen runter, Meinung ohne wirkliche Beschäftigung mit der Person. Die Kommunikationsfähigkeit leide spürbar darunter.
Den größten Verlust für die Gesellschaft sehen beide darin: Das Wahrnehmen des Anderen ist abhanden gekommen. Lösel beschreibt, wie die Digitalisierung den Wahrnehmungshorizont verengt hat – weg vom Gegenüber, hin zur eigenen Karriere, zum eigenen Bildschirm, zum eigenen Ego. Gräfin Lüttichau macht es am Bild der S-Bahn konkret: „Alle sitzen am Handy. Wir kriegen gar nicht mehr mit, wenn eine ältere Person einsteigt und einen Platz braucht. Wir nehmen einander schlicht nicht mehr wahr.“
Und doch sind beide nicht pessimistisch. Gräfin Lüttichau beobachtet in ihrer Bildungsarbeit: Jugendliche müssen heute trainieren, wie man telefoniert, weil sie alles per Text- oder Sprachnachricht machen. Aber sie sieht auch eine Chance. „Umgang mit Menschen ist eine Übungsfrage – also erlernbar!“ Internatsschulen böten daher bereits ab der fünften Klasse Kurse für gute Umgangsformen im Alltag an. Lösel tritt für eine Renaissance der Werte ein. „Wir sind an einem Tipping Point“, sagt er. Die Versprechen der Postmoderne – dass Karriere, Follower und totale Freiheit glücklich machen – bröckelten. Menschen suchten wieder Halt. Und Halt finde man dort, wo es Werte gibt. Er sieht das in jungen Leuten, die sich bewusst kleiden, die Stil als Aussage begreifen, nicht als Zwang.
Und er sieht es bei sich selbst. Zu 60 Prozent noch als angestellter Maschinenbauingenieur, zu 40 Prozent als Vorsitzender, Berater, Trainer – und gerade dabei, eine Akademie für Umgangsformen zu gründen. Der Traum: „Ich will Gesellschaft mitgestalten. Diese Schönheit sichtbarer machen. Licht und Salz sein – nicht in der christlichen Bubble, sondern dort, wo der Großteil unseres Lebens stattfindet – im alltäglichen Miteinander.“ Das ist sein Satz. Licht und Salz. Er sagt ihn so selbstverständlich, dass man kurz vergisst, dass es ein Bibelwort ist (Matthäus 5,13–14). Er meint es genauso.
Deutscher Knigge-Rat
Der Deutsche Knigge-Rat ist ein ehrenamtliches Gremium, das sich der Pflege und Weiterentwicklung guter Umgangsformen in Deutschland widmet. Gegründet auf das Erbe Adolph Freiherr von Knigges (1752–1796), sieht der Rat seine Aufgabe nicht in der Verwaltung starrer Etikette-Regeln, sondern in der Renaissance von Werten als Grundlage für gelingendes Miteinander. Der Rat gibt Empfehlungen zu aktuellen gesellschaftlichen Fragen (zuletzt: Umgangston im öffentlichen Nahverkehr und in sozialen Medien), führt Bildungsprojekte an Schulen durch und berät Unternehmen sowie Einzelpersonen in Fragen des Stils und der Repräsentation. Zu den Experten des Rates gehören unter anderem die Theologen Johannes Hartl, Martin Hein und Frank Heinrich.
Der Artikel ist erstmals in der Ausgabe 3/2026 des Christlichen Medienmagazins PRO erschienen. Das Heft können Sie hier kostenlos bestellen.