Das Gottvertrauen des Welttorhüters

Vor 40 Jahren war Mexiko schon einmal Gastgeber der Fußball-WM. Mit dabei: der belgische Nationaltorwart und Mannschaftskapitän Jean-Marie Pfaff. Im Gepäck eine Predigt über Psalm 118. Denn der hatte ihm schon einmal geholfen.
Von Günther Klempnauer
Jean-Marie Pfaff, 1980

Zu Beginn der Bundesliga-Saison 1985/86 bekam ich einen Telefonanruf von Jean-Marie Pfaff, dem damals populärsten Fußballprofi vom FC Bayern München und einer der größten Torwart-Persönlichkeiten in Europa. Sein Anruf überraschte mich vollkommen. Kaum hatte ich den Telefonhörer abgenommen und meinen Namen genannt, sprach mich der damals 33-jährige Fußballstar gleich mit Vornamen an: „Günther, ich habe dein Buch gelesen: ‚Wenn Gott ins Spiel kommt‘. Kannst du mein Seelsorger sein?“

Ohne meine Antwort abzuwarten, plätscherte er los wie ein Wasserfall: „Wenn wir Fußballprofis unter uns sind, reden wir über Autos, Aktien und Frauen. Aber wie es da drinnen aussieht, behält jeder für sich. Quälende Fragen verdrängen wir: Wer bin ich? Wie bewältige ich meine Krise? Gibt es Gott? Was ist der Sinn meines Lebens? Geht es nach dem Tod weiter?“

Ein Jahr lang unterhielten wir uns fast wöchentlich über Gott und seine Welt in schonungsloser Offenheit. „Für Jean-Marie, der früh seinen Vater verloren hat, bist du ein väterlicher Freund“, gestand mir seine Ehefrau Carmen. 1982 unterschrieb der belgische Nationaltorwart trotz verlockender Angebote aus Italien und Spanien einen Profivertrag beim FC Bayern München.

Jean-Marie Pfaff und Günther Klempnauer Foto: Günther Klempnauer

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Günther Klempnauer (re., hier mit Jean-Marie Pfaff) hat mit zahlreichen international erfolgreichen Sportlern, bekannten Wissenschaftlern, Politikern und Persönlichkeiten aus Kultur und Medien Interviews geführt und dabei immer über Sinn- und Glaubensfragen gesprochen. Vielen wurde der Theologe, Religions- und Sportpädagoge dabei zum Seelsorger. Im März feierte er seinen 90. Geburtstag. Fußball ist eine besondere Leidenschaft Klempnauers. Seinen ersten Glaubensanstoß bekam er als Siebzehnjähriger in der Zeltmission vom US-amerikanischen Fußballnationalspieler Henry Rathert, der noch begeisterter von seinem Jesus sprach als vom Fußball. „Das irritierte mich zunächst als leidenschaftlicher Fußballfan“, sagt er. Er kickte als Lübecker A-Jugend-Fußballstürmer gegen den Hamburger Sportverein mit Uwe Seeler († 2022) und saß 40 Jahre später auf der Ersatzbank der Uwe-Seeler-Traditionself. 1992 begleitete er die deutsche Nationalmannschaft als Uefa-Fußballpfarrer bei der Europameisterschaft in Schweden. Bis heute, so seine Beobachtung, erweise sich „die Wirksamkeit der biblischen Botschaft in diesem fußballerischen Rahmen auf höchstem Niveau als konkurrenzlose Wohltat“.

Große Hoffnungen hatten die Münchener in ihn gesetzt. Mit Spannung wurde sein erster Einsatz am 21. August 1982 im Spiel gegen Werder Bremen im Weser-Stadion vor 35.000 Zuschauern erwartet. Doch es sollte mit der größten Blamage seiner Fußballlaufbahn enden. Kurz vor Abpfiff warf der Bremer Uwe Reinders, der für seine katapultartigen Einwürfe bekannt war, den Ball von der Seitenlinie weit in den gegnerischen Strafraum. Die verdutzten Abwehrspieler reckten ihre Köpfe. Aber keiner davon erwischte den Ball. Aus dem Gewühl stiegen auch die Torwarthandschuhe empor. Nur mit den Fingerspitzen berührte Pfaff den Ball – und lenkte ihn so ins eigene Tor.

Die Bremer jubelten und gingen als Sieger vom Platz. Der Spott der Öffentlichkeit über den patzenden Neuling war anschließend groß, die Presse stürzte sich begierig auf Pfaffs Fehlgriff. Immer wieder wurde die Szene im Fernsehen gezeigt. „Ich spürte den eisigen Wind, der mir ins Gesicht blies“, sagte Pfaff.

Lähmende Belastung

Vier Jahre später, drei Spieltage vor Saisonende: Im alles entscheidenden Spiel trifft Bayern München auf den Spitzenreiter Werder Bremen, wieder im Weser-Stadion. Würde Bremen gewinnen, wären die Norddeutschen vorzeitig Deutscher Meister. Bei einem Unentschieden oder einer Niederlage dagegen konnte Bayern München sogar noch Meister werden. Pfaff war regelrecht traumatisiert. Immer wieder lief sein misslungener Bundesliga-Einstand wie ein Film vor ihm ab.

Der Torwart hoffte auf eine psychologische Hilfestellung von mir, um diese lähmende Belastung loszuwerden. Ich blätterte in der Bibel und stieß auf den Angstschrei des Beters in Psalm 118: „In auswegloser Lage schrie ich zum Herrn: ‚Hilf mir!‘ Er holte mich aus der Bedrängnis heraus und schenkte mir Freiheit. Der Herr ist auf meiner Seite, und ich brauche mich vor nichts und niemandem zu fürchten.“ Pfaff wurde hellhörig und reagierte wohlwollend. War das die Lösung?

Als sein Seelsorger machte ich ihm Mut: „Wir dürfen Gott auf die Probe stellen und ihm unsere Ängste bekennen. Bis heute machen glaubende Menschen die beglückende Erfahrung, von der unser Psalmbeter schon vor 2.500 Jahren gesprochen hat. Die ganze Bibel ist voll solcher Mut machenden Gebetserhörungen.“

Im ausverkauften Weser-Stadion beherzigte Pfaff die empfohlene Glaubensstrategie, ließ sich von Buhrufen nicht irritieren und legte seine Angst bei Gott ab. Der Bayern-Torhüter blieb wunderbar gelassen, hielt alle Bälle und entnervte zum Schluss den Werderaner Michael Kutzop mit seiner stoischen Ruhe so sehr, dass der Stürmer in letzter Minute einen Elfmeter zum greifbaren Sieg verschoss. Das Spiel endete 0:0. Zwei Wochen später wurde Bayern München Deutscher Meister und Jean-Marie Pfaff als Matchwinner stürmisch gefeiert.

Mit Psalm 118 zur Weltmeisterschaft

Zwei Tage nach diesem Spiel rief mich der überglückliche Bayern-Torwart an und schilderte seine Glaubenserfahrung. Er habe sich gefühlt wie ein Fels in der Brandung und er sei Gott unendlich dankbar für diese Gebetserhörung, auch wenn er das Spiel nicht gewonnen habe. Nun stand eine neue Herausforderung vor dem Tor: die Fußballweltmeisterschaft 1986 in Mexiko, für die sich die belgische Nationalmannschaft qualifiziert hatte. Jean-Marie Pfaff war ihr Mannschaftskapitän.

Die Sternstunde des Glaubens in Bremen hatte sich ihm tief eingeprägt, und er bat mich: „Kannst du mir eine Predigt über diesen 118. Psalm halten? Ich möchte sie mir vor jedem Turnier-Spiel in Mexiko anhören. Ich brauche eine Inspiration und Motivation für mein Gottvertrauen.“

Das tat ich – und sprach Jean-Marie Pfaff in meiner Predigt, die ich einen Sonntag vor dem Abflug nach Mexiko in einem Gottesdienst hielt, gelegentlich namentlich an, als säße er unter den Zuhörern. Auf dem Weg nach Mexiko rief mich Pfaff an und bedankte sich für die Predigt-Tonkassette, als habe er ein Weihnachtsgeschenk erhalten.

Beim WM-Turnier steigerte sich die belgische Nationalmannschaft von Spiel zu Spiel und scheiterte erst im Halbfinale gegen den späteren Weltmeister Argentinien. Nach dem Schlusspfiff ließ deren Kapitän Diego Maradona alle ihn bedrängenden belgischen Spielern stehen, lief geradewegs zu Pfaff und zog sein begehrtes Trikot aus.

„Diego Maradona überreichte mir sein schweißtriefendes Trikot und sagte: ‚Jean-Marie, ich bin ein großer Fan von dir, und das gilt auch für meine Familie.‘“, erzählte mir Pfaff, als er mich nach dem Turnier in seine Münchener Wohnung einlud. Nicht ohne Stolz führte er mich zu einer Vitrine und zeigte mir die immer noch ungewaschene Trophäe. Im vorigen Jahr 2025 wurde ein solches Maradona-Trikot für über acht Millionen Euro versteigert.

"Mehr als 90 Minuten"

Lesetipp zur Fußball-WM

Bei der Fußball-WM geht es aktuell um die schönste Nebensache der Welt. Dass das Leben aus „Mehr als 90 Minuten“ besteht, zeigen die Autoren in diesem Büchlein. Es möchte seine Leser mit Impulsen, Spielerporträts und interessanten Fakten zum Fußball durch das Turnier begleiten. Dabei geht es um Helden, Emotionen und das große Finale. Und natürlich lädt es dazu ein, Gott mit ins Spiel zu holen. Kurzweilig und gut zum Weitergeben auch für Nichtchristen.

Jesus wichtiger als Erfolg

Der größte Triumph in seiner Fußballkarriere war für Pfaff 1987 die Wahl zum besten Fußballtorwart der Welt. Er war der erste, der diese Auszeichnung überhaupt erhielt. Dafür hatten 5.000 Sportjournalisten aus aller Welt gestimmt. „Was bedeuten dir der überragende sportliche Erfolg und die Popularität?“, wollte ich von ihm wissen. „Ruhm und Erfolg sind schön, aber daran hängt nicht mein Herz. Das Wichtigste ist für mich mein Glaube an Jesus Christus, der für mich die Auferstehung und das Leben ist“, sagte der 64-fache belgische Nationaltorwart.

Bis heute hat die Familie Pfaff in Belgien einen Kultstatus. Über zwei Millionen Zuschauer haben zehn Jahre lang (267 Folgen) jeden Sonntagabend die TV-Reality-Show „De Pfaffs“ über die Familie des Torwarts gesehen. Dessen Kommentar dazu: „Ich wollte zeigen, dass ein Mensch, der durch den Fußball zum Weltstar geworden ist, normal bleiben kann.“

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