Anfang Mai konnte ich mit einer Gruppe Ruanda besuchen. Dort lernten wir Christine Mwimama kennen. Sie besuchte ein Schulungsprogramm der Pentecostal Church ADEPR in Gisagara im Ndora-Sektor. Die Kirche begann 2018 mit dem sogenannten CCT-Programm (Church and Community Transformation), das Menschen in einem dreijährigen Zyklus darin begleitet, sich eine eigene Existenz aufzubauen.
Über zwei Zyklen wurde das Programm von Tearfund finanziert. Heute arbeitet die Gemeinde eigenständig weiter und zeigt eindrucksvoll, wie nachhaltig die im Programm angestoßenen Veränderungen sind. Ein besonders bewegendes Beispiel dafür ist die Geschichte von Christine Mwimama.
Christine ist 39 Jahre alt und Mutter einer Tochter, die auf dem Weg ist, Ärztin zu werden. Ihr Leben war lange Zeit von großen Herausforderungen geprägt. Ihr Ehemann war schwer alkoholkrank, und über seine aktuelle Situation spricht sie kaum, das Thema ist schambesetzt. Während er kein Christ ist, fand Christine in der Pfingstgemeinde zum Glauben. Dort engagiert sie sich heute aktiv, singt im Gottesdienst und gehört zu einer Gebetsgruppe namens „Life“.
Es begann mit bitterer Armut
Bevor sie mit dem CCT-Programm in Berührung kam, beschreibt Christine ihr Leben als von Armut, Hoffnungslosigkeit und Passivität geprägt. Sie besaß kein eigenes Land und hatte kaum Möglichkeiten, zum Einkommen der Familie beizutragen. Oft gab es nur einmal am Tag etwas zu essen, manchmal auch gar nichts. Selbst die relativ geringe Gebühr für eine Krankenversicherung von etwa einem US-Dollar pro Person konnte die Familie nicht aufbringen.
Besonders schmerzhaft war für sie eine Erfahrung während ihrer ersten Schwangerschaft mit Zwillingen: Weil sie sich keine medizinische Versorgung leisten konnte, starben beide Babys kurz nach der Geburt. Christine hat bis heute schwere Schuldgefühle und sagt rückblickend, sie sei damals naiv gewesen, habe nur davon geträumt, dass sich ihr Leben verbessern würde, ohne selbst aktiv etwas dafür zu tun.
Auch soziale Kontakte waren stark eingeschränkt. Gäste einzuladen, war unmöglich, da sie nichts anbieten konnte, und selbst den Zehnten in der Kirche – eine Selbstverständlichkeit für die Christen in Ruanda – konnte sie nicht geben. Der Wendepunkt kam, als sie sich bekehrte und in ihrer Gemeinde von den Selbsthilfegruppen im Rahmen des CCT-Programms hörte.
Besondere Bedeutung der Gemeinschaft
Neugierig schloss sie sich einer solchen Gruppe an. Sie begann, kleine Beträge zu sparen – anfangs umgerechnet etwa 25 Cent – und nahm schließlich einen ersten Kredit auf, mit dem sie ein Schwein kaufte. Dieses starb jedoch bald, was für sie ein schwerer Rückschlag war. Kurz darauf wurde sie selbst krank und litt an einem Tumor am Bein. In dieser schweren Zeit erlebte sie die besondere Bedeutung der Gemeinschaft: Mitglieder ihrer Selbsthilfegruppe besuchten, ermutigten und unterstützten sie emotional. Diese Unterstützung gab ihr die Kraft, ins Krankenhaus zu gehen, wo sie schließlich geheilt werden konnte.
Auf die Frage, woher sie die Energie nahm, trotz all dieser Rückschläge nicht aufzugeben, antwortet Christine klar: Es sei die gute Botschaft des Evangeliums gewesen, ihre Kirche und die Arbeit von Tearfund, die ihr Mut gemacht hätten, weiter an Veränderung zu glauben und aktiv daran zu arbeiten.
Nach ihrer Genesung begann sie erneut, kleine Schritte zu gehen. Statt eines Schweins kaufte sie zunächst eine Ziege und erhöhte ihre Sparbeträge auf etwa 50 Cent. Schritt für Schritt stabilisierte sich ihre wirtschaftliche Situation. Schließlich konnte sie ihren ursprünglichen Traum verwirklichen und eine kleine Schweinezucht aufbauen. Heute besitzt sie mehrere Schweine, bewirtschaftet zwei landwirtschaftliche Flächen und baut Gemüse an. Zudem ist sie dabei, ein neues Haus für sich und ihren Mann zu bauen.
Entscheidende Veränderung hat innerlich stattgefunden
Ein wichtiger Lernprozess betraf auch den Umgang mit Geld innerhalb ihrer Ehe. Christine berichtet, dass sie ihr Einkommen nicht einfach mit nach Hause bringt, sondern direkt auf ein Bankkonto einzahlt – eine Praxis, die sie im CCT-Programm gelernt hat. Ihr Mann leiht sich gelegentlich Geld von ihr, zahlt es jedoch inzwischen zuverlässig zurück.
Besonders deutlich wird in ihrer Geschichte, dass die entscheidende Veränderung nicht nur äußerlich, sondern vor allem innerlich stattgefunden hat. Mit einem strahlenden Lächeln sagt sie: „Es gibt kein besseres Gefühl, als für sich selbst sorgen zu können.“ Sie hat neue Hoffnung gewonnen und erkannt, dass Veränderung im Inneren beginnt. In der Selbsthilfegruppe entdeckte sie außerdem ihre Fähigkeit, gut mit Menschen zu vernetzen und Beziehungen aufzubauen. Heute trägt sie bewusst immer etwas Bargeld bei sich, um sofort investieren zu können, wenn sich eine Gelegenheit ergibt.
Christine sieht jedoch auch die Herausforderungen, vor denen viele Frauen in ihrer Gemeinschaft stehen. Viele hätten Angst davor, selbstständig zu arbeiten oder zu investieren, und hielten an einem traditionellen Rollenbild fest, das sie klein macht. Ein grundlegender Wandel im Denken sei notwendig: weg von der Haltung „Ich bin doch nur eine Frau“ hin zu dem Bewusstsein, dass Frauen stark sind und Veränderung bewirken können. Dieser Mentalitätswandel könne jedoch nur durch Bildung erreicht werden. Frauen müssten lernen, zu sparen, ein Bankkonto zu eröffnen und wirtschaftlich zu planen. Ebenso wichtig sei es, sich gegenseitig zu unterstützen und zu ermutigen, damit Ängste und Zweifel überwunden werden können.
Christines Geschichte zeigt eindrucksvoll, dass nachhaltige Veränderung mit einem veränderten Denken beginnt. Durch die Kombination aus Glauben, Gemeinschaft und praktischer Befähigung konnte sie ihr Leben grundlegend neu gestalten – von Hoffnungslosigkeit hin zu Selbstständigkeit, Würde und Zukunftsperspektive.