Seele, singe!

Die Lieder Paul Gerhardts berühren Menschen seit mehr als 350 Jahren. PRO hat Musiker und Leser gefragt, was sie mit seinen Liedern verbinden.
Protokolliert von Jonathan Steinert
Liederbuch zu Singen

Singen, solang ich leben werd

Gerhard Schöne
Gerhard Schöne, 74, Liedermacher

Als Kind sang ich in der Kurrende mit einer Jugendlichen, die neun Jahre älter war, jedoch die zarte Gestalt eines Kindes hatte. Sie fiel auch dadurch auf, dass sie ganz ärmlich gekleidet war und Sommers wie Winters in einem dünnen Jäckchen herumlief. Einmal sagte sie zu mir: Gerhard, ich finde es schade, dass du dich nicht mit „dt“ schreibst, wie Paul Gerhardt. Nach und nach bekam ich mit, dass sie nämlich Paul Gerhardts Lieder über alles liebte. Wahrscheinlich hatte sie eine Sonderbegabung, denn sie kannte alle seine Lieder aus dem Kirchengesangbuch auswendig und zwar mit sämtlichen Strophen.

Je mehr Lieder ich von Paul Gerhardt kennenlernte, um so mehr leuchtete mir ihre Liebe zu diesem Dichter ein. Sie kam aus einem lieblosen Zuhause. Ihr Vater, ein Alkoholiker, schlug sie und ertrug es nicht, wenn dieses wissensdurstige Mädchen las. Wahrscheinlich erkannte sie in den Versen Paul Gerhardts, dass er ebenfalls viel, viel Schweres durchgemacht hatte und dass er dennoch Zeilen schreiben konnte wie „Fröhlich soll mein Herzespringen“, oder „Du meine Seele singe, wohlauf und singe schön“, oder nach 30 Jahren eines verheerenden Krieges mit persönlichen Schicksalsschlägen sich selbst und seine verzagte Frau, sowie seine Gemeinde einfach auffordern musste: „Geh aus, mein Herz, und suche Freud!“

So wie er diese seine Verehrerin getröstet und aufgebaut hat, ist es unzähligen Menschen ergangen. Obwohl seine Sprache und seine Art der Frömmigkeit nach mehreren hundert Jahren im ersten Moment fremd klingen mögen, sie erreichen das Herz, auch meines. Und auch wenn ich nicht „Liedermacher“ geworden wäre, sicher würde ich Gott loben und „singen, solang ich leben werd“.

Gib dich zufrieden

Sarah Kaiser
Sarah Kaiser, geboren 1974, Sängerin, Vocal Coach, Chorleiterin

Viele Liedtexte Paul Gerhardts enthalten Zeilen oder Strophen, die mich besonders ansprechen. Ob seine Liebe für die Sonne (ich feiere und teile diese Liebe besonders in unserer Version von „Die Güldne Sonne“) oder sein tiefes Gottvertrauen in „Befiehl du deine Wege“ nach Psalm 37. Besonders aktuell finde ich gerade wieder „Nun lasst uns geh’n und treten“: „Durch soviel Angst und Plagen … durch Krieg und große Schrecken, die alle Welt bedecken.“

Das zeigt mir, dass wir Menschen uns nicht wirklich verändern über die Jahrhunderte. Ganz persönlich hat mich zuallererst sein Lied „Gib dich zufrieden“ angesprochen: „Wie dir’s und andern oft ergehe / ist ihm wahrlich nicht verborgen. / Er sieht und kennet aus der Höhe / der Betrübten Herzen Sorgen. / Er zählt den Lauf der heißen Tränen und fasst zuhauf all unser Sehnen.“ Ich fühle mich erkannt und getröstet durch diese Worte, und es war der Beginn meiner Reise mit den Texten Paul Gerhardts.

Befiehl du deine Wege

Dieter Falk Foto: Jonas Scholten
Dieter Falk, 66, Pianist, Komponist, Produzent

In diesem wunderbaren Vertrauenslied – das ich nach wie vor in jedem meiner Konzerte spiele – steckt vor allem in den ersten vier Zeilen eines meiner Lebens-Mottos: „sich fallen lassen“. Wenn dem einen oder anderen der Blick für die wunderschöne Poesie des 17. Jahrhunderts verwehrt sein sollte, der übertrage doch die Anfangszeilen von „Befiehl du deine Wege“ ins Heute. Etwa so: „Vertrau dich mit deinem Innersten dem an, der den Himmel lenkt. Denn der wird auch einen Weg finden, auf dem du gehen kannst“. Gerade wenn man Paul Gerhardts biografische Schicksalsschläge bedenkt, ist diese Aussage so stark, so Mut zusprechend und zeigt das grenzenlose Gottvertrauen des Autors. Und für mich bedeutet das hier und jetzt, ich darf mich in Gottes Hand fallen lassen. Ganz unmittelbar, zu jeder Zeit.

Ich steh an deiner Krippen hier

Benjamin Gail
Benjamin Gail, geboren 1980, Sänger, Vocal Coach, Chorleiter

Die Texte von Paul Gerhardt nehmen im Liedgut unserer Kirche eine besondere Rolle ein. Sie haben mich schon früh begeistert. Die Erinnerung, „Geh aus mein Herz und suche Freud“, als ein Sommerlied zu spielen, das Laune macht und die Stimmung hebt, ist tief verankert. Es mit der gesamten Gemeinde zum Open-Air-Gottesdienst am Himmelfahrtstag zu singen, ist eine frühe Erinnerung an eines seiner Lieder. Später hat mich das Weihnachtslied „Ich steh’ an deiner Krippen hier“ tief berührt. Oder besser gesagt, der Heilige Geist hat mich durch die Worte Paul Gerhardts berührt.

Das Besondere an seinen Texten ist die Tiefe – er nimmt mich mit und führt meine Gedanken und meine Anbetung in die Weite. Von vor meiner Geburt, bis über das irdische Leben hinaus in die Ewigkeit leitet Paul Gerhardt meinen Blick und mein Gebet innerhalb eines Liedes, innerhalb von neun Versen. Am intensivsten finde ich seine Worte in Vers 4 jenes Weihnachtsliedes: „Ich kann mich nicht satt sehen“ – vom Blick auf das Kind in der Krippe kann ich nicht genug bekommen. „Und weil ich nun nichts weiter kann, bleib ich anbetend stehen.“ An dieser Stelle möchte ich oft gar nicht weitersingen. Es war mir ein echtes Anliegen, diesen Choral zum Beispiel auch im Rahmen meiner Advents- und Weihnachts-CD zu interpretieren.

Was PRO-Leser sagen

„Die Paul-Gerhardt-Texte lese und singe ich deswegen so gerne, weil sie menschliche und geistliche Tiefe haben. Sie treffen mein eigenes Leben. Da wird nicht oberflächlich gejubelt, das Leid nicht ignoriert. Und doch vermitteln sie Freude. Tiefe Freude, die um das Ziel weiß, das nicht auf dieser Erde ist. Mit beiden Beinen fest auf dem Boden dieser Welt und trotzdem die tiefe Hoffnung und Vorfreude auf den Himmel im Herzen. Das brauche ich heute auch.“

„Paul Gerhardt hat insgesamt eine große Bedeutung für mich. Viele Lieder – ALLE Verse – hab ich auswendig gelernt. Besonders: ‚Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld‘, ‚Befiehl du deine Wege‘ … Manche Lieder entdecke ich erst.“

„Dass Freude, Krise, Leid und Christsein sich nicht ausschließen, wird mir an Paul Gerhardt ganz deutlich. Wie kann ein Mann wie er, der vor unendlich vielen Trümmern stand, die schönsten und tiefgehendsten Lieder dichten?! Weil er von der Verheißung lebt, von der Hoffnung und sich nicht von den Lebenstrümmern bestimmen lässt. Er verdrängt sie auch nicht: In dem Lied „Ich steh an deiner Krippe hier“ textet Paul Gerhard in der 3. Strophe: „Ich lag in tiefster Todesnacht, du warest meine Sonne. Die Sonne die mir zugebracht Licht, Leben, Freud und Wonne.“ Was veranlasst einen von Leid überschütteten Menschen noch von Freude und Sonne zu singen? Weil er sich an Jesus orientiert. Und weil seine Gegenwart in der Ewigkeit verankert ist. Nicht der Alltag bestimmt sein Denken und Fühlen, sondern die Ewigkeit!“

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Ausgabe 2/2026 des Christlichen Medienmagazins PRO. Das Heft können Sie hier online lesen oder kostenlos bestellen.

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