Analyse

ESC: Triumph und Trauerspiel

Der Eurovision Song Contest wird 70 Jahre alt, und schon lange geht es bei der schrill-bunten Veranstaltung um viel mehr als nur Musik. Das zeigt sich vor allem an ihrem gespaltenen Verhältnis zu Israel.
Von Anna Lutz
Noam Bettan

Als Juval Raphael am 15. Mai 2025 auf die Bühne in Basel tritt, wird es laut im Publikum. Es ist das Halbfinale vor ihrem ganz großen Auftritt beim Eurovision Song Contest. Die israelische Sängerin wird aus dem Vorentscheid als Siegerin hervorgehen, doch das ist Nebensache an diesem Abend. Denn die Zuschauer werden in den drei Minuten, die Raphael auf der Bühne steht, Zeugen eines Tiefpunktes in der damals 69-­jährigen ­Geschichte des ESC.

Während in den ersten Reihen wenige gut platzierte Israelflaggen wehen, die die Kameras einfangen, wird es weiter hinten tumultig. Laute Buhrufe tönen durch die St. Jakobshalle in Basel, so vehement, dass sie die leisen Klavierklänge und Raphaels Alt-Stimme, die auf Englisch, Französisch und Hebräisch über das Weitermachen in Zeiten der Not singt, brutal übertönen. Mehrere Palästinaflaggen werden hochgehalten. Handyaufnahmen finden sich schon kurze Zeit später auf TikTok oder Instagram.

Raphael absolviert ihren Auftritt trotz der Störung, ohne sich etwas anmerken zu lassen, sagt am Ende sogar auf Englisch ins Mikrofon: „Ich liebe dich, Europa!“.

Proteste gegen Israel

Schon in den Tagen vor ihrem Auftritt hat sich der Protest abgezeichnet. In Basel kam es zu pro-palästinensischen ­Demonstrationen, Raphael stand als Vertreterin Israels öffentlich in der Kritik jener, die den Krieg in Gaza als Reaktion auf den Terror des 7. Oktober ablehnten. Sogar Debatten über den Ausschluss Israels vom Wettbewerb wurden geführt. In einem offenen Brief forderten 70 ehemalige ESC-Teilnehmer und andere Musiker, dass Israel nicht teilnehmen solle.

Zwar gab die Europäische Rundfunkunion (EBU), die den ESC organisiert, dem nicht statt. Doch nicht nur bei Juval Raphael dürfte die öffentliche Kritik tiefe Spuren hinterlassen haben. Denn die heute 25-jährige ­Sängerin ist nicht irgendeine Israelin. Sie hat die Massaker des 7. Oktober mit- und nur knapp überlebt.

Als Fan von Trance- und Ravemusik ­besucht sie das Nova-Festival im Jahr 2023. Gemeinsam mit ihrer Freundin Adar tanzt sie die Nacht durch, bis der Spaß am frühen Morgen ein grausames Ende findet. Sie hören Sirenen, sehen Raketen am Himmel. Andere Besucher warnen vor Terroristen in der Nähe. Gemeinsam mit 50 anderen rettet sie sich in einen alten Bunker, der aber nicht zu schließen ist. Die Terroristen der Hamas schießen blind in den Raum, links und rechts von Raphael sterben Menschen, fallen auf sie.

Stundenlang harrt sie so aus, versteckt sich unter den Leichen, während Bewaffnete Feuersalven in den Raum abgeben und immer mehr Menschen sterben. Elf von 50 sind am Ende noch am Leben. Juval Raphael ist eine davon. Es ist diese Überlebende, eine Frau, die mühsam und gemeinsam mit Therapeuten für ihre seelische Heilung kämpft, die nicht einmal zwei Jahre später auf der großen ESC-Bühne wieder kämpfen muss. Nicht um ihr Leben, wohl aber um ihre künstlerische Freiheit und das Recht, ihr Land zu vertreten.

Musik für den Frieden

Wie konnte es dazu kommen? Der Eurovision Song Contest wurde 1956 ins Leben gerufen und erreicht heute jährlich bis zu 200 Millionen Zuschauer. Die Idee der EBU war damals, einen Musikwettbewerb zu schaffen, der den Zusammenhalt und den Frieden zwischen den europäischen Ländern fördert. Denn die EBU ist ein Zusammenschluss von derzeit 68 Rundfunkanstalten in 56 Staaten Europas, Nordafrikas und Vorderasiens.

Im ersten Jahr des Wettbewerbs, damals hieß er noch Grand Prix Eurovision de la Chanson ­Européenne und wurde im Radio übertragen, nahmen nur sieben Nationen teil: Italien, Luxemburg, Frankreich, die Niederlande, die Schweiz, Belgien und die Bundesrepublik Deutschland. Austragungsort war Lugano in der Schweiz, dem Land, das auch den ersten Sieg davontrug.

Seitdem ist der ESC stetig gewachsen, zuletzt nahmen 37 Länder teil. Die TV-­Ausstrahlungen werden von Public Viewings, ESC-­Motto-Partys und breiten Vorprogrammen wie der Auswahl der Kandidaten für die einzelnen Länder begleitet. Kurz: Aus der einst kleinen Veranstaltung für vor allem folkloristische und schlageraffine Musikfreunde ist ein Popevent geworden. Zu den berühmtesten Gewinnern gehören Bands wie Abba oder die Sängerin Celine Dion. Politisch aber wollte der ESC ausdrücklich nie sein. Und doch ist er ein Politikum geworden.

Seit 1973 ist auch Israel beim ESC dabei und gewann vier Mal: 1978, 1979, 1998 und 2018. Und das, obwohl das Land geografisch gar nicht in Europa liegt. Entscheidend für die Teilnahme ist, ob die nationale Rundfunkanstalt Mitglied der EBU ist. Was auf den israelischen Sender „Kan“ zutrifft.

Dennoch stellen viele die Teilnahme Israels immer wieder in Frage. Und tatsächlich gibt es in der Geschichte des ESC Beispiele für den Ausschluss von Ländern vom Wettbewerb. Seit dem Jahr 2022 etwa ist Russland wegen seines Angriffskrieges gegen die Ukraine gesperrt. Und auch ganz grundsätzlich gilt: Wer den Wettbewerb für politische Zwecke missbraucht, der kann im Zweifel ausgeschlossen werden.

Gemäß dieser Vorgabe musste etwa die israelische Sängerin Eden Golan 2024 ihren Titel „October Rain“ umtexten. Er war der EBU in seiner ursprünglichen Version zu politisch. Kein Wunder, setzt er sich doch mit dem 7. Oktober auseinander. Am Ende nannte sie den Titel „Hurricane“ und wurde damit Fünfte. Im Vergleich zu den restlichen Debatten um den jüdischen Staat gehört jene um „October Rain“ allerdings zu den kleineren.

Als der ESC 1979 in Jerusalem ausgetragen wurde, gab es gleich mehrere politische Debatten, die direkt mit dem Austragungsort zu tun hatten. Die Türkei etwa zog in letzter Sekunde ihren Beitrag aus Protest zurück. Die Sicherheitsvorkehrungen waren enorm, da man Anschläge fürchtete. Und Deutschland trat mit dem bekannten Lied „Dschingis Khan“ an, was ebenfalls für Kopfschütteln sorgte: Dass die Deutschen ausgerechnet im Land der Juden mit einem Lied über einen brutalen Eroberer auf die Bühne traten, irritierte. Dennoch wurde die Bundesrepublik Vierte, der Titel ein Hit – und Israel holte zum zweiten Mal hintereinander den Sieg. Seit Gründung der BDS-Bewegung 2005 ruft auch diese immer wieder zum Boykott Israels als Veranstaltungsort auf, etwa 2019.

Raphael: „Gutes und Liebe hinbringen“

Die wohl heftigsten Auseinandersetzungen rund um die Teilnahme Israels beim ESC gibt es aber seit dem 7. Oktober und dem dann beginnenden Gazakrieg. So protestierten tausende Menschen 2024 in Malmö gegen das dortige Finale unter Teilnahme Israels und der Sängerin Golan. Wie ein Jahr später auch Raphael wurde sie auf der Bühne ausgebuht. Viele fürchteten um ihre Sicherheit während des ESC, ebenso wie um die der israelischen Fans.

Verschiedene Künstler übten harte Kritik an Israel, etwa Gewinner „Nemo“ aus der Schweiz oder die als Hexe auf die Bühne getretene „Bambie Thug“ aus Irland. Und was schon 2024 auffiel: Das Publikum bewertete Israel deutlich wohlwollender als die Jury (Platz 2 und Platz 12). Beide Wertungen zusammen ergeben das Endergebnis. Ebenso war es bei der Teilnahme Juval Raphaels.

Die Jury setzte Israel auf Platz 14, das Publikum wählte die Jüdin auf Platz 1. Endergebnis: Platz 2. Wegen öffentlicher Mutmaßungen über Betrug und Beeinflussung sah sich die EBU genötigt, ihre Regeln für 2026 zu verändern – und verbietet nun ausdrücklich die Einflussnahme von Regierungsorganisationen aus den Teilnehmerstaaten auf den Wettbewerb, etwa durch bezahlte Werbeanzeigen oder Kampagnen. Außerdem dürfen die Zuschauer beim Telefonvoting nur noch zehn statt wie zuvor 20 Stimmen abgeben.

Trotzdem wird auch 2026 wieder über die Teilnahme Israels diskutiert. Nach breiten Protesten entschied die EBU im Dezember: Israel darf teilnehmen. Diesmal geht es nach Wien. Irland, Island, die Niederlande, Slowenien und Spanien kündigten daraufhin ihren Boykott an. Der Sieger von 2024, Nemo, gab seine Trophäe aus Protest zurück. Und Deutschlands Bundeskanzler Friedrich Merz stellte sich öffentlichkeitswirksam an die Seite Israels.

Antreten wird im Mai übrigens nach mehreren Jahren wieder ein Mann für Israel: Noam Bettan. An seinem Song „Michelle“ hat eine alte Bekannte mitgeschrieben: Juval Raphael. „Als jemand, der dort war, verstehe ich, wie sehr der ESC zu einem weiteren wichtigen internationalen Schauplatz für uns geworden ist, um uns zu zeigen und dort zu sein und das Gute und die Liebe hinzubringen, die in uns stecken“, sagte sie im Vorfeld der 70. ESC-Ausgabe. Wie schon 2025 kommt ihr kein Wort des Schmerzes über die Lippen. Die Proteste, so scheint es, lächelt Israel auch in diesem Jahr gekonnt weg.

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