Das Albrecht-Bengel-Haus in Tübingen gründet ein „Institut zur Stärkung von Gemeinden“. Das hat die Studieneinrichtung mitgeteilt. „Der Wunsch, die Gemeinden zu stärken, vor allem die Ehrenamtlichen, kommt aus den Gemeinden selbst“, erklärt der Studienleiter des neuen Instituts, Dirk Scheuermann, im Gespräch mit PRO. Hintergrund sei der Strukturwandel in den Landeskirchen. Er fasst ihn knapp zusammen: „Weniger Hauptamtliche, weniger Geld, Fusionen.“
Die Idee für das neue Institut entstand vor rund zwei Jahren. Eine Umfrage in 23 Gemeinden im vergangenen Sommer lieferte dann die inhaltliche Richtung. „Interessanterweise gaben die Gemeinden an: Wir wollen missionarisch aufbrechen“, berichtet Scheuermann. An zweiter Stelle habe der Wunsch der Gemeinden gestanden nach Gottesdiensten, „die Gott ehren und attraktiv gestaltet werden“, an dritter die Mitarbeitergewinnung und -begleitung. Themen wie Theologie, Apologetik und Diakonie folgten erst danach. Diese Rangfolge prägt nun das Programm.
Fortbildung im Team
Nach einer Auftaktveranstaltung zur Eröffnung der Bildungseinrichtung am 1. und 2. Mai startet das Institut im Oktober das erste Modul. „Vitale Gemeinde – den Auftrag leben“ wird dann an vier Samstagen von biblischen Grundlagen über eine Analyse der eigenen Gemeinde bis zu konkreten Zielen und deren Auswertung führen. Teilnehmen kann nur, wer im Team aus mindestens drei Ehrenamtlichen einer Gemeinde anreist – „möglichst als Vertretung der Gemeinde“.
In der württembergischen Landeskirche dürfen Ehrenamtliche ohne landeskirchliche Prädikantenausbildung den Predigtdienst bisher nicht verantwortlich übernehmen. Studienleiter Scheuermann verweist im Gespräch auf einen pragmatischen Ausweg: „Dann könnte man Gottesdienste einfach als Andachten feiern, dadurch wäre es möglich, dass Ehrenamtliche die Predigt halten.“ Mittelfristig erwartet er aufgrund des fehlenden Pfarrernachwuchses ein Einlenken der Kirche: „Da öffnen sich auch die Möglichkeiten. Es gibt Dekane, die das fördern wollen, und Pfarrer, die es fördern.“ Das Institut wolle Ehrenamtliche ohnehin breiter aufstellen – für Leitung, Gottesdienstgestaltung und theologisches Urteilen.
Ergänzung bestehender Weiterbildungsangebote
Mit dem neuen Institut stößt das Bengelhaus in ein Feld, das bereits bespielt wird. Die Freie Theologische Hochschule Gießen (FTH) etwa betreibt mit dem „FTH-Kolleg“ seit Jahren eine eigene Fortbildungsschiene für Haupt- und Ehrenamtliche und verzeichnete dort zuletzt rund 480 Teilnehmer im Jahr. Das neuere Format „kolleg+“ richtet sich explizit an Gemeinde-Leitungsteams, die als Gruppe buchen – ein Konzept, das dem Tübinger Modul-Ansatz nahekommt.
Auch die Akademie für Weltmission in Korntal (AWM) bietet nicht-akademische Seminare und Weiterbildungen in modularer Form an, viele davon für Ehrenamtliche in Migrations-, Integrations- und Gemeindearbeit. Dazu kommen Angebote der Landeskirchen selbst, etwa der Dienste für Mission, Ökumene und Entwicklung. Gemessen daran ist das Tübinger Institut kein Pionier, sondern ein weiterer Anbieter.
Studienleiter Scheuermann ist die Netzwerklogik wichtiger: „Es gibt so viel Bedarf, dass wir keine Konkurrenz machen, sondern uns ergänzen.“ Er zählt als Partner das Bibelstudienkolleg Stuttgart, die Evangelische Missionsschule Unterweissach, die AWM Korntal, die Internationale Hochschule Liebenzell und die Christliche Gemeindemusikschule Schönblick auf. „Wir wollen im Grunde ein Netzwerk aufbauen und uns gegenseitig die Leute, die etwas Spezielles suchen, empfehlen“, sagt er. Auch mit der Landeskirche ist Scheuermann nach eigenen Bekunden im Gespräch: „Ich sehe das gar nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung zu landeskirchlichen Weiterbildungsangeboten“, und weiter: „Da wird schon investiert. Ich denke, es reicht nicht.“
Über das Albrecht-Bengel-Haus
Das Albrecht-Bengel-Haus selbst ist in der württembergischen Frömmigkeitslandschaft fest verankert. Gegründet wurde es 1969 von Vertretern der Landessynode, der pietistischen Ludwig-Hofacker-Vereinigung und konservativ-lutherischen Kreisen als eine Antwort auf die theologischen Umbrüche der 1968er Jahre und die wissenschaftlich-kritische Dominanz im Tübinger Evangelischen Stift. Namensgeber ist der pietistische Bibelausleger Johann Albrecht Bengel (1687–1752).
Heute leben rund 100 Studierende in Wohngemeinschaften und Appartements im Haus in Tübingen-Derendingen, die meisten auf dem Weg ins Pfarramt oder in den Religionsunterricht. Inhaltlich steht das Bengelhaus für bibeltreue, pietistisch geprägte Theologie – verstanden als Gegengewicht zur historisch-kritischen Forschung der Universitäten.
Zu den prägenden Namen der Gründungszeit zählen der erste Rektor Peter Beyerhaus und der spätere württembergische Landesbischof Gerhard Maier, der ab 1973 als Studienleiter im Haus arbeitete. Seit September 2023 leitet Matthias Deuschle als Rektor das Haus, im Kollegium arbeiten neben Dirk Scheuermann die Pfarrer Friedemann Fritsch, Andreas Schmierer, Clemens Hanßmann und Maike Sachs sowie die Religionspädagogin Caroline Quiring und Doktorand Tobias Schade.