Der Himmel in Nordhessen ist noch bedeckt an diesem Freitagmorgen. Am Ettelsberg liegen noch die letzten Schneereste des Winters. Rund um das größte Hotel des Ortes stehen Autos mit Nummernschildern der ganzen Republik, was an sich nichts Ungewöhnliches ist, da der Ort auch als Wintersportziel bekannt ist. Doch in der Woche nach Ostern kommen Menschen hier zusammen, um „Spring“ zu feiern.
Die sechstägige Veranstaltung der Evangelischen Allianz in Deutschland steht für geistlichen Tiefgang, persönliche Zurüstung und ein riesiges Angebot an persönlichen Impulsen. Schon morgens um 9 Uhr haben die ersten Teilnehmer eine Joggingrunde hinter sich oder waren gemeinsam schwimmen. Aber nicht nur des Sports wegen, sondern auch um dabei über Gottes Wort nachzudenken.
Das Schwerpunktthema könnte in der aktuellen politischen Lage nicht besser gewählt sein. Der Kongress und die biblischen Inhalte stehen unter dem Motto „Friede mit Dir“. Fadi Krikor, Leiter eines christlichen Gäste- und Seminarhauses, wirbt in seiner Auslegung dafür, nicht den Kern des Glaubens aus dem Blick zu verlieren und den Frieden zu suchen und weiterzugeben: „Friede ist kein echter Friede, wenn die Wahrheit verschwiegen wird!“ Ziel müsse es sein, das Gegenüber zu erbauen und nicht zu demütigen: „Hör deinem Gegenüber ehrlich zu. Frieden wächst dort, wo Christus regiert und nicht dort, wo jeder gewinnt“, erklärte Krikor.
Krieg im eigenen Geburtsland
Der Frieden und Gottes Gedanken dazu ziehen sich wie ein roter Faden durch das Prograam. Die Unternehmensberaterin Ana Hoffmeister erzählte, wie sie 1985 mitten im Iran-Irak-Krieg in Teheran geboren wurde: „Heute wird mein Geburtsland wieder bombardiert. Wie kann Jesus von Frieden sprechen, wenn in unserer Welt immer wieder Krieg herrscht?“
Vermutlich sei es den Jüngern Jesu nach der Kreuzigung ähnlich gegangen, als ihnen Jesus Frieden gewünscht habe: „Jesus zeigt seine Wunden, weil der Friede, den er schenkt, genau mit diesen Wunden zusammenhängt.“ Hoffmeister rief die Christen dazu auf, ihre erlebte Realität mit der Realität Gottes zu konfrontieren: „Wir leben in beiden Realitäten, aber wissen, wo unser ultimatives Zuhause ist: Mit den Füßen auf der Erde, mit den Herzen im Himmel.“ Das gelte es einzuüben.
Der Filmemacher Alexander Zehrer berichtete über seine Dreharbeiten mit dem Youtuber Philipp Mickenbecker, den er 2021 in den Wochen vor seinem Tod begleitete. Die Zeit habe ihn gelehrt, das Leben vom Ende her zu betrachten und zu schauen, was wirklich wichtig ist. Der entstandene Kinofilm habe viele Menschen sehr bewegt und ihn dazu motiviert, mit „Parable Studios“ ein wertebasiertes Filmstudio aufzubauen.
Für Politiker beten, statt über sie zu schimpfen
Der Theologe Volker Gäckle von der Internationalen Hochschule Liebenzell lud die Menschen dazu ein, Versöhnung einzuüben. Er bemängelte, dass Politiker vermehrt Angriffen durch Hassbotschaften ausgesetzt seien. Christen müssten nicht allem zustimmen, aber sich auch kritisch fragen, wie oft sie über Politiker schimpfen und wie oft sie für sie beten. Überhaupt nahm das Gebet einen breiten Raum in den sechs Tagen ein: Immer wieder beteten die Menschen für Frieden in den Krisenherden der Welt, für Politiker, Kirchen und Beziehungen.
Und was „Spring“ noch ausmacht: Im Laufe der Woche konnten die Teilnehmer zahlreiche Konzerte aller Genres besuchen. Sehr besonders in Willingen ist auch das Angebot für Menschen mit geistiger Behinderung. Ein Team rund um den Verein „Dienet einander“ vermittelte die biblischen Geschichten für diese Zielgruppe in klarer und verständlicher Sprache: mit Musik, Theater und Impulsen.
Junge Erwachsene fanden in der „HomeLounge“ einen Ort zum Durchatmen und für Begegnungen. Auch für die noch Jüngeren gab es ein speziell zugeschnittenes Programm. Es gab fast nichts, was es nicht gibt. Seminare für Singles, alltagsnahe Angebote für Paare und Eltern sowie Impulse für die ganze Familie.
Musik, Theater und KI
Im Abendprogramm konnten die Gespräche des Tages vertieft werden, etwa mit dem baden-württembergischen CDU-Landtagsabgeordneten Christian Gehring. Auch musikalische Fähigkeiten konnte man unter Beweis stellen. So gab es neben dem Gospelchor auch wieder einen „Spring“-Posaunenchor, der im Seniorenheim oder im Kurpark aufspielte. Die Bretter, die die Welt bedeuten, konnte die Teilnehmer beim Improvisationstheater unter Beweis stellen.
Insgesamt gab es in diesen Tagen etwa 500 Angebote, die sich die rund 3.000 Besucher nach ihren eigenen Vorlieben zusammenstellen konnten. Auch die thematische Bandbreite der Seminar war riesig. Wer wollte, konnte sich Gedanken machen, wie er Künstliche Intelligenz für die Gemeindearbeit nutzen kann, aber auch, wie es gelingt, mit Kindergartenkindern über den Tod und das Sterben zu sprechen. In anderen Formaten konnte man den Umgang mit dem Thema Sucht oder vertiefen, wie man Menschen führt.
Wermutstropfen Preisgestaltung
Das „Spring“-Festival findet seit 1998 immer in der Woche nach Ostern statt. Seit 2010 ist das nordhessische Wilingen Austragungsort. Veranstalter ist die Evangelische Allianz in Deutschland, die es mit Hilfe von 400 Ehrenamtlichen ermöglichen will, dass Menschen an Leib und Seele auftanken können.
Die Bandbreite an Menschen, die das Konzept von „Spring“ im Blick hat, überzeugt: geistig Behinderte, Singles, junge und alte Menschen, aber auch Familien. Einziger Wermutstropfen dürfte die Preisgestaltung sein. Vermutlich wird sich nicht jeder das Angebot leisten können, der es möchte und dem es gut tun würde. Ein Ticket ohne Übernachtung für einen Erwachsenen geht bei 400 Euro los. Vielleicht kann man hier nachjustieren, damit noch mehr Menschen die „Spring“-Atmosphäre und aufsaugen können. Das nächste „Spring“-Festival findet vom 29. März bis 3. April 2027 statt. Das Motto wird dann „Deine Stimme“ sein.