Der britische Schriftsteller Anthony Burgess (1917–1993) ist vor allem bekannt durch seinen Roman „A Clockwork Orange“ (Uhrwerk Orange), der 1962 erschien. Berühmt wurde das Buch durch die Verfilmung von Stanley Kubrick. Der Roman spielt im England der nahen Zukunft. Der Teenager Alex nimmt Drogen und greift mit seinen Freunden aus Spaß wehrlose Opfer an. Die Justiz verurteilt ihn und wendet bei ihm ein neuartiges Experiment der Gehirnwäsche an.
Im Kern geht es im Roman um die Frage, ob ein Mensch zum Gutsein konditioniert werden sollte, oder ob dieser sich frei zu gutem Handeln entscheiden sollte. Er streift damit die religiöse Frage nach der Erbsünde, ob der Mensch also von Grund auf korrumpiert ist oder sich frei zu Gutem entscheiden kann.
Weniger bekannt ist sein Buch „The Man of Nazareth“, welches die Geschichte von Jesus nacherzählt. Es erschienen 1979 auf Englisch. Nun hat der Elsinor Verlag den Roman erstmals auf Deutsch übersetzt herausgegeben.
Burgess wurde 1917 in einem Vorort von Manchester geboren. Seine Eltern waren katholisch. Er studierte Englische Literatur und wollte danach ursprünglich Komponist werden. Burgess diente in der britischen Armee, unter anderem in Gibraltar. In den 1950er Jahren arbeitete er als Lehrer im damaligen Kolonialgebiet Singapur. Als Ärzte ihm 1959 fälschlicherweise einen unheilbaren Hirntumor diagnostizierten und ihm noch ein Jahr zu leben gaben, schrieb Burgess fünf Romane in nur zwölf Monaten, um seine Frau finanziell abzusichern. Er überlebte die Fehldiagnose um 33 Jahre und wurde zu einem der produktivsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts.
Skeptischer Blick auf die Bibel
In seinem Roman über Jesus von Nazareth greift Burgess auf die Evangelien zurück, aber auch auf die Apokryphen, antike Historiker, John Miltons „Paradise Regained“ und Oscar Wildes „Salome“. Die Erzählerfigur ist ein gebildeter Geschichtenerzähler des 1. Jahrhunderts, der die Begebenheiten um Jesus schildert, aber auch skeptisch kommentiert.
Dabei ist Humor Teil der Erzählung, manche biblische Überlieferung deutet er um. Im Roman wird auch die Zeit zwischen Jesu Geburt und dem Beginn seines Wirkens als Prediger geschildert. Bei Burgess findet Jesus eine Ehefrau – die Hochzeit zu Kana macht der Autor zu Jesus‘ eigener Hochzeit – doch die stirbt, und er ist dann ein kinderloser Witwer. Der Verlag spricht von einer Erzählung, die „für Gläubige immer wieder interessante Denkanstöße bereithält, während auch diejenigen, die Kirche und Religion fern stehen, humorvoll und intelligent unterhalten werden“.
Gegenüber „Domradio“ sagte der Verleger Thomas Pago: „Die Bibel nimmt Burgess schon ernst. Er war religiös katholisch geprägt, hat sich aber als Erwachsener von der Kirche stärker distanziert. Er war dennoch ein gläubiger Mensch. Er nimmt die Bibel und gerade die Figur Jesu sehr ernst.“ Weiter sagte Pago: „Wir lernen einen sehr charismatischen Prediger kennen. Burgess hat wahrscheinlich zu Recht gefolgert, dass ein Mann, der eine solch enorme Wirkung auch auf seine Zeitgenossen hatte, der vor großen Menschenmengen predigte und eine neue Religion begründete, kein blasser, schwächlicher Mann mit leiser Stimme gewesen sein kann.“
Anthony Burgess: „Der Mann aus Nazareth“, übersetzt von Ludger Tolksdorf, Elsinor Verlag, 372 Seiten, ISBN 978-3-942788-93-9, 28,00 Euro