Kommentar

Wer stürzt den Diktator?

In vielen Ländern herrschen Diktatoren und Autokraten. Proteste lassen sie niederschießen, Wohlstand, Freiheit und Bürgerrechte bleiben für die meisten Menschen dort ein Traum. Warum also nicht einfach einmarschieren?
Von PRO
Schach

Das Jahr war noch keine drei Tage alt, da sorgte die US-Regierung für Schlagzeilen, die um die Welt gingen: In einer exakt geplanten und vorbereiteten Aktion drangen militärische Spezialkräfte in die Villa des Präsidenten von Venezuela ein, nahmen Machthaber Nicolás Maduro und seine Frau fest und brachten sie nach New York. Dort sollte er wegen Drogenverbrechen angeklagt werden. Während manche empört auf das Völkerrecht verwiesen, jubelten andere darüber, dass die Welt einen Diktator weniger hatte. Ähnlich ist es nun nach dem Angriff Israels und der USA auf den Iran.

Rechtfertigt der Zweck das Mittel? Es gibt noch eine ganze Reihe anderer Diktatoren und Autokraten, die ihre Bevölkerung unterdrücken. Im Iran zum Beispiel gingen die Mullahs brutal gegen die Menschen vor, die auf den Straßen für Freiheit demonstrieren. Rechtfertigt ihre Gewalt, dort und anderswo militärisch einzugreifen? In der PRO-Redaktion sind uns bei dieser Frage unterschiedliche Argumente wichtig.

Gottlose Macht führt ins Verderben

Die Debatte ums Völkerrecht zeigt vor allem eines: dass wir Gott brauchen. Die Menschheit hat alle möglichen Ordnungen und Systeme geschaffen, um unser Zusammenleben zu regeln. Wer in einem Rechtsstaat gegen Gesetze verstößt, wird zur Verantwortung gezogen. Das ist gut. International sieht es anders aus. Dort gilt, Völkerrecht und Menschenrechten zum Trotz, das Recht des Stärkeren. Die Vereinten Nationen sollten nach den Schrecken zweier Weltkriege die Ordnungsmacht sein, die zukünftiges Leid verhindert. Ein paar Mal hat das funktioniert. Sobald aber Großmächte beteiligt sind, ob direkt oder indirekt, ist jeder Völkerrechts-Artikel wertlos.

Wenn Iran die eigene Bevölkerung massakriert, wenn Russland die Ukraine überfällt und zuhause jede Kritik unterdrückt, wenn China Christen das Leben schwer macht, sind zwei Dinge sicher: Es handelt sich um schwere Menschenrechtsverletzungen. Und: Die Vereinten Nationen werden nichts Wirksames tun, weil Vetomächte dies verhindern. Wie also handeln?

Es ist wohlfeil, sich auf dem Völkerrecht auszuruhen und zu meinen, solange man es nicht breche, wandle man auf dem richtigen Pfad. Man gleicht dann dem Fußgänger, der der gestürzten Oma nicht aufhilft, weil er dazu eine rote Ampel überqueren müsste.

Doch mächtige Staaten, die sich aus angeblich hehren Motiven über das Völkerrecht hinwegsetzen und anderswo intervenieren, brauchen dafür beste Gründe und einen klaren Kompass. Sie brauchen eine Instanz, der sie sich unterordnen und von der sie sich in ihren Machtoptionen freiwillig beschneiden lassen, weil sie wissen, dass sonst Chaos und Willkür drohen. Die wissen, dass sie nur im Vorletzten leben. Und dass sie am Ende vor einer Instanz geradestehen müssen, die nicht von der Macht korrupter Herrscher abhängt: Jesus Christus, Richter und Erlöser zugleich.

Nicolai Franz

Macht es euch nicht zu leicht

„Wer aufs Völkerrecht scheißt, ist Verfassungsfeind.“ Entschuldigen Sie den Ausdruck, es ist ein „X“-Zitat des Journalisten Tilo Jung. Nach dem Sturz von Nicolás Maduro durch die USA echauffierte er sich mit diesen Worten darüber, dass eine Gruppe mit dem Titel „Neoliberale Aktion“ das Völkerrecht kritisiert und Maduros Entführung begrüßt hatten.

Ist es wirklich so einfach? Wer das Vorgehen gegen einen Diktator gutheißt, der ist kein Demokrat? Oder könnte man das nicht auch andersherum sehen: Wer Menschen leiden lässt, der ist Menschenrechtsfeind. Wer nicht handelt, wenn Diktatoren in Venezuela, im Iran, in Syrien oder Russland morden, foltern, verstümmeln, verhungern lassen, während sie selbst sich bereichern, der ist kein Menschenfreund. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, steht als erster Satz in der deutschen Verfassung. Wie kann man diesem Satz gerecht werden, wenn man zuschaut und nicht alles Mögliche tut, um diese Würde zu schützen?

Einer, der sich viele Jahre seines Lebens mit dieser Frage auseinandergesetzt hat, ist  Dietrich Bonhoeffer. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er den kurz gezogenen Schluss von Tilo Jung zurückgewiesen hätte. Ebenso sicher bin ich mir, dass er zum US-Eingriff gegen Maduro mindestens ein paar Fragen gehabt hätte. Denn einerseits kam er zu der Überzeugung, dass ein Tyrannenmord manchmal der einzige Weg sein kann, um größeres Leid zu verhindern. Andererseits war er auch der Meinung, dass, wer tötet, Schuld auf sich lädt. Nun ist Maduro nicht gestorben. Aber der Sachverhalt ist durchaus übertragbar: Manchmal ist Gewalt notwendig. Aber sie ist nicht leichtfertig einzusetzen. Sie ist immer das letzte Mittel.

Sicher war sich Bonhoeffer in einer weiteren Sache: „Tatenloses Abwarten und stumpfes Zuschauen sind keine christlichen Haltungen. Den Christen rufen nicht erst die Erfahrungen am eigenen Leibe, sondern die Erfahrungen am Leibe der Brüder, um derentwillen Christus gelitten hat, zur Tat und zum Mitleiden.“ Zur Tat, steht da. Was bedeutet das für staatliches Handeln mit Blick auf den Iran oder andere internationale Schurkenregierungen?

Das letzte Mittel, so bin ich überzeugt, ist das Eingreifen, um unschuldige Menschenleben vor blutrünstigen Diktatoren zu schützen. Sicher nicht in jedem Fall, und doch muss jeder einzelne sorgsam abgewogen werden. Wer den Blick abwendet und blind auf das Völkerrecht verweist, es als Rechtfertigung für internationales Schweigen missbraucht, der führt dessen eigentlich Sinn ad absurdum. Oder um die Worte Jungs noch einmal zu bemühen: Wer sich mit einfachen und automatisierten Antworten begnügt, anstatt die Würde des Menschen in den Mittelpunkt zu stellen, ist Verfassungsfeind.

Anna Lutz

Auf das Ende schauen

Bei einer Podiumsdiskussion an unserer Schule ging es Anfang der 2000er Jahre um den Irakkrieg. Eine Frau aus dem Publikum fragte, warum die Amerikaner nicht einfach eine Spezialeinheit in Saddam Husseins Gemächer schickten, um den Diktator zu töten – statt das ganze Land mit Bomben und Panzern heimzusuchen. Die Bemerkung wurde allenthalben belächelt und abgetan, an die genauen Argumente erinnere ich mich nicht mehr. Doch ich musste daran denken, als US-Spezialkräfte Anfang des Jahres den venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro daheim verhafteten und außer Landes brachten. Es geht also doch. Warum dann nicht öfter? Schließlich gibt es genug Tyrannen auf der Welt.

Ich gönne den Venezolanern und allen anderen Menschen Freiheit von ihrem Unterdrücker. Oft genug treffen Repressalien in autoritären Regimen auch Christen. Doch ich halte es für zweifelhaft, Trumps militärischen Coup nun als Heldentat zu feiern. Denn kein Land handelt rein aus Solidarität oder Nächstenliebe für die Unterdrückten. Es geht immer um wirtschaftliche Interessen (Rohstoffe), um Macht (Einflussbereich vergrößern) und andere politische Interessen (gefällige Akteure in wichtige Positionen bringen).

Und immer – auch jetzt im Iran – stellt sich die Frage: Wer oder was folgt auf den gestürzten Diktator? Bringt ein Regimewechsel tatsächlich Freiheit oder kommt das nächste System, das seine Kritiker mundtot macht? Es kann durchaus sein, dass sich Dinge für die Bevölkerung verbessern. Die Bibel rät, darauf zu schauen, was am Ende herauskommt. Das kann auch bei der Beurteilung des Tyrannensturzes helfen.

Jonathan Steinert

Dieser Beitrag ist in der Ausgabe 1/2026 des Christlichen Medienmagazins PRO erschienen. Sie können die Ausgabe hier bestellen.

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