Sie schütteln sich, sie jauchzen, bewegen sich wie in Trance, beten laut, manchmal sogar schreiend zu Gott. Sie singen, sie räkeln sich auf dem Boden, sie heben einander in die Luft und tanzen beseelt, mal im Wald, mal auf engstem Innenraum. Nein, bei dieser Freikirche handelt es sich nicht um eine pfingstlerisch-charismatische Gruppierung, wie man sie so ausgelassen vor allem aus dem US-amerikanischen oder afrikanischen Raum kennt.
Was der Zuschauer im Film „The Testament of Ann Lee“ sieht, sind die sogenannten „Shaker“. Eine evangelische Freikirche, die im 18. und 19. Jahrhundert in den USA wirkte. Nicht nur die geistliche Hingabe macht sie besonders. Die „Shaker“ wurden 1774 von einer Frau, eben jener Ann Lee, gegründet. In einer Zeit also, in der es eigentlich nicht einmal Predigerinnen gab und die Leitung von Kirchen allein Männern oblag.
Der Film, der am Donnerstag auf der Berlinale seine Deutschlandpremiere feierte, zeigt Ann Lee zunächst als Kind im England des 18. Jahrhunderts: Wie sie einerseits Gott sucht, andererseits zutiefst abgeschreckt ist von der Sexualität ihrer Eltern, die sie auf engstem Raum lebend zwangsweise mitbekommt. Als Erwachsene (dann gespielt von Amanda Seyfried) heiratet sie einen ebenfalls gottesfürchtigen Mann, gibt sich, wie es von einer Ehefrau erwartet wird, seinen sexuellen Wünschen hin und wird schwanger. Vier Kinder bringt sie auf die Welt. Sie alle sterben im ersten Lebensjahr.
Flucht vor dem Leid
Mit diesem Leid beginnt die eigentliche Geschichte der Ann Lee. Die Geschichte einer Kirchengründerin und zutiefst Gottesfürchtigen. Zunächst fasziniert von einem methodistischen Prediger, findet sie ihr geistliches Zuhause bei den Quäkern, einer bibeltreuen Erweckungsbewegung, die sich unter anderem dem sozialen Dienst am Nächsten verpflichtet sah. Doch die Gruppe, die sich im Wohnzimmer eines Ehepaares in Manchester versammelt, feiert eigenwillige Gottesdienste. Öffentliche Beichte und die Hingabe zu Gott sind der Dreh- und Angelpunkt ihrer Anbetung. Die Versammlungen wirken wie Orgien ohne Sex, es wird gestöhnt, sich geräkelt, Hände und Beine fliegen in die Lüfte. So, da sind die Christen überzeugt, können sie Gott begegnen.
Schon bald tut sich Ann Lee in der Gruppe als besonders fromm hervor. Sie fastet bis zur absoluten Erschöpfung, hat göttliche Visionen und will ihre Kirche nicht nur neu ausrichten, sondern auch all den verlorenen Seelen auf der Straße Erweckung predigen. Um vor Gott gereinigt zu sein, da ist sie sich sicher, soll jeder Mensch, egal, ob verheiratet oder nicht, enthaltsam leben. Sexuelles Begehren ist für sie die große Sünde des Menschen. Der Zuschauer darf ahnen: Für Ann Lee ist dieser Glaube auch ein Weg, dem Kreislauf aus sexueller Nötigung, schmerzhaftem Gebären und dem sich immer wiederholenden Verlust eines geliebten Kindes zu entkommen.
Nicht nur wegen dieser Idee gerät sie mit dem Staat in Konflikt. Ann Lee marschiert fortan in Gottesdienste und ruft die Kirchenbesucher zum wahren Glauben und zur Umkehr auf. Und das auch noch als Frau. Eines Tages jedoch hört sie von Amerika. Bei den Siedlern, so heißt es, herrsche Religionsfreiheit. Jeder könne glauben und predigen, wie er oder sie wolle. Nur eine göttliche Vision später begibt sie sich mit einem Dutzend Mitstreitern auf den beschwerlichen Weg in die USA, um ihrer Kirche ein neues Zuhause zu geben.
Die „Shaker“ als Menschenrechtler
Es ist geradezu verrückt, dass ausgerechnet die so weltabgewandt und zugleich ekstatisch entrückt agierenden „Shaker“ Regisseurin Mona Fastvold für ein so positives Porträt einer Freikirche dienen. Sie schont den Zuschauer nicht, was die religiösen Praktiken angeht. Gerade im ersten Drittel des Films verursacht das Schütteln, Zappeln und Stöhnen bei manchem Kinobesucher wohl ordentliches Unbehagen. Doch je weiter der Film fortschreitet, desto mehr verwandelt sich das anfängliche Chaos in choreografierten Tanz, hier und da untermalt mit Gesang, der so eingängig auch heute noch seinen Platz in Freikirchen hätte.
Trotz all ihrer Eigenwilligkeiten sind es in diesem Film die „Shaker“, die in Amerika angekommen, den dortigen Sklavenhandel ablehnen. Zwar dienen sie dem Staat, indem sie das Land bebauen und Menschen bei sich aufnehmen. Wohl aber sind sie gegen Gewalt und wollen sich als Pazifisten nicht am Unabhängigkeitskrieg beteiligen. Sie bieten Heimatlosen ein Zuhause, suchen ihr Seelenheil nicht nur bei Gott allein, sondern auch in der stetigen Arbeit, errichten eindrucksvolle Gebäude und schaffen mit den eigenen Händen Mobiliar und landwirtschaftschafliche Geräte. Dass diese Freikirchler weder Last sind noch Schaden anrichten, ja sich sogar für grundlegende Menschenrechte einsetzen, scheint offensichtlich. Und dennoch, haben sie Feinde, wie wohl jede Gruppe, die einem unabrückbaren Glauben anhängt.
Fastvolds Film, der hier außerhalb des Berlinale-Wettberwebs lief, ist ein lautes Plädoyer für Religionsfreiheit und religiöse Akzeptanz. Wer das Kino verlässt hört Ann Lee, die ihren leiblichen Kindern keine Mutter sein durfte, am Ende aber für so viele sorgte, noch lange singen: „I hunger and thirst. After true Righteousness.“ Also: „Ich bin hungrig und durstig nach echter Gerechtigkeit.“ Schön, dass die Berlinale zeigt: Religiöse Überzeugung kann diesen Hunger wecken – und Weltverbesserer hervorbringen.