Filmkritik

Afghanistan und das Ende der Hoffnung

Der Eröffnungsfilm des diesjährigen Filmfestivals Berlinale widmet sich der Machtergreifung der Taliban in Afghanistan. „No Good Men“ zeigt den Weg einer Kamerafrau in Kabul, die auf mehr Gleichberechtigung hofft. Dann stürzt das Land ins Chaos.
Von Anna Lutz

„Es gibt keine guten Männer in Afghanistan.“ Diese Erkenntnis zieht sich durch die internationale Produktion „No Good Men“, der am Donnerstag das Filmfestival Berlinale eröffnet hat. Geäußert wird er zum einen von der Hauptfigur Naru, einer Kamerafrau in Kabul im Jahr 2021. Jener Zeit also, bevor die US-Truppen abzogen und die Taliban noch nicht die Macht ergriffen hatten.

Zunächst arbeitet sie bei einer TV-Sendung, in der verzweifelte Frauen Tipps von Experten zum Thema Schönheit und Liebe bekommen können. Etwa: Was soll ich tun, wenn mein Mann anderen Frauen nachschaut, weil ich nach dem vierten Kind nicht mehr so hübsch bin? Die Antwort vom männlichen Ratgeber und Arzt in der Show: Mehr Schminke auflegen!

Doch Naru strebt nach Höherem. Sie – gerade frisch getrennt von ihrem Ehemann, der zu faul zum Arbeiten ist und nur auf ihr Geld aus – will echte Nachrichten machen. So nutzt sie ihre Gelegenheit als ein männlicher Kollege ausfällt und bringt sich ins Spiel. Nach anfänglicher Vorbehalte der fast ausschließlich männlichen Belegschaft von „Kabul News“ darf sie mit zum Dreh eines Interviews mit einem führenden Vertreter der Taliban, die sich damals in der Opposition befinden. Dieser bricht das Interview aber sofort ab, als ihr Kopftuch versehentlich in den Nacken rutscht. 

„Es gibt keine guten Männer in Afghanistan“

Starreporter Qodrat verdonnert sie daraufhin dazu, eine Straßenumfrage zum Thema Valentinstag zu machen. Und siehe da: Ausgerechnet die Frauen in der Kabuler Innenstadt öffnen sich der weiblichen Leidensgenossin und berichten von Gewalt und Lieblosigkeit in der Ehe. Da ist es dann wieder, dieses Mal geäußert von einer 67-jährigen Afghanin auf der Straße: „Es gibt keine guten Männer in Afghanistan.“ Naru gelingt dadurch der Durchbruch. Plötzlich ist sie gefragt – weil sie es im Gegensatz zu den männlichen Kollegen schafft, dass die Frauen sich auch vor der Kamera wagen, ehrlich zu sprechen. 

Bis hierhin ist der Film ebenso gesellschaftkritisch wie witzig, doch er bleibt da nicht stehen. Stattdessen entspinnt sich im Verlauf eine teils etwas zu kitschige Liebesgeschichte zwischen Qodrat und Naru, die zu enden scheint, als Naru merkt: Auch der Reporter gehört eigentlich zu den schlechten Männern, denn auch er hat Frau und Kind zu Hause, scheint sie aber wenig zu würdigen und liebäugelt stattdessen mit ihr. 

Foto: Alexandra Polina
Shahrbanoo Sadat hat bei „No Good Men“ Regie geführt und spielt die Hauptrolle

Ganz nebenbei erzählt Regisseurin Shahrbanoo Sadat, die in großartiger Leistung zugleich die Hauptfigur spielt, vom Alltag afghanischer Frauen, die schon vor der Machtergreifung der Taliban der männlich dominierten Gesellschaft ausgeliefert waren. Von Selbstmordattentaten, die fast als Normalität erscheinen und im Laufe des Films immer wieder die Leben der Protagonisten durchschütteln. Und vom weiblichen Mut, der Früchte trägt. So setzt sich Naru einmal etwa demonstrativ in den Männerbereich eines Restaurants – und darf dort auch bleiben. Ja, auch so kann der Kampf gegen ein islamistisches Patriarchat aussehen.

Dann kommt der 14. April 2021, jener Tag, an dem der damalige US-Präsident Joe Biden den Abzug seiner Truppen aus Afghanistan verkündet – und das Land endgültig ins Chaos stürzt. Die Taliban läuten das Ende der Pressefreiheit in Kabul ein und plötzlich befinden sich Naru und Qodrat in Lebensgefahr. 

„No Good Men“ ist ein würdiger Berlinale-Eröffnungsfilm, der eindrücklich an die Bilder erinnert, die 2021 wohl jeder in den Nachrichten gesehen hat: Menschen, die eng gedrängt am Kabuler Flughafen darauf hoffen, noch fliehen zu können, um nicht von den Islamisten getötet oder unterjocht zu werden. Der Rest ist Geschichte und gegenwärtige Realität. Was in Afghanistan passiert ist und bis heute passiert, so mahnt dieser Film, der außerhalb des Berlinale-Wettbewerbs läuft, darf nicht vergessen werden.

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