Turiner Grabtuch jetzt online

Erstmals ist das Turiner Grabtuch in digitaler Form allen Interessierten weltweit zugänglich. Die Erzdiözese Turin startete eine Webseite, auf der das Tuch genau betrachtet werden kann. Darin soll der verstorbene Jesus eingewickelt gewesen sein.
Von Jörn Schumacher
Das linke Bild zeigt das Positivbild des Gesichts im Turiner Grabtuch auf der Negativ-Fotoplatte von Secondo Pia in hoher Auflösung, das rechte Bild zeigt das entwickelte Foto

Auf der Internetseite avvolti.org können Besucher digitale Aufnahmen des Turiner Grabtuches betrachten. So können sie das berühmte Gesicht, aber auch die angeblichen Spuren der Wundmale und der Dornenkrone genauer untersuchen. Texte auf Englisch, Italienisch, Spanisch und Französisch erklären die wichtigsten Stellen. Außerdem wird auf die entsprechenden Texte im Neuen Testament verwiesen, die vom Leiden und Tod Jesu berichten.

Die Initiatoren möchten mit dem „Avvolti“ (zu deutsch: eingehüllt) genannten Projekt, Gläubigen und Interessierten einen niedrigschwelligen Zugang zum Grabtuch ermöglichen. Dabei legen sie einen besonderen Wert darauf, wissenschaftliche Genauigkeit mit einer verständlichen Darstellung zu verbinden.

Kardinal Roberto Repole, Erzbischof von Turin und kirchlicher Hüter des Grabtuchs, kündigte das Projekt bereits im vergangenen Jahr offiziell an. Das italienische Wort „Avvolti“ stehe einerseits für das Tuch, andererseits aber auch für „Bedecken“ oder auch „Umarmen“, und damit das Gefühl, von der Faszination für Jesus und von Gott „umarmt“ zu werden, erklärte der Geistliche.

Eine der wichtigsten Reliquien der Katholischen Kirche

Das Tuch liege zwar in einer Turiner Kirche, solle aber der gesamten Kirche zur Verfügung stehen. Wer auf dieses Kleidungsstück schaue, könne gewissermaßen mit dem historischen Jesus Kontakt aufnehmen. „Mit seiner Passion, seinem Tod, seiner Auferstehung, dem Herzen des christlichen Glaubens also.“

Repole erklärte: „Das Turiner Grabtuch zu lesen, bedeutet, nachzuempfinden, was die Evangelien beschreiben.“ Für alle Skeptiker sei die digitale Repräsentation des Tuches eine Gelegenheit, sich selbst zu überzeugen. Jesus habe seinen Jüngern die Frage gestellt: „Wer sagen die Leute, dass der Menschensohn sei?“ Das digitale Grabtuch habe die Kraft, auch Nichtgläubigen diese Frage zu stellen. Das digitale Projekt steht im Zusammenhang mit dem 2.000-jährigen Jubiläum der Ereignisse um Passion und Auferstehung im Jahr 2033, das der Papst deswegen zum „Heiligen Jahr“ ausgerufen hat.

Das 4,36 Meter lange und 1,10 Meter breite Leinentuch aus dem Turiner Dom gilt als eine der wichtigsten Reliquien der Katholischen Kirche. Schemenhaft sind darauf die Umrisse eines Mannes zu sehen. Die für eine Kreuzigung typischen Wundmerkmale an Händen und Füßen sind zu erkennen. Spuren einer Geißelung auf dem Rücken sind ebenfalls vorhanden.

Für gläubige Katholiken stellt das Tuch das Grabtuch dar, in welches Jesus bis zur Auferstehung eingewickelt war. Papst Johannes Paul II. nannte es „eines der erschütterndsten Zeichen der leidenden Liebe des Erlösers“. Kritiker bezweifeln schon seit 1389, dass das 1357 erstmalig der Öffentlichkeit präsentierte Leinentuch echt sei.

Streitereien über die Authentizität

Als 1898 ein Foto des Tuches gemacht wurde, fiel beim Entwickeln auf, dass auf dem Bild im Negativ mehr Details zu sehen sind. Diese Erkenntnis löste eine neue Popularität des Tuches aus, der sich wissenschaftliche Untersuchungen anschlossen. 1578 gelangte das Grabtuch in die Kathedrale von Turin, wo es bis heute in einer eigens dafür errichteten Kapelle aufbewahrt wird. Seitdem wurde es nur selten öffentlich ausgestellt.

Über die Authentizität des Turiner Grabtuches wird seit vielen Jahrzehnten gestritten. Verschiedene wissenschaftliche Methoden sollen das Alter des Grabtuchs auf die Zeit zwischen 1260 und 1390 datiert haben. Erst 2022 besagte eine Forschungsarbeit des Instituts für Kristallographie des italienischen Nationalen Forschungsrats, dass das Alter des Turiner Grabtuchs 2.000 Jahre betragen dürfte. Darauf deuteten die Struktur und das Zellulosemuster der Leinen hin. Laut der Studie, die auf der Open-Access-Plattform MDPI veröffentlicht wurde, waren die Datenprofile kompatibel zu einer Leinenprobe, die in Israel gefunden wurde und aus der Zeit um 55 bis 74 n. Chr. stammt.

Mithilfe von KI-Algorithmen, die feine Details und Strukturen erkennen können, wurde ein Bild erstellt, das das Gesicht eines Mannes mit langem Haar, Bart und Wundmalen zeigt – Merkmale, die traditionell mit Jesus Christus in Verbindung gebracht werden. Daraus wiederum rekonstruierten Grafiker ein 3D-Gesicht. Zuletzt erschufen Nutzer der KI-Software „Midjourney“ 2024 ein Bild und ein Video von Jesus mithilfe des Turiner Grabtuches. Darauf hat Jesus Ähnlichkeit mit vielen klassischen kunsthistorischen Darstellungen des Messias, samt schulterlangen Haaren und Bart.

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