Zwischen Freude und Sorge

Iranische Christen in Deutschland blicken mit gemischten Gefühlen auf den Krieg in ihrer früheren Heimat: Neben Hoffnung und der Freude über den Tod Ajatollah Khameneis steht die Sorge um Angehörige und vor der ungewissen Zukunft.
Von PRO
Teheran Iran

„Unsere Leute sind im emotionalen Mixer“, sagt Pfarrer Gottfried Martens über die Menschen in seiner Gemeinde. Seit 14 Jahren arbeitet er mit seiner Evangelisch-Lutherischen Dreieinigkeits-Gemeinde in Berlin-Steglitz und als Pfarrer insbesondere mit iranischen Christen. Er gibt Taufunterricht und Seelsorge, begleitet Geflüchtete bei Behördengängen oder in Gerichtsverfahren zum Asylrecht. Derzeit fürchteten viele in seiner Kirche um Angehörige im Iran. Schlimmer noch, durch das Abschalten des Internets dort sei niemandem von ihnen eine Verbindung zu Frau, Kindern oder auch den Eltern möglich. Dennoch: „Die Freude über das Ende von Ali Khamenei ist riesig.“ Am 28. Februar kam der ehemalige religiöse Führer des Landes Medienberichten zufolge bei den Angriffen Israels und der USA ums Leben. 

Ansonsten sei der Blick auf den Krieg unter den Iranern in seiner Gemeinde ambivalent: Viele hätten Angst, dass ihre Angehörigen von Raketen getroffen würden. Manche freuten sich über die Angriffe, andere fürchteten, sie verschlimmerten die Lage vor Ort noch. Und auch, wer nun die Nachfolge Khameneis antreten solle, sei unter den Iranern umstritten. „Wir müssen als Christen lernen, unterschiedliche politische Auffassungen haben zu können und dennoch als Geschwister zu leben“, sagt er. „Da gibt es gerade eine starke Emotionalität in der Gemeinde.“ Für ihn als Seelsorger gebe es nun vor allem eine wichtige Aufgabe: „Zu zeigen, was es heißt, dass unser gemeinsamer König Jesus Christus ist.“

Er selbst blickt eher skeptisch in die Zukunft des Iran: „Ich sehe, dass die herrschende Klasse alles tun wird, um an der Macht zu bleiben. Ich hoffe, dass nicht zu viel Blut vergossen wird.“ Und was, wenn der Frieden wirklich kommt? Würden seine Gemeindeglieder dann zurückkehren in ihre alte Heimat? „Ganz viele sind mittlerweile deutsche Staatsbürger und werden wohl nicht zurückgehen. Aber selbst die, die es nicht sind, sagen mir, dass die Menschen im Iran sich sehr verändert haben und sie da nicht mehr leben könnten. Sie freuen sich, dass die Mullahs weg sind und sie deshalb vielleicht künftig leichter zu Besuch dorthin fahren können. Aber dort leben würden sie eher nicht.“

Weitere Perspektiven von iranischen Christen in Deutschland

„Ich habe die Islamische Revolution miterlebt. Seit mehr als 30 Jahren lebe ich in Deutschland und gehöre zu einer baptistischen Gemeinde. Als Baptistin habe ich Politik und Glauben immer getrennt und gesagt: Ich mische mich nicht ein, ich bin Pastorin und für meine Leute da. Aber seit zwei Monaten sehen wir, wie dieses Regime Menschen ermordet – zehntausende Menschen in wenigen Tagen. Das ist unerträglich. Deshalb stehe ich jetzt voll hinter meinen Landsleuten, die seit 47 Jahren von diesem Regime schikaniert und ermordet werden. In dieser Zeit ist ein eigentlich reiches Land verarmt. Ich bete dafür, dass Gottes Wille geschieht und dass meine Landsleute die Person in der politischen Führung bekommen, die wirklich ein Herz für sie hat. Das Volk will den Kronprinzen, und ich stehe dahinter, auch weil er von Anfang an gesagt hat, dass weder der Islam noch eine andere Religion das Land beherrschen soll. Ich lebe in Deutschland, deshalb will ich den Menschen im Iran nicht vorschreiben, wer regieren soll. Was sie entscheiden, das unterstütze ich. Mein Land war einmal frei – Frauen waren Richterinnen und Pilotinnen. Dafür bete ich: dass der Iran wieder frei wird.“

Pastorin einer Freikirche

„Ich nehme die Stimmung im und außerhalb des Landes als angespannt wahr. Ich bin erschüttert über diesen Krieg und traurig darüber, wie viele unschuldige Menschen und Kinder dabei sterben. Mir liegen Freiheit und Frieden für den Iran sehr am Herzen. Ich halte es im Moment, insbesondere nach dem Tod Khameneis, aber für eher unwahrscheinlich und bin besorgt um die Zukunft des Irans. Was die Christen im Iran angeht, werden Kirchen und deren Mitglieder, die aus der Missionsarbeit hervorgegangen sind, seit der islamischen Revolution aufgrund ihrer Verbindungen zum Westen einer schärferen Überwachung und Verfolgung ausgesetzt. Wie es ihnen in der aktuellen Kriegssituation ergeht, lässt sich nicht genau sagen.“

Dr. hab. Naghmeh Jahan, Privatdozentin für Religionswissenschaft, Universität Jena

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