Am Abend sitze ich in einem Café in Dohuk im Norden des Irak. Männer schauen Fußball, Familien sind unterwegs, Gespräche, Lachen, Alltag. Nichts daran passt zu dem Bild, das Viele in Deutschland mit dem Irak verbinden.
Und genau darin liegt die Irritation.
Ich reiste Anfang April in die Region Kurdistan-Irak, während der Krieg zwischen Iran, Israel und den USA die ganze Region verunsicherte. Der irakische Luftraum war zeitweise geschlossen, viele internationale Akteure hatten ihre Präsenz reduziert oder das Land verlassen. Ich bin trotzdem gereist. Nicht weil es kein Risiko gab, sondern weil Beziehungen in Krisenzeiten nicht pausieren.
Ich arbeite als politischer Fürsprecher für Religionsfreiheit im Irak. Meine Aufgabe ist es, Beziehungen zu religiösen, politischen und zivilgesellschaftlichen Akteuren zu pflegen, ihre Anliegen zu verstehen und sie in Deutschland in Politik, Kirche und Öffentlichkeit einzubringen.
Auf dieser Reise wurde mir erneut deutlich, wie schnell unser Blick von außen zu kurz greift. Wir sehen Krise, Unsicherheit und Minderheiten, die Schutz brauchen. Das alles stimmt. Aber es ist nicht die ganze Wirklichkeit.
Ein Beispiel dafür ist Khider Domle, ein jesidischer Friedensakteur in Dohuk. Bei einem festlichen Anlass saß ich in einem Raum mit weit über hundert Menschen. Khider hatte dafür gesorgt, dass ich direkt neben Baba Sheikh, dem geistlichen Oberhaupt der Jesiden, und Mir Hazem, ihrem weltlichen Oberhaupt, Platz nahm.
In solchen Situationen entstehen Gespräche nicht automatisch. Menschen sitzen würdevoll beieinander, oft ruhig und ernst. Khider begann deshalb, behutsam eine Brücke zu bauen. Er stellte Bezüge her, übersetzte und brachte uns ins Gespräch. Ohne seine Initiative wäre wohl keine wirkliche Begegnung entstanden.
Daran wurde sichtbar: Verantwortung zeigt sich nicht nur in offiziellen Ämtern. Sie zeigt sich auch darin, Menschen zu verbinden und dafür zu sorgen, dass Anliegen gehört werden.
Ein zweites Beispiel ist Samer Zebary, Mitgründer der Organisation „Progress in Peace“. Auf dieser Reise traf ich ihn in einem Café. Seine Arbeit kenne ich seit Jahren. Zweimal war ich selbst bei einem Peace Camp dabei, das er mitverantwortet hat. Dort kamen Christen, Jesiden und Muslime, Frauen und Männer, für mehrere Tage zusammen. Es ging um Kultur, Verletzungen, Vergangenheit und Versöhnung. Gespräche wurden möglich, die am ersten Tag kaum denkbar gewesen wären.
Auch Ano Abdoka zeigt diese Form von Verantwortung. Er ist ein christlicher Politiker und Minister in der Regionalregierung Kurdistan-Irak. Auf dieser Reise nahm er mich zu öffentlichen Terminen mit, ich verbrachte Zeit mit seiner Familie, wir aßen zusammen und sprachen über politische und persönliche Fragen.
Wenn Begegnungen den Blick verändern
In der Region ist gemeinsame Zeit eine hohe Vertrauenswährung. Was ich über seine Rolle sage, ist eine Beobachtung aus acht Jahren Beziehung und Freundschaft. Ano trägt Verantwortung in einem mehrheitlich muslimischen Umfeld. Er weiß, dass Christen aus eigener Kraft keine politischen Mehrheiten bilden können, und engagiert sich trotzdem politisch. Zugleich bemüht er sich, christliche Akteure miteinander ins Gespräch zu bringen.
Solche Begegnungen verändern den Blick auf die Region. Sie ist nicht nur ein Ort, an dem Menschen auf Hilfe warten. Sie ist auch ein Ort, an dem Menschen Verantwortung übernehmen.
Das bedeutet nicht, die Lage schönzureden. Christen, Jesiden und andere Minderheiten stehen weiterhin unter Druck. Viele Familien sind ausgewandert. Viele junge Menschen fragen sich, ob sie im Land eine Zukunft haben. Aber wer nur darauf schaut, übersieht etwas Entscheidendes: Viele Menschen vor Ort wollen nicht auf ihre Opferrolle reduziert werden. Sie suchen Wege, ihre Anliegen selbst zu vertreten und handlungsfähig zu bleiben.
Dafür ist Vertrauen entscheidend. In Deutschland denken wir oft in Strukturen und Programmen. Im Irak beginnt Zusammenarbeit häufig damit, dass geklärt sein muss, ob man einander trauen kann. Ob jemand wiederkommt. Ob er zuhört. Ob er Menschen nicht nur als Projektpartner sieht, sondern als Gegenüber.
David Müller
David Müller ist politischer Fürsprecher für Religionsfreiheit im Irak bei der „Ojcos-Stiftung“. Er arbeitet seit mehreren Jahren mit Partnern vor Ort zusammen und begleitet Gespräche zwischen politischen, religiösen und zivilgesellschaftlichen Akteuren in Deutschland und im Irak.
Ein Gespräch dauert länger als geplant. Eine Einladung entsteht spontan. Ein gemeinsames Essen ist Teil des eigentlichen Gesprächs. Ohne diese Beziehungsebene bleiben selbst gut gemeinte Initiativen oft oberflächlich.
Hier liegt eine wichtige Korrektur für unseren westlichen Blick. Wir fragen schnell: Wo ist die Not, und wie können wir helfen? Diese Frage ist berechtigt. Aber wenn Hilfe Menschen dauerhaft in der Rolle der Empfangenden hält, stärkt sie nicht automatisch ihre Zukunft.
Gute Unterstützung fragt deshalb auch: Wer übernimmt vor Ort bereits Verantwortung? Wer baut Vertrauen auf? Wer braucht Rückhalt, damit die eigene Stimme wirksamer werden kann?
Wer den Irak nur als Krisenregion sieht, übersieht diese Menschen. Vielleicht beginnt Unterstützung nicht damit, dass wir schneller helfen, sondern damit, dass wir genauer hinsehen.