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„Zweifel ist eine Dimension des Glaubens“

Jil Becker kümmert sich als Pfarrerin der Nordkirche in einer Funktionspfarrstelle um den theologischen Nachwuchs. Im Gespräch mit der Tageszeitung taz erklärt sie, woher sie die Leidenschaft dafür nimmt und warum sie Gott nicht für allmächtig hält.
Von PRO
Die Kirchen sind leer und es fehlt an Pfarrern. Die Nordkirche hat eine Funktionspfarrstelle, die sich um den theologischen Nachwuchs kümmert.
Die Kirchen sind leer und es fehlt an Pfarrern. Die Nordkirche hat eine Funktionspfarrstelle, die sich um den theologischen Nachwuchs kümmert.

Nach fünf Jahren als Pastorin in Hamburg ist Jil Becker seit März als Pfarrerin in der Nordkirche dafür zuständig, sich um die Nachwuchsförderung von Theologen und die Begleitung von Studenten zu kümmern. In der Tageszeitung taz erzählt sie von ihren ersten Erfahrungen, ihren Zweifeln an Gott und ihrer Leidenschaft für den Glauben.

„Ich bin überzeugt, dass der Glaube vielen Menschen Kraft gibt“, sagt Becker. Auch ihr persönlich habe der Glaube schon viel Kraft gegeben. Die Kirche gebe ihr „Halt im Leben“ und stehe für eine Gemeinschaft: „Wenn ich zu Hause alleine bete, weiß ich, dass ich mit dieser Gemeinschaft verbunden bin, unsichtbar.“

„80 Prozent des Glaubens bestehen aus Zweifeln“

Becker bekennt, dass Zweifel eine große Rolle im Glauben spielen: „Ich würde sogar sagen, dass 80 Prozent meines Glaubens aus Zweifeln bestehen.“ Der frühe Tod des eigenen Vaters und die Frage, „warum Gott so etwas zulässt“, hätten sie geprägt. Becker orientiert sich dabei an Martin Luther, der Zweifel als eine Dimension des Glaubens gedeutet habe: „Ich habe Gott die Dinge, die mir und meiner Familie passiert sind, aber auch nie angelastet. Gott ist für mich nicht allmächtig, jedenfalls nicht in dem Sinne, als dass er beeinflussen könnte, ob jemand an Krebs erkrankt oder nicht. An solche Wunder glaube ich nicht.“

Sie selbst sei in einer „ganz volkskirchlichen Familie“ großgeworden. Berührungspunkte mit der Kirche habe sie lediglich bei Beerdigungen oder Taufen gehabt, aber nicht im sonntäglichen Gottesdienst. Ihre Mutter habe abends mit ihr am Bett gebetet und einen „zarten Kinderglauben eingepflanzt“. Vor allem durch den Pastor in ihrer Jugendzeit sei dieser gewachsen. Aber auch die Religionslehrerin habe ihren Anteil daran gehabt.

Einfach so der Kirche begegnen

An Texten der liberalen Theologin Dorothee Sölle habe sie gemerkt, dass und wie Politik und Glaube zusammen funktionieren könnten. In der Oberstufe habe sie sich dann für das Theologiestudium entschieden. Wenn sie mit Fremden über ihren Beruf spreche, gebe es unterschiedliche Reaktionen. Für manche Christen passe es nicht mit ihrem Glauben zusammen, wenn eine Pastorin in die Kneipe gehe. Mit solchen antiquierten Bildern könne sie nichts anfangen: „Ich glaube, dass Kirche den Menschen auch am meisten Freude macht, wenn sie ihr einfach so begegnen.“

In ihrer neuen Stelle gehe es vor allem darum, Netzwerke zu betreuen und potentiellen Theologiestudenten einen ersten Einblick in das Fach zu vermitteln. Kirche sollte nicht über den Mangel an Theologen jammern, „sondern überlegen, wie wir auch in Zukunft eine sehr gute Kirchenarbeit gewährleisten können“. Eine Mischform aus Gemeinde- und Funktionspfarramt hält sie dabei für sinnvoll. Selbst wenn Menschen „nur“ zu Weihnachten in die Kirche gingen, sei das für sie „völlig in Ordnung“. „Natürlich bin ich froh, wenn immer die Hütte voll ist, gar keine Frage. Aber das muss jeder und jede für sich selbst entscheiden. Jeder und jede, der in der Kirche ist, gestaltet seinen oder ihren Glauben, wie er oder sie es will.“ Darüber dürfe sie als Theologin nicht richten.

Von: Johannes Blöcher-Weil

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