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Zur Freiheit befreit

Zur Wiedervereinigung: Erinnerungen eines Theologen an den Mauerfall und Gedanken über Gegenwart und Zukunft in Deutschland. Von Egmond Prill
Von PRO
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Egmond Prill hat den Mauerfall am 9. November 1989 im „Osten“ erlebt

Foto: pro

Egmond Prill hat den Mauerfall am 9. November 1989 im „Osten“ erlebt
Deutschland erlebte im Herbst 1989 eine Friedliche Revolution. Höhepunkt war der Mauerfall am 9. November in Berlin. Doch entscheidend waren die Wochen zuvor, die Gebete, Kerzen und Demonstrationen in Berlin, Dresden und Leipzig, in vielen Orten zwischen Ostsee und Erzgebirge. Ich war am 4. Oktober 1989 in Berlin, in unserer Wohnung in Berlin-Friedrichshain, die wir auch nach dem Umzug ins Erzgebirge behalten hatten. Spät am Abend wurde ich aufmerksam, denn ungewöhnlich starker Straßenlärm drang durch das Fenster. Als ich nach unten ging, sah ich den militärischen Aufmarsch der SED-Staatsmacht in Vorbereitung auf den 7. Oktober, den 40. Jahrestag der DDR-Gründung. Wir wohnten in einer Seitenstraße parallel zur Paradestrecke, der ursprünglichen Stalin-Allee. Gepanzerte Truppenfahrzeuge, nicht für die Parade bestimmt, gingen am 5. Oktober in Bereitstellungsräume, fuhren in Seitenstraßen und besetzten Plätze nahe am Stadtzentrum. Mit Tränen in den Augen, mit Tränen der Angst und der Wut, stand ich am Straßenrand. Anderen verfolgten den Aufmarsch vom Fenster aus. Die Staatsmacht war vorbereitet für den Fall der Fälle, für jenen Fall, den es am 17. Juni 1953 schon gegeben hatte. Den Aufstand des Volkes. Seit 1953 hatte die DDR-Führung vor allem ein Ziel, einen zweiten Aufstand des eigenen Volkes zu verhindern. Es entstand das perfekteste Spitzelsystem der Welt in Form eines „Ministeriums für Staatssicherheit“. Bespitzelt wurden wir bis hinein in unsere Briefe, unsere Häuser, unsere Gehirne. Es wurde die mörderischste Grenze der Welt installiert – mit Mauer und Minen, mit Stacheldraht und Selbstschussanlagen. 1989 waren allein für das Grenzregime 1,2 Milliarden Mark im Staatshaushalt der DDR vorgesehen. Polizei und Bereitschaftspolizei, Armee und die „Kampfgruppen der Arbeiterklasse“ waren auf den einen Tag getrimmt: Da das Volk nochmals aufsteht.

Volksaufstand – der Weg in die Freiheit

Dann stand das Volk noch einmal auf – und es fiel kein Schuss. Alle „bewaffneten Organe der DDR“ waren entwaffnet. Zwar hatten die befehlsgemäß den Finger am Abzug, aber der lebendige Gott hatte längst die Hand am Sicherungshebel jeder Waffe. Und so wurde die DDR plötzlich eine Anekdote der Geschichte. Wie ein Kartenhaus brach zusammen, was Jahrzehnte lang gegen das Volk aufgebaut worden war. Am 7. Oktober wurde in Berlin noch heftig geknüppelt. Volkspolizisten gingen hart gegen Demonstranten vor. Am 9. Oktober in Leipzig, war die Lage gespannt wie nie zuvor. Internierungslager und Krankhäuser waren vorbereitet, doch es geschah das Wunder von Leipzig. Zehntausende demonstrierten friedlich auf dem Ring. Mitte Oktober versuchte das SED-Regime mit der Absetzung Honeckers die Kurve zu nehmen – der neue SED-Generalsekretär Egon Krenz sprach von einer „Wende“ – aber es war zu spät. Und wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Das war das geflügelte Wort jener Tage. Die Geschichte der Teilung Deutschlands ging nach genau vierzig Jahren zu Ende. Es war das Wunder der friedlichen Wiedervereinigung eines Volkes, das sichtbar begnadigt worden ist. Wir wurden Augenzeugen eines Ereignisses, das die Weltgeschichte nur ein einziges Mal zu bieten hat: Den restlosen Zusammenbruch eines Systems, das in seiner ganzen Existenz nur ein Ziel hatte: diesen Zusammenbruch zu verhindern. Der 9. November 1989 mit dem Mauerfall wurde zum größten Glücksfall in der Geschichte der Deutschen! Und ich will hinzufügen: Für mich war es die größte Gebetserhörung meines bisherigen Lebens. Die Mauer, die noch hundert Jahre stehen sollte, ein Regime, das ewig zu den Siegern der Geschichte zählen wollte, verschwand vom Antlitz der Erde. Mauerspechte hämmerten schon in der ersten Nacht Löcher in den „antifaschistischen Schutzwall“. Das schlimmste, was einer Diktatur geschehen kann, passierte: sie wurde lächerlich. Die Bibel bekennt: „Aber der im Himmel wohnt, lachet ihrer, und der Herr spottet ihrer.“ (Psalm 2,4)

Wertegemeinschaft – Leben in der Freiheit

Die Bibel ist ein politisches Buch. Propheten wetterten im Namen Gottes gegen die Mächtigen, sprachen im Auftrag Gottes für die Schwachen und Ohnmächtigen. Der Psalmdichter schreibt gegen die gewissenlos Herrschenden und bittet Gott: „Zerbrich den Arm des Gottlosen und Bösen und suche seine Bosheit heim, dass man nichts mehr davon finde.“ (Psalm 10,15). Die Bibel ist das große Buch der Freiheit. Quo vadis Deutschland? Wohin geht dieses Land, die Gesellschaft, das Volk? Wie gestaltet sich die Demokratie im Zeitalter umfassender elektronischer Beobachtung und Terrorangst? Wie werden die Gewichte im Dreiklang von Freiheit, Gerechtigkeit und Sicherheit verteilt? Alternativen für Deutschland und Europa sind gefragt. Hier haben die Kirchen zu schnell aufgegeben. Schon das ängstliche Verweigern des landesweiten Glockengeläuts in der Nacht zum 3. Oktober 1990 war ein Zeichen dafür, dass die Kirche nun wieder hinter ihren Türen verschwindet und sich viel mit sich selbst beschäftigt. Das dankbare und selbstbewusste Auftreten der Christen zerbröselte nahezu zur Bedeutungslosigkeit. Die christliche geprägte Bürgerbewegung versackte und erstarb in Parteien und Institutionen.

Danken, Beten, Feiern – Leben aus der Freiheit

Wir sind zur Freiheit befreit worden. Die das damals erlebt haben, sind verantwortlich dafür, dass die Nachkommen von den Ereignissen erfahren. Es ist die Pflicht der Eltern und Großeltern ihren Kindern und Enkeln Geschichte zu erzählen. Und noch mehr: Die Freiheit als Gabe Gottes müssen wir weiterhin erbitten und zugleich mit viel persönlichem Einsatz kämpfen. Wenn der Staat meine Telefonverbindungen ausforscht und meine Bankdaten einsieht, in unseren Schulen Kreuze abgehängt werden und mohammedanische Gebetsräume geschaffen werden müssen, wenn eine neue Klima-Religion bestimmt, welche Glühlampen ich einschrauben darf, dann beschleichen mich Gefühle der Angst vor einem allmächtigen Staat, der sich anmaßt, Gut und Böse festzulegen. Hier heißt es erneut: Aufstehen! Und zugleich: Im Dank für die friedliche Revolution sind Christen gerufen, anhaltend für unser Land und Volk beten. Die Veränderungen in der DDR begannen in kleinen Gebetsgruppen und Hauskreisen. Dazu gehören Buße und Umkehr, die Bitte um Gnade und Gottes Segen: „Gott sei uns gnädig und segne uns.“ (Psalm 67,2). (pro)
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