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Zeit-Autor: „Ich gehe sehr gerne in den Gottesdienst“

Da sein Urgroßvater Missionar war, zieht es Zeit-Redakteur Tillmann Prüfer nach Afrika. Die Reise erweitert nicht nur seinen Horizont, sondern verändert auch seine skeptische Haltung gegenüber dem christlichen Glauben. Inspiriert ist der Wandel durch die afrikanischen Gottesdienste.
Von PRO
Tillmann Prüfer (rechts) und Angehörige während einer Reise auf den Spuren seines Urgroßvaters Bruno Gutmann, die er in seinem Buch „Der heilige Bruno“ beschreibt

Foto: privat

Tillmann Prüfer (rechts) und Angehörige während einer Reise auf den Spuren seines Urgroßvaters Bruno Gutmann, die er in seinem Buch „Der heilige Bruno“ beschreibt
Was geschieht, wenn sich ein Agnostiker in Afrika auf Spurensuche begibt, weil sein Urgroßvater dort als Missionar wirkte? Der Chef im Ressort Stil des Zeit-Magazins, Tillmann Prüfer, hat es ausprobiert. Wie sich seine Einstellung zu Kirche und Glaube während der Reise durch Tansania verändert hat, beschreibt er mit viel Humor und auf eine mitunter schnodderige Art in seinem Buch „Der heilige Bruno“. Der Titel bezieht sich auf den Namen seines Urgroßvaters, Bruno Gutmann. Dieser genießt bis heute beim Volk der Dschagga am Kilimandscharo eine besondere Wertschätzung. Denn der Missionar hat den Dschagga nicht nur das Evangelium gebracht, sondern gleichzeitig dafür gesorgt, dass ihre Traditionen nicht in Vergessenheit geraten. So ließ er sich überlieferte Geschichten erzählen. Das Rechtssystem des afrikanischen Volkes etwa legte er auf 732 Seiten dar. „Es soll der Beweis sein, dass die Eingeborenen keineswegs unterentwickelt sind, sondern, im Gegenteil, ein ausgefeiltes Sozialwesen haben, welches dem des Abendlandes in wenig nachsteht“, kommentiert Prüfer das Projekt. Es hat Gutmann die Ehrendoktorwürde der Universität Erlangen eingebracht. Der Missionar hatte sich aber auch in besonderer Weise um Stammestraditionen bemüht. Der Autor schildert die Reise, die er mit Eltern, Schwester und Nichte unternahm – seine Ehefrau konnte nicht mitkommen, weil sie gerade erst ein Baby bekommen hatten. Parallel legt er den Werdegang des Urgroßvaters dar. Als Quellen dienen ihm Briefe aus Afrika an die Angehörigen in Deutschland, aber auch Dokumente der Leipziger Mission. In ihrem Auftrag reiste Gutmann 1904 ins damalige Deutsch-Ostafrika aus, seine spätere Ehefrau folgte ihm. Ihre vier Kinder kamen in Afrika zur Welt, wuchsen aber in Pfarrhäusern in Deutschland auf. Der Urenkel zeigt zwar sein Befremden über so manches Verhalten seines Vorfahren, bringt dem überzeugten Christen aber ein grundsätzliches Wohlwollen entgegen. Vor allem ist er beeindruckt über die Verehrung, die so viele Jahre später die Dschagga dem einstigen Missionar entgegenbringen. Unwohl fühlt er sich allerdings, wenn er selbst als gepriesener Nachkomme auf einer Bühne steht und zahlreichen Afrikanern ein paar salbungsvolle Worte sagen soll. Denn er kennt kaum ein Lied oder einen Bibelvers. Seine Unsicherheit zeigt sich auch in der Sprache. So verwendet er etwa das Wort „Gospel“ im Buch nicht nur für ein Lied, sondern auch für das Evangelium. Anders als in Deutschland sprechen die Gottesdienste in Afrika den skeptischen Journalisten an. Deshalb sucht er nach seiner Rückkehr eine Kirche in Berlin auf – zu seiner eigenen Verwunderung: „Ich habe mich ja wohl ein Leben lang von Gott losgesagt, bin teils als glühender Atheist und dann zumindest als gleichgültiger Agnostiker durch das Leben gegangen, ich habe wohl jedes logische Argument gegen die Existenz Gottes ins Feld geführt, das es gibt. Und jetzt gehe ich mit einem Wohlgefühl in die Kirche. Ich muss völlig retardiert sein, denke ich. Ich bin doch wohl links. Linke haben nichts mit Gott zu tun. Hoffentlich sieht mich niemand.“

Gottesdienst als guter Wochenstart

Im Gespräch mit pro legt er dar, welche Unterschiede er zwischen der Kirche in Tansania und in Deutschland beobachtet hat: „Christentum bedeutet dort wirklich Gemeinschaft. Wenn jemand nicht da ist, dann fällt das auf. Der Gottesdienst in der westlichen Welt wird von den meisten Menschen wirklich als Dienst angesehen. Dort geht man aus einer moralischen Pflicht heraus in die Kirche. Aber niemand würde davon reden, dass er etwas mitnimmt, dass er Freude und Trost erfährt. Das ist bei uns fast völlig abhanden gekommen.“ Er selbst geht seit der Reise viel öfter in die Kirche. Hat er hier schon einen Gottesdienst erlebt, der ihn richtig berührte? „Ja, mein Traugottesdienst und die vier Taufgottesdienste, die ich mit meinen Kindern gehabt habe, die haben mich sehr berührt“, beantwortet er die Frage und ergänzt: „Ich gehe sehr gerne in den Gottesdienst mittlerweile.“ Die Begegnung mit anderen Besuchern, das gemeinsame Singen und Kaffeetrinken sowie die Einkehr empfinde er als guten Einstieg in die Woche. Wenn Prüfer seinem Urgroßvater persönlich begegnen könnte, würde er ihn fragen, ob er Angst gehabt hat. „Davon schreibt er nie, aber das war ja absolutes Neuland, was diese Menschen betreten haben.“ Die Missionare seien dort „gestorben wie die Fliegen“ – an Malaria oder durch bewaffnete Angriffe, führt er im Interview aus. Als wichtigstes geistiges Vermächtnis nimmt der Journalist Gutmanns Grabspruch wahr: „Zwischen uns ist Gott.“ Damit habe der Missionar Gott nicht „über uns verortet als Institution, an die wir uns wenden können und die etwas für uns tut oder nicht tut“. Sondern wir könnten Gott mit Zwischenmenschlichkeit begreifen und nicht als abstraktes Konzept. Die Frage, ob er an Gott glaube, kann der Autor trotz aller inspirierender Erfahrungen nur schwer beantworten. „Aber ich kann entscheiden, ob ich das Richtige tue oder das Falsche.“ Gleichwohl schreibt er im Vorwort seines lesenswerten Buches, er wäre auf Facebook mit Gott befreundet. Auf Nachfrage sagt der Autor: „Für mich ist Gott etwas sehr Konkretes. Er steht für all das Gute, das Menschen bewirken können.“ In Bruno Gutmann spiegele sich das Göttliche, da er heute als Mensch mit „schlechter Sozialprognose“ gelten würde: „In einer Arbeiterfamilie als Waise aufgewachsen mit einem Vater, von dem nicht ganz klar ist, ob er nicht vielleicht auch Alkoholiker war, musste er mit elf in der Fabrik arbeiten.“ Doch er habe das Theologiestudium bewältigt, die fremden Sprachen erlernt und den Mut gehabt, in ein völlig unbekanntes Land zu gehen – „und dort sehr viel Gutes zu tun, von dem man heute noch erzählt. Das ist Hoffnung. So stelle ich mir Göttliches vor. Daran liegt es, dass er heute noch für diese Menschen eine Bedeutung hat.“ Das Buch zeigt in seiner spannenden Darstellung ein weiteres Anliegen des Journalisten: Dank persönlicher Kontakte lernte seine Familie Afrika von einer völlig anderen Seite kennen als der Großteil der Touristen. Am Ende nahmen sie an einer Safari teil – und fühlten sich als Außenseiter. Die Touristen „wollen raus aus ihrer Beengung und Kälte in die Wärme und die Weite des schönen Afrika. Und sobald sie dort angekommen sind, beginnen sie Afrika vorzuwerfen, dass es nicht so ist wie sie“, schreibt er. Im Gespräch mit pro konkretisiert Prüfer seine Beobachtungen: „Was mich bei meiner Reise so frappiert hat, ist, dass Menschen dorthin fahren, im Grunde nichts vom Land verstehen, aber das Gefühl haben, sie würden ganz viel sehen. Sie unterhalten sich am Schluss, als wären sie Afrika-Experten, aber sie waren nur in Safariparks.“ Wer Tansania kennenlernen möchte, dem rät er, sich an Nichtregierungsorganisationen, die Kirche oder die Mission zu wenden. Dort seien direkte Kontakte zu Einheimischen möglich. Außerdem könnten Reisende auch einfach einen Gottesdienst besuchen, um Afrika näher kennenzulernen. (pro)

Dieser Text ist der Ausgabe 5/2015 des Christlichen Medienmagazins pro entnommen. Bestellen Sie pro kostenlos und unverbindlich unter Tel. 06441-915151 oder online

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