Zehn Jahre nach gestern

Eine Reihe barbarischer Terrorakte in den USA tötet 3.000 Menschen und läutet für die westliche Welt ein neues Zeitalter der Furcht und des Misstrauens ein. Auch am zehnten Jahrestag des 11. September 2001 fühlt es sich an, als sei es erst gestern gewesen.
Von PRO

Foto: FEMA/Andrea Booher/Wikimedia

Es ist sechs Uhr am Morgen, als Todd Beamer, ein aufstrebender Mitarbeiter des Softwareriesen Oracle, von seinem Haus in New Jersey zu einer kurzen Geschäftsreise nach San Francisco aufbricht. Seine Frau Lisa, schwanger mit dem dritten Kind, bekommt im Halbschlaf einen Abschiedskuss.  Todd eilt zum Flughafen Newark – er hat ein Ticket für United Airlines, Flug 93.

Neun Tage später sitzt Lisa auf der Ehrentribüne des Repräsentantenhauses in Washington D.C. Präsident George W. Bush schreitet unter tosendem Beifall zum Podium, um eine der wichtigsten Reden seiner Amtszeit zu halten: Vor beiden Kammern des Kongresses will er darüber sprechen, was in den letzten Tagen geschehen ist, und was in den nächsten Monaten passieren soll. Bereits im fünften Satz erwähnt er Todd Beamer, im sechsten Satz begrüßt er Lisa, alle Anwesenden erheben sich zu langem Applaus.

Zwischen diesen Ereignissen liegt der 11. September 2001, jener strahlende Spätsommer-Dienstag, der die Welt verändert hat und das Leben einer ganzen Generation in ein „Davor“ und ein „Danach“ unterteilt. 3.000 Menschen sterben, als islamistische Terroristen an Bord von vier entführten Flugzeugen mit spektakulären Anschlägen einen Krieg gegen die westliche Welt beginnen. Todd Beamer und anderen Passagieren des Flugs 93 ist es zu verdanken, dass nicht noch mehr Menschen getötet wurden.

Flug 93 wird von vier Männern gekapert. Sie töten die beiden Piloten, setzen sich ins Cockpit und kehren Richtung Washington um. Welches Gebäude sie ansteuern wollen, bleibt ein Geheimnis. Alles andere ist minutiös dokumentiert. Die Fluggäste können ihre Handys und die in amerikanischen Flugzeugen üblichen Bordtelefone benutzen und erfahren so, dass bereits entführte Flugzeuge in das New Yorker World Trade Center und das Pentagon in Washington gelenkt wurden. So beginnen die Passagiere zu ahnen, dass auch ihr Flugzeug dem Untergang geweiht ist. Den Tod vor Augen beschließen sie, wenigstens eine weitere Katastrophe am Boden zu verhindern und Widerstand gegen die Terroristen zu leisten. Der Plan: Das Flugzeug über unbewohntem Gebiet zu Boden bringen.

Let‘s Roll!

Todd wird von einem der Bordtelefone automatisch mit Lisa Jefferson von der Telefongesellschaft GTE Airfone in Chicago verbunden. Ruhig und gefasst beschreibt er die Situation an Bord: Mehrere Männer überlegen, wie sie die Entführer überwältigen können. Während der 15-minütigen Verbindung legt Todd immer wieder den Hörer ab, um sich mit ihnen zu beraten. Mehrfach bittet er Lisa Jefferson, nach ihrem Telefonat seine Familie zu kontaktieren und ihnen zu sagen, dass er sie liebe. Am Ende des Gesprächs beten die beiden gemeinsam das Vaterunser. Danach sagt Todd, ein aktiver Christ aus einer evangelikalen Gemeinde, den 23. Psalm auf. Andere Männer an Bord sprechen den Text mit. Dann hört Lisa Jefferson die letzten überlieferten Worte von Todd Beamer, gerichtet an die Gruppe der Entschlossenen: „Seid ihr bereit? Okay. Let‘s Roll.“

Von diesem Moment an werden noch vereinzelte Kampfgeräusche aus der Flugzeugkabine übermittelt. Minuten später stürzt die Maschine auf ein Feld bei Shanksville, Pennsylvania. Keiner der Insassen überlebt. Todds Aufforderung „Let‘s Roll“ (deutsch etwa: Los geht’s!) wird in den nächsten Monaten zur Losung einer verwundeten Nation und dem Motto des „Krieges gegen den Terror“.

Deutschland stand in dieser „schweren Stunde fest an der Seite der USA“, wie Bundeskanzler Gerhard Schröder erklärte, als er „uneingeschränkte Solidarität“ versprach. Er bezeichnete die Anschläge als eine „Kriegserklärung an die freie Welt“, Verteidigungsminister Peter Struck erklärte am 12. September im Bundestag: „Heute sind wir alle Amerikaner“. Unionsfraktionschef Friedrich Merz nannte die Ereignisse einen „Angriff auf Zivilisation, Freiheit und Offenheit“. In Berlin und anderen Städten versammelten sich tausende Menschen zu Gottesdiensten und Gedenkveranstaltungen. Die Stimmen derjenigen Kommentatoren, die fast schon gewohnheitsmäßig Täter und Opfer verwechseln und die Schuld für die Terrorangriffe bei den USA selbst sahen, waren damals noch Außenseiterpositionen. „Wer Wind sät, wird Sturm ernten“, hieß es zum Beispiel aus Kreisen der Linkspartei (damals: PDS). Solche seltsamen Töne waren auch aus Amerika selbst zu vernehmen: Der bekannte Prediger Jerry Falwell erklärte, Gott habe diese Strafe zugelassen, weil Amerika Abtreibungen und Homosexualität erlaube. Seine Entschuldigung ließ nicht lange auf sich warten.

„Operation Enduring Freedom“

Erstmalig in ihrer Geschichte stellte die NATO nach den Anschlägen den Bündnisfall fest, wonach alle Partnerstaaten in der Verantwortung stehen, einem angegriffenen Partner militärisch zu helfen. Die Militäroperation „Enduring Freedom“, zu der auch der Krieg in Afghanistan gehört, dauert bis heute an und ist für die USA der längste Krieg ihrer Geschichte. Auch die Bundeswehr ist beteiligt: „Die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland wird auch am Hindukusch verteidigt“, erklärte Verteidigungsminister Struck. 52 deutsche Soldaten wurden seitdem getötet. Für die afghanische Zivilbevölkerung haben sich viele Dinge zum Guten verändert: Die Infrastruktur wurde modernisiert und die medizinische Versorgung deutlich verbessert. Mädchen haben die Chance, zur Schule zu gehen, die Wahlen sind relativ demokratisch. Doch viele unangenehme Fragen bleiben offen. Warum kommt es zehn Jahre nach der „Befreiung“ des gebeutelten Landes am Hindukusch dort noch immer zu „Ehrenmorden“ und Verstümmelungen? Warum gibt es nach wie vor „tote Winkel“ in Afghanistan, in denen Menschenrechte und Religionsfreiheit praktisch nicht existieren? In diesem Krieg ist ein langer Atem gefragt. Aber es scheint sich zu lohnen, nicht aufzugeben. Das Aufspüren Osama Bin Ladens hat über zehn Jahre zwei Präsidenten beschäftigt.

Der 11. September 2001 hat das Leben auch in Europa verändert. Die Terrorgruppe Al-Qaida ist jedem ein Begriff und hat in Deutschland vereinzelte Anhänger gefunden. Mehrere Terroranschläge konnten hierzulande von den Sicherheitsbehörden verhindert werden, was auch den umstrittenen Anti-Terror-Gesetzen zu verdanken ist. Kritiker sehen in den erweiterten Befugnissen zum Beispiel des Bundeskriminalamtes eine Einschränkung ihrer Bürgerrechte und fürchten einen „Überwachungsstaat“. Dass die Gefahr durch Islamisten real ist, mussten Großbritannien und Spanien erfahren. 2004 wurden 191 Menschen bei Bombenanschlägen in Madrid getötet, ein Jahr später 52 in London.

Die deutsch-amerikanischen Beziehungen haben nach 9/11 Hochs und Tiefs durchlaufen. Die Solidaritätswelle für Amerika ebbte mit den Vorbereitungen für den Irak-Krieg ab. An ihre Stelle rückte ein Orkan der Entrüstung über die „Kriegstreiber“ aus Washington, denen es nach vorherrschendem Vorurteil um Saddam Husseins Ölquellen ging. Es fehlt den Deutschen bis heute schlicht an Verständnis dafür, wie stark 9/11 das kollektive Bewusstsein der Amerikaner verändert hat. Die Volksseele der USA befindet sich, wie George W. Bush es formulierte, in einem Verteidigungskrieg für „alles, was in dieser Welt gut und gerecht ist“. Mittlerweile ist das Land kriegsmüde geworden, die Wirtschaftskrise und die hohe Staatsverschuldung gelten als die drängendsten Probleme. Auch zehn Jahre nach 9/11 muss sich Amerika immensen Herausforderungen stellen. Doch eines hat die Welt gelernt: Amerika, egal wie schwer verwundet, nimmt seine Herausforderungen an.

Wenn Geschichte geschrieben wird, vollzieht sich das Historische immer in Einzelschicksalen. Nach Todd Beamer wurde inzwischen eine Highschool in Washington State benannt. An der Absturzstelle von Flug 93 gibt es eine temporäre Gedenkstätte, an einem dauerhaften Mahnmal wird gearbeitet. Nicht nur Lisa Beamer und ihre drei Kinder werden sich an Todd erinnern. (pro)

Dieser Beitrag ist in der aktuellen Ausgabe des Christlichen Medienmagazins pro erschienen, die unter info@kep.de kostenlos bestellt werden kann.

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