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Zehn Jahre in 90 Minuten: ZDF-Doku über Folgen des 11. September

Hochkarätige Interviewpartner, nachgestellte Folterszenen und Recherchen rund um die Welt: Die ZDF-Terrorexperten Elmar Theveßen und Souad Mekhennet ziehen in einer groß angelegten Doku eine "Bilanz" der zehn Jahre, die seit dem 11. September 2001 vergangen sind. Der Auslöser des Konfliktes wird dabei wenig berücksichtigt.
Von PRO

Foto: ZDF / Zeljko Pehar

Vom Times Square nach Polen, vom Kanzleramt nach Marokko: Für die Dokumentation "Nine Eleven – Der Tag, der die Welt veränderte", war Elmar Theveßen kein Weg zu weit. Der stellvertretende ZDF-Chefredakteur ist Protagonist des Zweiteilers über die politischen Maßnahmen des Westens nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den USA, die er "bilanzieren" und "einordnen" möchte. Teil Eins, "Angst", beschäftigt sich dabei mit sicherheitspolitischen Konzepten wie den Anti-Terror-Gesetzen und wird am 1. September ausgestrahlt. Der zweite Teil, "Krieg", behandelt die Kriege in Afghanistan und dem Irak und stellt auch die größeren Zusammenhänge des Nahen Ostens dar, Sendetermin ist der 2. September.

Die größte Stärke der Dokumentation sind die hochkarätigen Interviewpartner, die Theveßen und Mekhennet gewinnen konnten – auch wenn diese keine neuen Erkenntnisse verraten, sondern altbekannte Sichtweisen wiedergeben. Der frühere US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld sieht politische Fehler bestenfalls in Details der Ausführung. Ex-Innenminister Otto Schily hält Vorratsdatenspeicherung für ein notwendiges Mittel zur Verhinderung von Anschlägen, und "verzweifelt am Verstand der Menschen", die das anders sehen. Der Afghane Karim Kahn, dessen Sohn und Bruder bei einem Drohnenangriff getötet wurden, sieht seine Familie als Opfer von Amerikanern, Deutschen und Juden, die seinem Land "unislamische Gesetze" aufzwingen wollen. Und der frühere polnische Premierminister Leszek Miller antwortet auf die Frage nach einem angeblichen "CIA-Geheimgefängnis" im Norden seine Landes: "Hier hat niemand gefoltert. Und schon gar nicht die Polen."

Gerhard Schröder und die Folterknechte

Bundeskanzlerin Angela Merkel steuerte zu der Dokumentation einige wohlüberlegte, positive und vorsichtig entschlossene Zitate über die "Verteidigung der Freiheit mit neuen Mitteln" bei. Als einer der qualifiziertesten und interessantesten Interviewpartner aber entpuppt sich Altkanzler Gerhard Schröder. In wieweit sind Folter und gezielte Tötungen legitim? Das sei eine "wirklich verdammt schwierige Frage", antwortet er: "Rechtfertigen kann man das als Demokrat eigentlich nicht. Es gibt Situationen, in denen man es vielleicht tun muss. Ich glaube zum Beispiel, dass Obama im Fall Osama bin Laden richtig entschieden hat." Die Bilder suggerieren eine weitaus extremere Position: Unmittelbar auf Schröders berühmte Stellungnahme, in welcher er George W. Bush "uneingeschränkte Solidarität" verspricht, folgt die nachgestellte Szene eines gefesselten Gefangenen, der mit einer Bohrmaschine bedroht wird. "Wie weit ging unsere Solidarität mit Amerika?", fragt Theveßen aus dem Off dazu.

Die gewaltige Last auf den Schultern der Entscheidungsträger, die zu Folter bzw. folterähnlichen Verhörmethoden führte, erklären die Autoren in einer Schlüsselszene. CIA-Direktor George Tenet hat die Rekonstruktion einer gewaltigen Chemiewaffe auf dem Kabinettstisch im Weißen Haus aufgebaut, die Baupläne wurden zuvor bei Terroristen sichergestellt. "Das Ding ist ein Alptraum", soll George W. Bush dazu gesagt haben. Die Waffe kann Menschen im Umkreis von 200 Metern töten.

Eine ausführlichere Darstellung dieser Perspektive der politisch Verantwortlichen wäre wünschenswert gewesen – etwa mit Zitaten aus den zahlreichen Autobiografien, die damalige Regierungsmitglieder inzwischen veröffentlich haben, darunter George W. Bush selbst. Denn der Rezipient der Dokumentation gewinnt den Eindruck, westliche Behörden und Sicherheitsdienste seien mindestens ebenso zu fürchten wie die islamistischen Terroristen. Das Weiße Haus wird optisch und akustisch inszeniert, wie man es von Bin Ladens Wüstenfestung Tora Bora erwarten würde – zwielichtig, düster, fremd und gefährlich. Amerika, die NATO und der Westen kommen nicht gut weg in diesem Film.

Doku als "Teil einer Gesamtdarstellung" sehen

Dazu trägt auch die Tatsache bei, dass der 11. September 2001 als Auslöser für den "Krieg gegen Terror" und ein neues Zeitalter der Angst zu kurz vorkommt. Die Schrecken jenes Tages werden lediglich in den ersten Minuten des ersten Teils relativ distanziert zusammengefasst. Zum besseren Verständnis der im Film oft sehr kritisch betrachteten politischen Maßnahmen der USA wäre es hilfreich gewesen zu zeigen, dass Amerika an 9/11 selbst zu einem Opfer wurde. Beispielsweise hätte es sich angeboten, exemplarisch das Schicksal einer Familie zu erzählen, die einen Angehörigen im World Trade Center verloren hat. Elmar Theveßen sieht das anders: "Es kommt am Anfang schon zur Geltung, dass Amerika ohnmächtig ist, Opfer ist", erklärte er auf einer Pressekonferenz gegenüber pro. "Wir haben uns aber bewusst entschieden, dass dies kein Film über die Opfer und ihre Emotionen werden sollte – davon gibt es schon sehr viele." Vielmehr sei die Dokumentation als "Teil einer Gesamtdarstellung" des 11. Septembers im ZDF zu sehen, die auch die Filme "102 Minuten" und "United Airlines, 93" mit einschließe – Filme, die auf die Grausamkeit der Anschläge und die Situation der Opfer ausführlich eingehen. Der Zuschauer sollte Theveßens Rat befolgen und auch andere der zahlreichen Sendungen sehen, die die Fernsehsender zum Jahrestag von 9/11 anbieten. Erst derjenige, der sich in die Stimmung des Tages, der die Welt verändert hat, zurückversetzt hat, kann die Folgen, welche die Dokumentation darstellt, verstehen.

Neues Buch: Theveßen widerlegt Verschwörungstheorien

Ebenfalls unter dem Titel "Nine Eleven – Der Tag, der die Welt veränderte" legte Theveßen auch ein neues Sachbuch vor. Er beschäftigt sich darin mit den zahlreichen Verschwörungstheorien rund um die Terroranschläge, die vor allem von jungen Menschen geglaubt werden – etwa, dass die USA oder Israel die heimlichen Drahtzieher der Terrorkatastrophe waren. "Denen, die so denken, wollte ich nicht das Feld überlassen", erklärte Theveßen auf die Frage von pro, ob es sich überhaupt lohne, auf diese Thesen einzugehen. Viele der Verschwörungstheoretiker würden aus einzelnen Fakten Kurzschlüsse ziehen, und ihren Schlussfolgerungen wiederum alle anderen Fakten unterordnen. "Ich finde es menschenverachtend gegenüber den Opfern des 11. Septembers, beispielsweise zu behaupten, dass die letzten Anrufe der Passagiere der entführten Flugzeuge, in denen sie sich von ihren Ehepartnern oder Kindern verabschieden, von der amerikanischen Regierung gefälscht worden seien", so Theveßen. "Damit wird die letzte Erinnerung, die viele an einen geliebten Menschen haben, in den Dreck getreten." Den Ansatz, alle Fakten ordentlich zu überprüfen, halte er dennoch für richtig – die Verschwörungstheorien werden in Theveßens Buch seiner Ansicht nach klar widerlegt. (pro)

"Nine Eleven – Der Tag, der die Welt veränderte." Teil 1: Donnerstag, 1. September, 22:15 Uhr, Teil 2: Freitag, 2. September, 23:30 Uhr im ZDF. Wiederholungen im Rahmen eines 9/11-Thementages auf Phoenix am 11. September.

Theveßen, Elmar: "Nine Eleven – Der Tag, der die Welt veränderte." Propyläen-Verlag, 348 Seiten, 19,90 Euro.

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