Nach Kritik an einem Beitrag der Kindernachrichtensendung „logo“ über Kirchen hat das ZDF Fehler eingeräumt. Das betreffende Video vom 19. März 2026 sei „aus dem Archiv unserer Erklärstücke entfernt worden“, schreibt ZDF-Intendant Norbert Himmler in einer Antwort an Beschwerdeführer.
Himmler nannte es in seinem Schreiben, das auf den 6. Mai datiert ist, einen „Fehler“, dass der Beitrag über die sinkenden Kirchenmitgliedschaftszahlen direkt nach einem positiven Beitrag über das Ende Ramadans gesendet worden war. Die beiden Beiträge seien unabhängig voneinander geplant worden, eine inhaltliche Gegenüberstellung sei nicht beabsichtigt gewesen.
„Die Redaktion habe jedoch nun – auch aufgrund der vielen Rückmeldungen – verstanden, dass durch die unmittelbare Aufeinanderfolge der Eindruck einer wertenden Gegenüberstellung entstehen konnte.“ Die Redaktion bedauert es nach Angaben des Intendanten sehr, „dass dies bei Ihnen und auch bei anderen Zuschauerinnen und Zuschauern zu Irritation, Verärgerung oder dem Gefühl mangelnder Ausgewogenheit geführt hat“.
ZDF räumt Verkürzungen ein
Der Beitrag hatte erklären sollen, warum immer weniger Menschen in Deutschland einer Kirche angehören. In dem gut eine Minute langen Erklärvideo zeichnete „logo“ einen Bogen vom Mittelalter über Ablassbriefe, Höllenangst und wissenschaftliche Erklärungen bis zu heutigen Kirchenaustritten. Am Ende wurden auch Missbrauchsverbrechen durch Kirchenleute als Grund für Austritte genannt (lesen Sie hier die PRO-Kritik an dem Beitrag).
Das ZDF räumte, nachdem es sich schon Ende März selbstkritisch gezeigt hatte (PRO berichtete), nun auch inhaltliche Probleme ein. „Im Nachhinein ist sich die Redaktion bewusst, dass es schwerlich möglich ist, die Fragestellung der historischen Entwicklung der christlichen Kirchen in einem anderthalb-minütigen Beitrag angemessen und in all ihren theologischen und gesellschaftlichen Dimensionen darzustellen“, schreibt Himmler. Zwar sei der Text vor der Veröffentlichung von zwei externen Experten geprüft worden. Rückblickend komme die Redaktion aber zu dem Schluss, „dass ein komplexes Thema in diesem Fall durch die kurze Darstellung und das Weglassen zentraler Aspekte nicht angemessen dargestellt wurde“.
Himmler kündigte zudem Konsequenzen an. Die Redaktion nehme die Rückmeldungen „zum Anlass, interne Workflows im Hinblick auf sensible Themen zu überprüfen“. Vor allem die Abfolge redaktioneller Inhalte sowie die nötige Kontextualisierung komplexer Themen für ein junges Publikum sollten erneut besprochen werden.
Programmbeschwerden gegen „logo“
Gegen die Sendung waren mehrere Programmbeschwerden eingegangen. Größere Öffentlichkeit bekam das Thema durch einen Post auf „X“ von Thorsten Alsleben, dem Geschäftsführer der „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“. Er nannte den Beitrag einen „einseitigen Hetzbericht über die Geschichte der christlichen Kirchen“.
Eine weitere Beschwerde kam von der Christlichen Medieninitiative pro, die auch das Christliche Medienmagazin PRO herausgibt. Ihr Geschäftsführer Christoph Irion hatte am 16. April eine förmliche Programmbeschwerde gegen den „logo“-Beitrag eingelegt.
Irion kritisierte, das Erklärvideo werde dem Ziel, den Anstieg der Kirchenaustritte sachlich zu verdeutlichen, nicht gerecht. Der Beitrag enthalte „durch Weglassung und fehlende Kontextualisierung mehrere teils problematische historische Fehler“. Dadurch entstehe „eine einseitige und teils sachlich falsche Darstellung von Kirche und Glauben“.
Besonders kritisierte Irion, dass der Beitrag die Reformation und den Protestantismus nicht erwähnte. Wer mit Blick auf problematische Seiten der Kirchengeschichte „keine Silbe zur Reformation Martin Luthers und der Entstehung des Protestantismus verliert“, unterschlage „wichtigste Fakten der Kirchen- und Kulturgeschichte“, schrieb Irion.
Auch die Darstellung des Christentums insgesamt sei einseitig gewesen, so Irion. Das kirchliche Wirken und das Glaubensleben der Christen würden „ausschließlich durch Stereotype wie ‚Hölle‘, ‚Sünde‘, ‚Angst‘ oder ‚schreckliche Verbrechen‘ beschrieben“. Eine solche Darstellung werde dem journalistischen Sorgfaltsgebot und dem Anspruch des ZDF, religiöses Leben nicht herabzuwürdigen, „nicht im Ansatz gerecht“.
Kritik an Gegenüberstellung von Islam und Christentum
Ein weiterer Kritikpunkt war die Dramaturgie der Sendung. Direkt vor dem Kirchenbeitrag hatte „logo“ über das Ende des Ramadan und das muslimische Zuckerfest berichtet. In der Programmbeschwerde der Christlichen Medieninitiative pro heißt es, dieser Beitrag habe das Fest „anschaulich, lebensnah, bunt und fröhlich“ gezeigt. Das anschließende Erklärvideo über das Christentum habe hingegen „ausschließlich die gesammelten Abgründe, Verfehlungen und Verbrechen aus 800 Jahren Kirchengeschichte“ präsentiert.
Was ist eine Programmbeschwerde?
Eine förmliche Programmbeschwerde an den ZDF-Fernsehrat richtet sich nach § 25 der ZDF-Satzung. Sie muss sich auf eine bereits ausgestrahlte Sendung oder ein bereits veröffentlichtes Angebot beziehen. Außerdem muss sie einen konkreten Bestandteil einer Sendung mit Titel und Datum oder ein konkretes Telemedienangebot benennen. Beschwerdeführer müssen darlegen, welche Rechtsvorschriften oder Richtlinien aus ihrer Sicht verletzt wurden. Die Beschwerde kann über das elektronische Beschwerdeformular des Fernsehrats oder postalisch eingereicht werden.
Geht es um mehrere ähnliche Beschwerden zu einem Programm, kann die Vorsitzende des Fernsehrats entscheiden, diese gesammelt zu behandeln. Das ZDF nennt dies Mehrfachbeschwerdeverfahren.
Im Programmbeschwerdeverfahren bittet die oder der Vorsitzende des Fernsehrats den Intendanten um Stellungnahme. Der Intendant antwortet den Beschwerdeführern. Wenn diese sich damit nicht zufrieden geben, können sie verlangen, dass sich der ZDF-Fernsehrat damit befasst. Der Fernsehrat ist ein Aufsichtsgremium, das die Interessen „der Allgemeinheit“ vertreten soll.
Das ZDF hatte nach eigenen Angaben viele Beschwerden über den „logo“-Beitrag erhalten. Statt auf jede einzelne Beschwerde einzugehen, wählte das ZDF eine der Eingaben aus und behandelte diese als sogenannte „Leitbeschwerde“. Auch diese kritisierte die Abfolge der beiden Beiträge. Dort hieß es, es könne der Eindruck entstehen, am Fasten und am Eid al-Fitr der Muslime sei „nur Positives“ zu finden, während der folgende Beitrag „nur die negativen Aspekte der Kirche“ aufzähle. Dadurch werde Kindern eine tendenziöse Gegenüberstellung vermittelt.
Das ZDF weist in seiner Antwort zurück, eine solche Gegenüberstellung beabsichtigt zu haben. Der Beitrag zum Ramadan-Ende sei gesendet worden, weil dessen Feier an jenem Tag begonnen habe. Anlass für das Erklärvideo zu den christlichen Kirchen seien neu veröffentlichte Mitgliederzahlen der beiden großen Kirchen in Deutschland gewesen.
Respekt für Selbstkritik
Gleichzeitig erkennt Intendant Himmler an, dass der Eindruck mangelnder Ausgewogenheit entstehen konnte. Religion sei für viele Menschen „ein persönliches, identitätsstiftendes und sensibles Thema“, schreibt der Intendant. „An dieser Stelle sind wir mit diesem Thema nicht gut genug umgegangen.“
Thorsten Alsleben erklärte gegenüber PRO, immerhin gebe der Intendant „schwere Fehler und damit eine Verletzung der Programmgrundsätze zu“. Das Löschen des Beitrags aus dem Archiv mache den bei den jungen Zuschauern angerichteten Schaden allerdings nicht wieder gut. „Das Mindeste wäre eine offizielle Entschuldigung mit Bezug auf den alten Beitrag und einen neuen Beitrag, der die Kirche differenziert zeigt“, so Alsleben, und weiter: „Das wäre auch ein sehr gutes Lehrstück in Sachen Fehlerkultur, von dem Kinder viel mitnehmen könnten.“ Auf jeden Fall müsse der ZDF-Fernsehrat, das Aufsichtsgremium des Senders, die beanstandete Sendung auch „offiziell rügen“.
Die Programmbeschwerde gegen die Logo-Sendung und die öffentliche Diskussion darüber zeigen einen ersten Erfolg: @ZDF Intendant Himmler räumt ein, dass die Zusammenstellung in der Sendung (einseitig positiv: Ramadan, einseitig negativ: christliche Kirchen) ein "Fehler" war. Auch… https://t.co/3vj6rCN4PG pic.twitter.com/ERvu0CJ2fq
— Thorsten Alsleben 🇩🇪🇮🇱🇺🇦 (@BerlinReporter) May 12, 2026
Christoph Irion nahm die Antwort des ZDF-Intendanten „mit Respekt zur Kenntnis“. Er begrüße, dass das ZDF die Kritik ernst nehme, Fehler einräumt und den Beitrag aus dem Archiv entfernt habe. Gleichzeitig bat Irion um eine Behandlung der Programmbeschwerde auch im ZDF-Fernsehrat. „Es geht aus unserer Sicht nicht allein um einen einzelnen misslungenen Beitrag, sondern um grundsätzliche Fragen journalistischer Sorgfalt bei religiösen Themen – zumal in einem Nachrichtenangebot für Kinder.“ Dazu gehörten „die faire Darstellung religiöser Überzeugungen, historische Genauigkeit, Ausgewogenheit und die besondere Verantwortung öffentlich-rechtlicher Angebote gegenüber jungen Zuschauerinnen und Zuschauern“.