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Zahl psychisch kranker Kinder nimmt zu

Krankenkassen und Experten schlagen Alarm: psychische Störungen bei Kindern steigen seit Jahren an. Jedes fünfte Kind zeigt Auffälligkeiten. Kinder- und Jugendpsychiater befürchten, dass sich diese Zahlen bis zum Jahr 2020 verdoppeln werden.
Von PRO

Foto: iStockphoto, TatyanaGl

Der zehnjährige Kevin gilt seit dem Kindergartenalter als schwieriges Kind. Er kann sich nur kurz auf eine Sache konzentrieren und ist ständig in Streitereien mit anderen Kindern verwickelt. In der Grundschule lässt sich Kevin kaum in den Klassenverband integrieren. Die Eltern beschreiben ihn als sehr anstrengend, auch zu Hause sei er ständig in Auseinandersetzungen mit den Geschwistern verwickelt. Weil Kevins Mutter mit den Nerven völlig am Ende ist, sucht sie Rat bei der Kinderärztin. Diese schickt den Jungen in eine kinder- und jugendpsychiatrische Ambulanz, wo die Ärzte ein hyperkinetisches Syndrom feststellen. "Störungen des Sozialverhaltens und der Emotionen", aber auch Entwicklungsstörungen, zählen seit Jahren zu den häufigsten psychischen Erkrankungen.

Zehn Prozent der deutschen Kinder zeigen seelische Störungen, bei jedem fünften Kind sind psychische Auffälligkeiten zu erkennen. Das ergab eine Erhebung des Berliner Robert Koch-Institutes bereits im Jahr 2007. Beim diesjährigen Kongress der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie prophezeiten die Ärzte bis 2020 einen Anstieg der psychischen und psychosomatischen Erkrankungen im Kindesalter um mehr als 50 Prozent. Seelische Krankheiten werden den Experten zufolge künftig zu den "fünf häufigsten Ursachen für Krankheit, Tod und Beeinträchtigung der Lebensqualität" zählen.

Hartmut Hühnerbein, Vorstandsvorsitzender des Christlichen Jugenddorfwerkes (CJD), erlebt in den Einrichtungen seiner Organisation einen starken Zuwachs an Jugendlichen mit psychischen Störungen. "Diese werden häufiger als früher stationär untergebracht", sagt der Theologe. Auch Christian Wolf, Direktor der kinder- und jugendpsychiatrischen "Vitos Klinik Lahnhöhe" in Marburg, beobachtet seit Jahren steigende Patientenzahlen: "Pro Jahr behandeln wir 6.000 Kinder und Jugendliche ambulant, und etwa 300 stationär." Im Moment hat die Klinik Wartezeiten von etwa 3 bis 4 Monaten. "Das liegt aber auch daran, dass es zu wenig kinder- und jugendpsychiatrische Arztpraxen gibt." Wolf vermutet, dass die Patientenzahlen vor allem durch Aufklärung gestiegen sind. Der Bekanntheitsgrad vieler Störungen, wie beispielsweise ADHS, sei gestiegen. Gleichzeitig sei bei Eltern die Hemmschwelle, sich Hilfe zu suchen, gesunken. Auf der anderen Seite steige die Häufigkeit einiger psychischer Störungen, beispielsweise nähmen Suchterkrankungen, besonders Alkoholmissbrauch, zu. Auch Essstörungen wie beispielsweise Magersucht, Bulimie oder starkes Übergewicht gehören zu den häufigsten psychischen Störungen, erklärt Kinderpsychiater Wolf. Laut der "Kiggs"-Gesundheitsstudie des Robert Koch-Instituts zeigt jedes dritte Mädchen eine Essstörung. Dahinter stecken massive seelische Probleme.

Die 14-jährige Nicole wurde nach einem Schwächeanfall in die Kinderklinik eingeliefert.  Dem Psychiater erzählt sie, dass sie im letzten halben Jahr durch wenig Essen, Erbrechen, Abführmittel und übermäßige Bewegung 20 Kilogramm abgenommen habe. Sie wog 31 Kilogramm bei einer Größe von 164 Zentimetern, fühlte sich aber immer noch zu dick. Als die Eltern in der Klinik eintrafen, zeigten sie sich überrascht über den Zustand der Tochter und wiesen sich vor dem Psychiater gegenseitig die Schuld zu. Ob ein Kind eine seelische Erkrankung entwickelt, hängt von vielen Faktoren ab, erklärt Christian Wolf: "Eine Gruppe von Kindern bringt eine genetische Bereitschaft zu bestimmten Störungen mit. Diese kann so stark sein, dass es unabhängig vom Umfeld auf jeden Fall zu einer Erkrankung kommt. Andere Veranlagungen zeigen sich nur dann, wenn äußere Belastungen dazu kommen. Drittens gibt es äußere Belastungen, die so schwerwiegend sind, dass Kinder darunter psychisch erkranken – ohne genetische Disposition."

Genetische Veranlagung und Umwelteinflüsse spielen also zusammen. Dietmar Seehuber, Chefarzt der Abteilung Sozialtherapie und Psychotherapie der Klinik Hohe Mark und Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie, erklärt das so: "Manche Kinder kommen pflegeleicht auf die Welt, andere Babys sind von Geburt an leicht erregbar und unruhig. Gelingt es der Mutter, ein solches Baby zu besänftigen, macht das Kind gute Erfahrungen und lernt, sich beruhigen zu lassen. Dies wirkt sich auf das Gehirn, auf das Stressystem und auch auf die Gene aus." Ist dagegen die Mutter mit dem anstrengenden Kind überfordert oder selbst überlastet, erlebe das Kind keine Beruhigung, sondern zusätzliche äußere Unruhe und Spannungen. "Kinder bilden zwischen dem zweiten und vierten Lebensjahr die Fähigkeit aus, mit Stress umzugehen", erklärt der Chefarzt.

Sichere Bindung und positives Familienklima

Grundlage für psychisches Wohlbefinden und eine unbelas­tete Entwicklung ist die sichere Bindung zu der Mutter oder anderen wichtigen Bezugspersonen. Positive frühe Bindungserfahrungen sorgen dafür, dass Belastungen und Herausforderungen später im Leben besser bewältigt werden können. "Unzuverlässige oder wechselnde Bezugspersonen gehören ganz klar zu den Belastungsfaktoren", erklärt Christian Wolf. Wenn dagegen Kinder in der Familie früh die Erfahrung machen, dass sie Belastungen gut bewältigen und Konflikte lösen können, werden sie auch zukünftige Anforderungen erfolgreicher durchstehen.

Um herauszufinden, warum manche Kinder krank werden und andere nicht, erforschen Experten die "Resilienz", also die Widerstandsfähigkeit, eines Menschen. "Man weiß inzwischen, dass angeborene Schutzfaktoren es manchen Kindern leichter machen, auf gewisse Belastungen zu reagieren. Studien haben gezeigt, dass extrovertierte und neugierige, aktive Kinder besser klarkommen als sehr introvertierte Kinder", erklärt der Psychiater. Dagegen stellen psychosoziale Risiken wie Alltags- und Finanzprobleme, geringe Solidarität unter den Familienmitgliedern und eine gestörte Eltern-Kind-Beziehung entscheidende Risikofaktoren für die Entstehung einer seelischen Störung dar.

Theologe Hühnerbein beobachtet eine Zunahme an traumatisierten Kindern. Dazu gehören diejenigen, die zu Hause Gewalt oder Missbrauch erleben, aber auch Migrantenkinder, die aus Krisengebieten geflohen sind und ihre Erfahrungen dort nicht verarbeitet haben. Viele Kinder aus Migrantenfamilien verkrafteten den Kulturschock nicht, seien hin- und hergerissen zwischen zwei Welten und Kulturen. Auch die "Kiggs"-Gesundheitsstudie hat gezeigt, dass Kinder mit Migrationshintergrund häufiger seelische Störungen aufweisen als Kinder von Nichtmigranten.

Armut und Migration, aber auch das Aufwachsen bei einem alleinerziehenden Elternteil sieht Dietmar Seehuber als häufigste äußere Risikofaktoren. Scheidung und Trennung seien immer Stressfaktoren für die Kinder. Dennoch müsse man das differenzieren: "Der Status alleinerziehend gilt zwar als Risikofaktor, allerdings geht es Kindern von Alleinerziehenden nicht automatisch schlechter als anderen. Viele Alleinerziehende leben aber an der Armutsgrenze."
Auch den hohen Druck des Bildungssystems bewertet Seehuber als schädlich: "Manche Kinder kommen mit Stressfaktoren und auch Leistungsdruck gut klar, sie brauchen das regelrecht. Andere stranden. Das Tragische daran: Die Schere zwischen den robusten Kindern, die erfolgreich ihren Weg gehen, und denen, die auf der Strecke bleiben, wird immer größer. Da schafft unsere Gesellschaft die Verlierer von morgen."

Mitarbeit der Eltern ist Dreh- und Angelpunkt der Therapie

Kevin wurde wegen seines hyperkinetischen Syndroms drei Monate lang stationär behandelt und macht im Anschluss daran eine Verhaltenstherapie. Bei den meisten jungen Patienten wird die Therapie ambulant durchgeführt. Idealerweise sollte diese begleitet werden durch eine engmaschige Elternarbeit, bei der Mütter und Väter erkennen, was sie dazu tun können, damit das Kind gesund aufwachsen kann, erklärt Wolf. Die magersüchtige Nicole wurde stationär aufgenommen und lernte in verschiedenen Therapieformen die Hintergründe ihrer Magersucht verstehen. Auch sie braucht im Anschluss Unterstützung durch eine ambulante Psychotherapie. Die Ärzte befürchten allerdings, dass sie ohne die Unterstützung und Einsicht der Eltern einen Rückfall erleiden könnte. "Dreh- und Angelpunkt unserer Arbeit ist die Familientherapie. Die Erfolge, die wir bei Kindern erreichen, haben nur Bestand, wenn sich auch in ihrem Umfeld etwas ändert", davon ist Klinikleiter Wolf überzeugt. (pro)

Dieser Text erschien in der gedruckten Ausgabe 5/2011 des Christlichen Medienmagazins pro, die am 20. Oktober erschien. Das Magazin ist kostenlos und kann unter der Telefonnummer 06441/915151, via E-Mail an info@pro-medienmagazin.de oder online unter www.pro-medienmagazin.de bestellt werden.

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